M. Möser
Theoretische Akustik
Skript zur Vorlesung
27. März 2008
Nichts ist praktischer als eine (richtige) Theorie.
(nach Manfred Heckl,
dem dieses Skript gewidmet ist)
Vorwort
Diese Theoretische Akustik“ ist mehreren Zielen verpflichtet:
”
• Sie versucht nicht nur, die bei der Berechnung von Schallfeldern benutzten
Methoden und Verfahren aufzugreifen und an Beispielen durchzuführen,
wie z. B. die allerdings wirklich recht naheliegende Benutzung der FourierTransformation und der Lösung gewisser Randwertprobleme.
• Sie greift darüber hinaus auch höchst prinzipielle physikalische Fragestellung auf (wie z. B. die Physik der Abstrahlung und die der Beugung) und
versucht, diese auf ihre wesentlichen Inhalte und Substanzen hin abzuklopfen, und dabei dürfen fraglos auch die praktischen Anwendungen z. B. im
Schallschutz nicht in den Hintergrund treten.
Zunächst werden sehr grundsätzliche Dinge besprochen: was ist sehr vielen
akustischen Übertrager gemeinsam, wie kommt eigentlich die Vorliebe für die
Betrachtung harmonischer (sinusförmiger) Zeitverläufe zustande, was meinen
Impulsantwort und Übertragungsfunktion. Danach werden die Grundlagen
der Schallausbreitung in Gasen besprochen. Hier ist die Darstellung teilweise
gerafft, weil der Stoff in anderen Lehrveranstaltungen des Verfassers ausführlich behandelt wird.
Danach wird die Abstrahlung von Ebenen betrachtet. Weil man diese auf
sehr einleuchtende Prinzipien und gut zu verstehende Gesetze zurückführen
kann, handelt es sich dabei sicher um ein zentrales Kapitel der Vorlesung.
Auch beruhen einige praktisch recht bedeutsame Messvorschriften auf den
hier erarbeiteten Sachverhalten.
Es folgt anschließend die Behandlung von Randwert-Problemen, wobei die
Wellengleichung in Zylinderkoordinaten sozusagen als Beispiel benutzt wird.
Anfangs wird geschildert, wie man dabei vorgeht, es steht also zunächst das
Methodische und weniger das Ergebnis im Vordergrund. Anschließend wird
das Gelernte dann allerdings auf die Beugung an Hindernissen angewendet,
und diese Frage allerdings ist für die Praxis ausgesprochen wichtig: Fast der
gesamte Lärmschutz an Straßen hat die Beugung an Schallschutzwänden zum
physikalischen Hintergrund, und leider, leider ist deren Wirkung arg begrenzt,
VIII
Vorwort
wie das entsprechende Kapitel zeigt, das sicher als zweiter zentraler Teil der
Veranstaltung angesehen werden darf.
Das ist (vielleicht schon mehr als) genug Stoff für die ein Semester währende Veranstaltung. Der Verfasser ist - mit anderen - der Meinung, dass Einiges
”
klar durchdacht“ besser ist als Vieles oberflächlich gestreift“; weniger kann
”
bekanntlich mehr sein.
Schließlich darf ich noch erwähnen, dass die Teilnehmer an dieser Lehrveranstaltung nach meiner Erfahrung recht heterogen zusammengesetzt sind. Ein
beträchtlicher Anteil der Hörer hat sonst kaum etwa mit Akustik zu tun. Ausdrücklich sind mir auch diese Teilnehmer herzlich willkommen; ich nehme auch
gerne Rücksicht, indem die für das Verständnis erforderlichen Voraussetzungen wenigstens kurz besprochen werden, so dass man der Vorlesung auch (mit
der üblichen mathematischen und physikalischen Grundausstattung“) folgen
”
kann. Allerdings darf ich um Verständnis bitten, dass hier natürlich Grenzen
gesetzt sind. Einige Dinge müssen wirklich anderen Vorlesungen überlassen
bleiben. Warum z. B. in der Akustik Schallpegel benutzt werden, und welche
Begründung für die adiabatische Zustandsgleichung (in den Details) gegeben
wird, das kann hier nicht alles nochmals aufgearbeitet werden.
Teile dieses Skriptes sind übrigens auch im meinem Buch Technische Akustik (erschienen beim Springer Verlag in Berlin, 7.-te Auflage im Jahr 2007,
etwa 600 Seiten, 8.-te Auflage geplant für 2009) enthalten, dass auf einige der
soeben aufgeworfenen Fragen ausführliche Antworten parat hält.
Dieses Skript ist so ausführlich gestaltet, dass keine Mitschrift der Vorlesung mehr nötig ist; Nebenbemerkungen am Seitenrand während des Hörens
sollten vollauf genügen. Es reicht auch zur Prüfungsvorbereitung völlig aus,
in der Prüfung wird kein Verständnis oder Wissen erwartet, das darüber hinausgeht.
Ich freue mich über jeden Fehler, den die Leser finden, denn das hilft mir,
es besser zu machen.
Inhaltsverzeichnis
1
Grundlagen der Übertragungstheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1.1 Eigenschaften von Übertragern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1.1.1 Linearität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1.1.2 Zeitinvarianz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1.2 Beschreibung durch die Impulsantwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1.3 Das Invarianz-Prinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1.4 Fourier-Zerlegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1.4.1 Fourier-Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1.4.2 Fourier-Transformation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1.4.3 Die Übertragungsfunktion und der Faltungssatz . . . . . . .
1.4.4 Symmetrien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1.4.5 Impulsantworten und Hilbert-Transformation . . . . . . . . .
1.5 Wellenleiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1
2
2
3
4
9
10
11
19
22
24
26
28
2
Die akustischen Zustandsgleichungen in Gasen . . . . . . . . . . . . .
2.1 Die Zustandsgrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2.2 Zustandsgleichungen für die Gesamtgrößen . . . . . . . . . . . . . . . . .
2.2.1 Boyle-Mariotte-Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2.2.2 Adiabatische Zustandsgleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2.3 Zustandsgleichungen für die Schallfeldgrößen . . . . . . . . . . . . . . . .
33
33
34
34
35
36
3
Schallfeld-Gleichungen in kartesischen Koordinaten . . . . . . . .
3.1 Folgerung aus der Massen-Erhaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.1.1 Eindimensionale Betrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.1.2 Dreidimensionale Betrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.2 Folgerungen aus der Impuls-Erhaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.2.1 Eindimensionale Betrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.2.2 Dreidimensionaler Fall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.3 Lighthill-Gleichung und Wellengleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.3.1 Eindimensionaler Fall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3.3.2 Dreidimensionaler Fall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
39
39
39
40
41
41
41
42
42
45
M. Möser
X
Inhaltsverzeichnis
3.4 Energie und Leistung in Schallfeldern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
4
5
Schallabstrahlung von ebenen Flächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.1 Örtlich harmonische Anregung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.2 Allgemeine Form der Anregung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.3 Betrachtungen im Fernfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.3.1 Fernfeldbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.4 Spezielle eindimensionale Strahler-Anordnungen . . . . . . . . . . . . .
4.4.1 Die Kolbenmembran . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.4.2 Kurzwellige, endlich lange Strahler . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.5 Dreidimensionale Behandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4.6 Spezielle (zweidimensionale) Strahler-Anordnungen . . . . . . . . . .
4.6.1 Die kreisförmige Kolbenmembran . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
49
50
53
56
59
60
60
63
65
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67
Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten . . . . . . . . . . . . . . . . 73
5.1 Das Koordinatensystem des Kreiszylinders . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
5.2 Wellengleichung in Zylinderkoordinaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
5.2.1 Massenerhaltungssatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
5.2.2 Impulserhaltungssatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
5.2.3 Wellengleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
5.3 Ebene Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
5.3.1 Lösungen der Wellengleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
5.3.2 Abstrahlung von Zylinder-Oberflächen . . . . . . . . . . . . . . . 83
5.3.3 Beugung an Zylindern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
5.4.1 Beugung an der schallharten Schneide . . . . . . . . . . . . . . . . 106
5.4.2 Bedeutung der Höhe von Schallschutzwänden . . . . . . . . . 121
5.4.3 Schallschutzwälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
5.4.4 Absorbierende Schallschutzwände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
5.4.5 Schalldurchgang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
5.4.6 Beugung an Wänden mit aufgesetzten Zylindern . . . . . . 126
5.5 Abstrahlung und Beugung im dreidimensionalen Raum . . . . . . . 126
5.6 Schallausbreitung in Rohren (Kundtsches Rohr) . . . . . . . . . . . . . 128
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
1
Grundlagen der Übertragungstheorie
Alle akustischen Strukturen und Anordnungen haben eines gemeinsam: sie
übertragen ein gewisses Zeitsignal und wandeln es dabei in ein anderes um.
So regt z. B. ein elektrisches Signal die Lautsprecher-Membran einer Beschallungsanlage an, und bereits darin besteht eine Signal-verformende Änderung
des Spannungs-Zeitverlaufes in den Zeitverlauf der Membran-Schnelle. Dann
kann dieses Signal weiter in jede erdenkliche akustische Umgebung“ abge”
strahlt werden, ins Freie, in die ganze Vielfalt der denkbaren Räume mit den
unterschiedlichsten Nachhallzeiten und Einrichtungen; und auch dabei wird
der Zeitverlauf der Membran-Schnelle in eine jeweils von der akustischen Umgebung (und sogar noch vom darin betrachteten Punkt) abhängende Signalgestalt des Schalldruck-Zeitverlaufes umgeformt.
Natürlich beschreiben die genannten Beispiele nur sehr spezielle Fälle von
Übertragern. Andere Beispiele - um nur noch einige wenige zu nennen - sind
Filter, Schalldämpfer, Mikrophone, von Kräften zu Schwingungen angeregte
Strukturen wie Platten, Stäbe, Bauwerke, Brücken, Fahrzeuge, und viele andere. Hier, in der Theoretischen Akustik, werden nur einige ganz spezielle
Übertrager und Übertragunsgphänome behandelt werden, nämlich vor allem Abstrahl-Vorgänge von gewissen, noch halbwegs einfach behandelbaren
Flächen und Beugungs-Vorgänge; aber auch bei diesen handelt es sich zweifellos um die Betrachtung und Beschreibung von Übertragern. Grund genug, die
allgemeinen Eigenschaften und Beschreibungsmöglichkeiten von Übertragern
an den Anfang der Theoretischen Akustik zu stellen.
Allgemein soll unter einem Übertrager (oder einem System) eine jede Einrichtung zu verstehen sein, die aus einem zeitlichen Signal ein zweites, durch
irgendeine Verformung aus dem ersten entstandenes, sogenannten Ausgangssignal macht. Das Anregesignal x(t) wird als Eingangssignal“ bezeichnet und
”
ließe sich als Ursache“ für einen zeitlichen Vorgang ansehen, das Ausgangs”
signal y(t) könnte dann wohl auch durch den Begriff Wirkung“ gekennzeich”
net werden. Wie man an einem konkreten Übertrager sinnvoll Eingangssignal
x(t) und Ausgangssignal y(t) wählt, das hängt von den Gegebenheiten, dem
Zweck der Betrachtung und durchaus auch von der Wahl des Betrachters
2
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
1.1 Eigenschaften von Übertragern
ab. Z. B. wird es gewiss sinnvoll sein, bei einem Mikrophon den anregenden
Schalldruck-Zeitverlauf als Eingang und die Mikrophon-Spannung als Ausgang aufzufassen; nichts spräche andererseits dagegen, den Strom-Zeitverlauf
im elektrischen Kreis als Ausgang aufzufassen. Will man erst einmal das lokale
Geschehen bei einem Lautsprecher betrachten, dann würde man die Speisespannung als Eingang und die Membranschnelle als Ausgang definieren,
ebensogut ließe sich alternativ auch die Membranbeschleunigung verwenden.
Interessiert auch noch die Abstrahlung, dann wäre der Ausgang vernünftigerweise wohl das Schalldrucksignal in einem Punkt. Sollte jedoch aus irgend
einem Grund die Luftschall-Schnelle interessieren, dann ließe sich natürlich
auch diese als Ausgang benutzen.
Die Operation L soll hinfort die genaue Art und Weise bezeichnen, in
welcher der Übertrager das Eingangssignal in ein Ausgangssignal verwandelt:
y(t) = L[x(t)] .
(1.1)
Dabei darf man sich jede beliebige, wohldefinierte Verformung eines ebenso
beliebigen Eingangssignals x(t) zu einem Ausgang y(t) vorstellen, die durch L
bewirkt wird. Um nur ein Beispiel aus der großen, denkbaren Vielfalt herauszugreifen: ein entsprechendes Filter verformt z. B. ein periodisch wiederholtes
Dreiecksignal zu einer Sinusfunktion gleicher Frequenz.
Neben den hier schon genannten Übertragern sei z. B. noch ein Gleichrichter genannt, von denen wir übrigens jeder (mindestens) so viele besitzen,
wie wir Geräte mit Netzanschluss unser eigen nennen. Seine Aufgabe besteht
ebenfalls in einer Signalverformung, er macht nämlich aus einer Wechselspannung (möglichst) eine Gleichspannung. Der Quadrierer ist ein nah verwandter
Übertrager, er wird in Zukunft auch einmal als Beispiel zur Veranschaulichung
herangezogen werden, um die im Folgenden erarbeiteten Sachverhalte zu veranschaulichen.
1.1 Eigenschaften von Übertragern
1.1.1 Linearität
Übertrager können sich linear oder nichtlinear verhalten. Linear werden solche Systeme genannt, für die das Prinzip der ungestörten Überlagerung stets
angewendet werden kann, für die also bei beliebigen Signalen x1 (t) und x2 (t)
und beliebigen Konstanten c1 und c2
L[c1 x1 (t)] + L[c2 x2 (t)] = c1 L[x1 (t)] + c2 L[x2 (t)]
(1.2)
gilt. Die Reaktion des Übertragers auf eine Linearkombination von Signalen
ist gleich der Summe der Teilreaktionen. Das Prinzip der ungestörten Über”
lagerung“ wird auch als Superpositionsprinzip“ bezeichnet.
”
3
Viele Übertrager verhalten sich linear, solange die Eingangssignale eine gewisse, von Fall zu Fall unterschiedliche Grenze nicht überschreiten. Z. B. ist die
Luftschallübertragung unter (etwa) 130 dB faktisch linear. Für sehr große Pegel oberhalb von 140 dB allerdings wird auch die Schallausbreitung in Luft zu
einem nichtlinearen Phänomen. Auch die elektroakustischen Wandler sind bei
ausreichend kleinen Anregegrößen linear. Nur bei den höchsten empfangenen
Schalldrücken weisen Mikrophone Nichtlinearitäten auf. Etwas häufiger treten
Nichtlinearitäten bei Lautsprechern dann auf, wenn ihre Eingangsspannung
vor allem bei preiswerteren Exemplaren zwecks großer Lautstärke-Ausbeute
übertrieben eingestellt wird.
Ein einfaches, dabei vielleicht ein wenig konstruiert wirkendes Beispiel für
einen nichtlinearen Übertrager besteht im Quadrierer y(t) = x2 (t). Schon
dieses Beispiel zeigt, dass nichtlineare Systeme die Signalfrequenz eines harmonischen Eingangssignals verändern. Für x(t) = x0 cos ωt ist
y(t) = x2 (t) = x20 cos2 ωt =
x20
(1 + cos 2ωt) .
2
(1.3)
Das Ausgangssignal enthält also einen Gleichanteil und einen Anteil mit der
doppelten Frequenz des Einganges. Darin besteht allgemeiner die Konsequenz
aus einer Nichtlinearität: zu einer Eingangsfrequenz entstehen im Ausgangssignal neue, zusätzliche Frequenzen. Obwohl das sehr oft der Fall ist, müssen
diese neuen Frequenzen nicht immer - wie beim Quadrierer - Vielfache der
Eingangsfrequenz sein; es können z. B. durchaus auch Frequenz-Halbierungen
und allgemeine, gebrochene Frequenzverhältnisse auftreten.
Wie oben schon angedeutet ist der Übergang zwischen dem linearen und
dem nichtlinearen Bereich eines Übertragers in Wahrheit fließend. Deshalb
werden Maßzahlen für den Nichtlinearitätsgrad angegeben. Am bekanntesten ist der sogenannte Klirrfaktor (er besteht in der Summe der AusgangsAmplituden der nicht im Eingang enthaltenen Frequenzen, geteilt durch die
Ausgangs-Amplitude mit der Eingangsfrequenz). Statt einen Übertrager mit
dem Beiwort linear“ zu charakterisieren, wäre die Angabe des Klirrfaktors
”
als Funktion der Eingangsamplitude und der Frequenz präziser. Dieser ist allerdings oft unmessbar klein, wie zum Beispiel bei der Luftschallübertragung
unter 100 dB.
Benutzer von heute aus der Mode gekommenen Tonbandgeräten werden
sich an das Aussteuern vor Aufnahmen erinnern. Damit ist in Wahrheit der
Klirrfaktor auf (etwa) 0,03 begrenzt worden.
1.1.2 Zeitinvarianz
Zeitinvariant wird ein Übertrager dann genannt, wenn die Systemreaktion
L[x(t)] bei beliebiger Zeitverzögerung τ des Einganges ebenfalls nur um τ
verzögert wird. Für beliebige x(t) und τ soll also
y(t − τ ) = L[x(t − τ )]
(1.4)
4
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
gelten, wobei natürlich für die unverzögerten Varianten y(t) = L[x(t)] vorausgesetzt worden ist.
Zeitvariante Systeme andererseits sind solche, deren Parameter sich nach
einer gewissen Zeit merklich verändert haben. Z. B. kann sich in einem Saal
während einer Darbietung die Temperatur und damit auch die Schallgeschwindigkeit ändern, streng genommen handelt es sich also bei der Schallausbreitung im Raum um eine zeitvariante Übertragung. Andererseits erfolgt die
Erwärmung oft so langsam, dass man in kleinen, nur wenige Minuten betragenden Zeitintervallen, die beispielsweise für Messungen vorgesehen sind, von
Zeitinvarianz ausgehen kann.
Ein wirklich zeitvariantes System besteht in der Schallübertragung, bei der
Sender und Empfänger relativ zueinander bewegt werden, denn hier ändert
sich die Laufzeit zwischen Quellort und Mikrophonort selbst zeitlich. Der
dabei auftretende Effekt besteht in der Doppler-Verschiebung der Signalfrequenz. Nicht nur nichtlineare, sondern offensichtlich auch zeitvariante Systeme
ändern demnach die Frequenz des Eingangssignals, bei der Übertragung findet
eine Frequenzveränderung statt.
Andererseits scheint die Erfahrung zu zeigen, dass lineare und zeitinvariante Übertrager frequenztreu sind. Besteht der Signaleingang eines linearen und zeitinvarianten Systems aus einem harmonischen Signal (also einer
Cosinus-Funktion) einer gewissen Frequenz, dann bildet der Ausgang ebenfalls ein harmonisches Signal gleicher Frequenz, das dabei nur eine andere
Amplitude und eine andere Phase als der Eingang besitzen kann. Alle hier
besprochenen Beispiele weisen auf dieses Prinzip hin. Tatsächlich lässt sich
allgemein zeigen, dass das Gesetz der Frequenztreue für alle linearen und
zeitinvarianten Übertrager gilt; der Beweis wird im übernächsten Abschnitt
geführt werden.
1.2 Beschreibung durch die Impulsantwort
Aus Gründen der Anschaulichkeit erfolgt die Zerlegung zunächst in endlich breite Bausteine, die beliebig schmalen gehen dann als Grenzfall aus den
endlich breiten hervor.
Zuerst muss der Baustein selbst definiert werden. Bei endlicher Breite besteht er in der in Bild 1.1 gezeigten Rechteckfunktion r∆T (t), deren Funktionswert 1/∆T im Intervall −∆T /2 < t < ∆T /2 beträgt, außerhalb dieses Intervalls ist r∆T (t) = 0. Das Integral über r∆T (t) ist demnach unabhängig von ∆T
gleich 1, solange nur der Integrationsbereich das Intervall −∆T /2 < t < ∆T /2
ganz enthält (a, b > ∆T /2):
Zb
r∆T (t)dt = 1.
(1.5)
−a
Die Zerlegung des Eingangssignals x(t) in eine aus gegeneinander verschobenen Bausteinen bestehende Reihe in eine Treppenfunktion ergibt die Näherungsfunktion
∞
X
x∆T (t) =
x(n∆T )r∆T (t − n∆T )
(1.6)
n=−∞
(siehe Bild 1.2), die natürlich bei endlichem ∆T die Originalfunktion x(t)
nur unbefriedigend nachbildet; erst der Grenzübergang ∆T → 0 kann für eine
exakte Nachbildung sorgen, erst dann sind wirklich auch nicht zerkleinerbare“
”
Bausteine definiert worden.
r
(t)
∆T
1.2 Beschreibung durch die Impulsantwort
∆T
r∆ T
Am einfachsten beschreibt man die Wirkung eines inhomogenen Ganzen, indem man es gedanklich in viele (im Grenzfall: in unendlich viele) nicht mehr
zerkleinerbare Bestandteile zerlegt und die Wirkung der Bestandteile für sich
betrachtet. So verfährt man zum Beispiel, wenn das Schwerefeld eines inhomogenen Körpers interessiert. Man zerlegt ihn in (infinitesimal) kleine Würfel mit
konstanter Dichte. Für jeden Würfel kann man dann das Schwerefeld bestimmen; das Ganze ist dann die Summe der Teile (das läuft auf die Berechnung
eines Integrals hinaus).
Genauso kann man auch bei der Übertragungs-Beschreibung verfahren.
Man zerlegt das Eingangssignal in nicht mehr verkleinerbare Teile, betrachtet
dann die Übertragung dieser Teile und setzt dann das Ausgangssignal durch
Summation zusammen, wobei im letzten Schritt die vorausgesetzte Linearität
und Zeitinvarianz genutzt werden.
5
1/∆ T
t
Abb. 1.1. Rechteckfunktion r∆T (t)
6
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
1.2 Beschreibung durch die Impulsantwort
7
Zb
δ(t)dt = 1.
(1.10)
−a
Wegen ihres etwas ungewöhnlichen Aussehens wird die Delta-Funktion auch
als Sonderfunktion bezeichnet.
Mit kleiner werdendem ∆T rücken die einzelnen Rechteckfunktionen
r∆T (t − n∆T ) immer näher zueinander, ihre Dichte wird immer größer. Im
Grenzfall ∆T → 0 liegen die Bestandteile r∆T (t − n∆T ) beliebig nahe beieinander, deshalb geht die diskrete Verzögerungszeit n∆T in die kontinuierliche
Variable τ über: n∆T → τ . Aus der Summation in der Gleichung für y∆T (t)
wird eine Integration, aus dem diskreten Abstand ∆T zwischen zwei Rechteckfunktionen wird das infinitesimal kleine Element dτ . Damit ergibt sich also
für die exakte Beschreibung des Systemausganges
x (t)
∆T
Signal
x(t)
Z∞
y(t) =
0
Zeit t
Wenn es sich - wie vorausgesetzt - um einen linearen und zeitinvarianten
Übertrager handelt, dann kann die Übertragung von x∆T (t) einfach berechnet
werden, wenn bekannt ist, wie das System auf eine einzelne Rechteckfunktion
r∆T (t) reagiert. Diese Information wird nun als gegeben vorausgesetzt, es ist
also
h∆T (t) = L[r∆T (t)]
(1.7)
bekannt. Wegen der Linearität und der Zeitinvarianz gilt dann
=
∞
X
x(n∆T )r∆T (t − n∆T )] =
n=−∞
∞
X
∞
X
x(n∆T )L[r∆T (t − n∆T )]
n=−∞
x(n∆T )h∆T (t − n∆T )
(1.8)
Darin ist h(t) offensichtlich die Antwort des Übertragers auf den Deltaförmigen Eingang, es ist ja
h
i
h(t) = lim h∆T (t) = lim L[r∆T (t)] = L lim r∆T (t) = L[δ(t)] (1.12)
∆T →0
∆T →0
für die Systemantwort auf den Eingang x∆T (t).
Beim Grenzübergang ∆T → 0 geht die Rechteckfunktion in die (unendlich
schmale) Diracsche Delta-Funktion über:
lim r∆T (t) = δ(t)
(1.9)
die nur in t = 0 einen von Null verschiedenen (unendlich großen) Funktionswert besitzt. Diese Deltafunktion erfüllt ihren Zweck, nicht weiter zerkleinerbar zu sein. Das Integral über die Deltafunktion existiert und ist gleich 1
(a, b > 0):
∆T →0
Die Systemantwort h(t) auf den Delta-Impuls am Eingang wird als Impulsantwort bezeichnet.
Das Integral auf der rechten Seite von Gl. (1.11) wird Faltungsintegral
genannt, weil in h(t − τ ) die Integrationsvariable mit negativem Vorzeichen
auftritt: auf einem (nicht gegenständlichen) Blatt aufgezeichnet ergibt sich
der Funktionsverlauf h(t − τ ) über τ aus h(τ ) durch Falten des Blattes an
der Stelle τ = t und Umknicken des Blattes um 180◦ . Die Namensgebung
knüpft an dieser geometrischen Vorstellung an und verweist dabei nicht auf
die eigentliche Substanz der Betrachtungen: diese besteht in der Zerlegung
des Eingangssignals in die (unzerkleinerbaren) Delta-förmigen Bestandteile
Z∞
n=−∞
∆T →0
(1.11)
−∞
Abb. 1.2. Originalsignal x(t) und Nachbildung durch Treppenfunktion x∆T (t)
y∆T (t) = L[
x(τ )h(t − τ )dτ .
x(t) =
x(τ )δ(t − τ )dτ ,
(1.13)
−∞
aus der sich der Übertrager-Ausgang wie oben gezeigt berechnen lässt. Die
Operation auf der rechten Seite von Gl. (1.11), die auf Eingangssignal x(t) und
Impulsantwort h(t) angewandt wird, heißt Faltung“. Das Ausgangssignal ei”
nes linearen und zeitinvarianten Übertragers ist gleich der Faltung aus Impulsantwort und Eingangssignal. Dabei können Eingangssignal und Impulsantwort
miteinander vertauscht werden, d.h. es gilt
8
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
Z∞
y(t) =
1.3 Das Invarianz-Prinzip
Z∞
x(τ )h(t − τ )dτ =
−∞
h(τ )x(t − τ )dτ ,
(1.14)
−∞
wie man leicht mit einer Variablensubstitution in Gl. (1.11) zeigen kann (man
setzt dazu u = t − τ und deshalb du = −dτ und schreibt anschließend für u
einfach wieder τ ). Die Faltung ist also invariant gegenüber der Vertauschung
der Signale, auf der sie angewandt wird. Bei einem Übertrager können demnach Eingangssignal und Impulsantwort vertauscht werden, ohne dass sich der
Ausgang dabei ändert.
Der Kern der geschilderten Überlegungen besteht in der Zerlegung von
Signalen in nicht mehr dichter packbare Delta-Impulse, die deshalb beliebig
schmal sein müssen. Damit ihr Integral von Null verschieden ist muss der
Funktionswert notwendigerweise im Mittelpunkt unendlich groß sein. Dieser Gedankengang kann mit der bekannten Reihenzerlegung von gegebenen
Funktionen verglichen werden, nur dass hier die Integration über unendlich
schmale Teile an die Stelle der Summation über diskrete Elemente tritt. Der
Zweck der Darstellung von Signalen durch ihren Delta-Kamm (so ließe sich
Gl. (1.13) auch bezeichnen) besteht darin, dass nun der Übertrager-Ausgang
aus dem derart zerlegten Eingang unmittelbar berechnet werden kann. Das
ist natürlich auch direkt aus der Zerlegung (1.13) ohne den Umweg über die
aus didaktischen Gründen an den Anfang gestellte Zerlegung in eine Treppenfunktion möglich:
∞
Z
y(t) = L
x(τ )δ(t − τ )dτ .
(1.15)
eine einschalige (dünne) Wand übertragen worden ist, eine Art von verlänger”
tem“ Impuls; tatsächlich besteht die Impulsantwort in einer sehr rasch abklin−t/T
00
genden Exponentialfunktion (h(t) ∼ e
mit T = m /%0 c für den senkrechten Schalleinfall und für t ≥ 0, für t < 0 ist natürlich h(t) = 0, für die
Bezeichnungen siehe auch Kapitel 8). Obwohl daraus die Schallübertragung
gewiss korrekt berechnet werden kann, lässt sich doch der Impulsantwort nur
sehr schwer eine anschauliche, leicht einprägsame Deutung des physikalischen
Phänomens entnehmen.
Die Beschreibung der Übertragung mit Hilfe von Frequenzgängen, die
in den folgenden Abschnitten betrachtet wird, bietet dagegen ein unmittelbar einleuchtendes und eingängiges Konzept, in dessen Zentrum die Klangverfärbung von Signalen durch die Übertragung steht.
1.3 Das Invarianz-Prinzip
Schon im vorletzten Abschnitt ist die Vermutung aufgestellt worden, dass
lineare und zeitinvariante Übertrager ein harmonisches (sinusförmiges) Eingangssignal stets unverzerrt übertragen: Das Ausgangssignal besteht ebenfalls
stets in einem harmonischen Signal gleicher Frequenz, lediglich Amplitude und
Phase werden durch den Übertrager geändert, die Signalgestalt selbst ist also
invariant gegenüber der Übertragung.
Dass dieses vermutete Prinzip tatsächlich allgemein gilt, lässt sich mit Hilfe
des Faltungsintegrales (1.14) zeigen. Dazu wird ein Eingangssignal
x(t) = Re{x0 ejωt }
−∞
Wegen der vorausgesetzten Linearität darf die Reihenfolge von Integration
und Operation L vertauscht werden:
Z∞
y(t) =
Z∞
L[x(τ )δ(t − τ )]dτ =
−∞
x(τ )L[δ(t − τ )]dτ .
(1.16)
−∞
Auf Grund der angenommen Zeitinvarianz wird daraus natürlich ebenfalls
wieder
Z∞
y(t) =
x(τ )h(t − τ )dτ .
(1.17)
mit der komplexen Amplitude x0 angenommen. Der zugehörige Ausgang ergibt sich nach Gl. (1.14) zu
Z∞
Z∞
y(t) =
h(τ )Re{x0 ejω(t−τ ) }dτ = Re x0 ejωt
h(τ )e−jωτ dτ . (1.18)
−∞
−∞
Das letzte Integral hängt nur von der Signalfrequenz ω ab, es ist dabei insbesondere von t unabhängig. Setzt man zunächst kurz
Z∞
h(τ )e−jωτ dτ ,
(1.19)
x(t) = Re{H(ω)x0 ejωt } ,
(1.20)
H(ω) =
−∞
Faltungsintegral und Impulsantwort h(t) beschreiben die Übertragung im
Zeitbereich, indem die Wirkungen vieler gegeneinander verschobener Eingangsimpulse auf der Ausgangsseite aufaddiert werden. Der Hauptnachteil
dieser Methode besteht oft in einer gewissen Unanschaulichkeit der Impulsantwort zur Charakterisierung der Übertragung. Z. B. ist die in einem Empfangsraum ankommende Reaktion auf einen Knall im Senderaum, der durch
9
−∞
so erhält man
und das beweist die aufgestellte Behauptung: ist der Eingang harmonisch
mit der Frequenz ω, dann ist auch der Ausgang harmonisch mit der gleichen
Frequenz. Die Übertragung wird vollständig beschrieben durch Angabe der
10
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
Amplitudenänderung |H| und der Phasenverschiebung ϕ, die im komplexen
Übertragungsfaktor
H(ω) = |H|ejϕ
(1.21)
zusammengefasst sind.
1.4 Fourier-Zerlegung
Es ist eine bestechend einfache und recht naheliegende Idee, die Übertragung
von allgemeinen Signalen beliebiger anderer Form auf die von harmonischen
Signalverläufen zurückzuführen. Dazu muss ein gegebener Signalverlauf, z. B.
der Eingang x(t) eines Systems, durch eine Funktionenreihe der Form
X
x(t) =
xn ejωn t
(1.22)
n
dargestellt werden. Ist das erst einmal geschafft (das heißt, sind die erforderlichen Frequenzen ωn und die dazugehörigen komplexen Amplituden xn
ermittelt), dann gestaltet sich die Beschreibung von Übertragungsvorgängen
sehr einfach. Es muss sich nämlich auf Grund des Invarianzprinzips (und der
dafür ja schon vorausgesetzten Linearität) der Ausgang stets aus den gleichen
Frequenzen wie der Eingang zusammensetzen, wobei nur die Einzelamplituden
durch die Übertragung geändert werden können:
X
y(t) =
H(ωn )xn ejωn t
(1.23)
n
Je nach Eingangssignal treten andere Frequenzen mit anderen Amplituden
auf, die ja gerade für das spezielle Signal charakteristisch sind. Sollen alle
Möglichkeiten erfasst werden, dann muss der komplexwertige Übertragungsfaktor H nun für alle Frequenzen bekannt sein. Eine vollständige Beschreibung der Übertragung erhält man also aus dem Frequenzgang H(ω). Um
anzudeuten, dass dabei die Frequenz als kontinuierliche Variable aufzufassen
ist, wird H(ω) als Übertragungsfunktion bezeichnet. Die Beschreibung der
Übertragung durch den Frequenzgang der Übertragungsfunktion lässt eine
recht anschauliche Interpretation zu. Wenn man sich den Eingang in Frequenzen - bildlich gesprochen in Klangfarben - zerlegt denkt, dann kann die
Übertragung als eine reine Verfärbung aufgefasst werden. Ein über eine Wand
übertragenes Schallsignal z. B. klingt im Empfangsraum leiser und dumpfer,
weil die Übertragungsfunktion bei hohen Frequenzen klein wird.
Voraussetzung für dieses Konzept, Übertragungen als Klangverfärbungen aufzufassen, ist, dass beliebige Signale durch eine Funktionenreihe mit
harmonischen Bestandteilen tatsächlich auch dargestellt werden können, wie
Gl. (1.22) fordert.
Die folgenden Abschnitte sind den Einzelheiten dieser meist auch als
Fourier-Zerlegung bezeichneten Dekomposition gegebener Signale und der
1.4 Fourier-Zerlegung
11
Frage ihrer Existenz gewidmet. Dabei sei nochmals die Ausgangsidee hervorgehoben. In Gl. (1.22) wird der Versuch unternommen, ein gegebenes, bekanntes Signal x(t) durch eine Funktionenreihe auszudrücken. Die Elemente
der Funktionenreihe bestehen dabei in harmonischen, sinusförmigen Signalen
mit (vielen) unterschiedlichen Frequenzen. Der Grund für die Darstellung von
etwas ja eigentlich schon Bekanntem mit anderen Mitteln“ besteht einfach
”
darin, dass sich dann - unter Anwendung des Invarianzprinzips - Übertragungen mit einfachen und anschaulichen Mitteln beschreiben lassen.
1.4.1 Fourier-Reihen
Die Betrachtungen zur Fourier-Zerlegung beginnen mit dem einfachsten Fall,
bei dem die zu zerlegende Funktion selbst mit der Periode T periodisch ist.
Der Vorteil bei dieser Annahme besteht darin, dass von vornherein feststeht,
welche Frequenzen vorkommen können: die in Gl. (1.22) noch nicht näher
spezifizierten Frequenzen ωi sind von Anfang an bekannt. Die in Gl. (1.22)
auftretenden Bausteine besitzen allgemein die Perioden Tn
ωn =
2π
.
Tn
(1.24)
In einer Reihenentwicklung für eine periodische Funktion T dürfen nur Bausteine auftreten, deren Periodendauern Tn ganzzahlig in T enthalten sind. Für
die Perioden der Bestandteile, die überhaupt vorkommen können, gilt also
Tn =
T
.
n
(1.25)
Es wird nun eine Modellfunktion“ definiert, die - so will es die Aufga”
benstellung - nur aus den Bestandteilen zusammengesetzt ist, in die zerlegt
werden soll. Es wird also
xM (t) =
N
X
t
An ej2πn T
(1.26)
n=−N
definiert. Wie man sieht, sind hier zunächst jeweils N positive und N negative
Frequenzen ωn zugelassen worden Man bedenke dabei, dass es sich hier um
eine mathematische und nicht um eine physikalische Formulierung handelt.
Eine negative Frequenz im Sinne eines Zahlenwertes ωn < 0 bildet natürlich
eine sinnvolle Größe, auch wenn die Frequenz eines periodischen Vorganges im
Sinne von Anzahl pro Sekunde“ ebenso natürlich eine positive Zahl darstellt.
”
Übrig bleibt nun nur die Aufgabe, die Koeffizienten An so zu bestimmen,
dass sich Modellfunktion xM (t) und gegebenes Signal x(t) möglichst nicht
unterscheiden. Wird das (ideal und damit fehlerfrei) erreicht, dann ist damit
auch die beabsichtigte Reihenentwicklung vorgenommen worden; Modell und
Original sind dann gleich.
12
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
1.4 Fourier-Zerlegung
Es gibt (mindestens) zwei unterschiedliche Verfahren, mit denen die unbekannten Amplituden An so aus dem gegebenen Signal x(t) bestimmt werden,
dass sich ein kleiner“, mit wachsendem N immer mehr abnehmender Fehler
”
für xM (t) ergibt. Meist wird dazu die mittlere quadratische Abweichung E
E=
1
T
ZT
Die 2N + 1 Bedingungsgleichungen (1.28) liefern jetzt aus der Modelldefinition (1.26) das Gleichungssystem für die gesuchten Koeffizienten:
N
X
ni
An ej2π 2N +1 = x(i∆t) .
(1.30)
n=−N
|x(t) − xM (t)|2 dt
(1.27)
0
minimiert. Dieses Verfahren wird als Methode des kleinsten Fehler-Quadra”
tes“ (kurz auch einfach mit least squares“) bezeichnet. Auf diese – etwas un”
anschaulichere – Vorgehensweise wird hier nicht eingegangen, sie ist in vielen
Werken geschildert, in denen die Fouriersummen betrachtet werden. Zunächst
sei hier das viel anschaulichere Verfahren vorgestellt, bei dem die unbekannten
Amplituden An so bestimmt werden, dass Modell xM (t) und Original x(t) in
2N + 1 gleichabständigen Zeitpunkten übereinstimmen. Die Koeffizienten An
werden also im Folgenden so berechnet, dass
xM (i∆t) = x(i∆t)
für
13
(1.28)
i = 0, 1, 2, 3, ...2N
N
X
(n−m)i
mi
An ej2π 2N +1 = x(i∆t)e−j2π 2N +1 .
(1.31)
n=−N
Anschließend werden alle 2N + 1 Gleichungen dieses Gleichungssystems aufaddiert:
2N
2N X
N
X
X
(n−m)i
mi
x(i∆t)e−j2π 2N +1 .
(1.32)
An ej2π 2N +1 =
i=0
i=0 n=−N
gilt. Dabei beträgt das Inkrement ∆t
∆t =
Wie gesagt gibt Gl. (1.30) das Gleichungssystem zur Bestimmung der gesuchten Koeffizienten An an. Durch Einsetzen von i = 0, 1, 2, 3, ..., 2N entstehen
aus (1.30) 2N + 1 Gleichungen.
Dieses Gleichungssystem kann nun leicht nach einer (beliebig gewählten)
Unbekannten Am wie folgt aufgelöst werden. Dazu wird die i-te Gleichung des
mi
Systems (1.30) mit e−j2π 2N +1 multipliziert, das ergibt zunächst
Die Umkehrung der Summationen-Reihenfolge links ergibt
T
.
2N + 1
(1.29)
Bild 1.3 versucht das Verfahren anhand einer Grafik zu illustrieren.
N
X
n=−N
An
2N
X
(n−m)i
ej2π 2N +1 =
i=0
2N
X
mi
x(i∆t)e−j2π 2N +1 .
(1.33)
i=0
Die innere Summe auf der linken Seite bildet eine geometrische Reihe mit
2N
X
Stützstellen
(n−m)i
ej2π 2N +1 = 0 ,
(1.34)
i=0
Signal x(t)
wenn n − m 6= 0 gilt. Für n = m ist
2N
X
(n−m)i
ej2π 2N +1 =
i=0
2N
X
1 = 1 + 1 + 1 + ... = 2N + 1 ,
(1.35)
i=0
Alle Elemente in der Summe mit dem Laufindex n auf der linken Seite von
Gl. (1.33) sind deshalb gleich Null, mit Ausnahme nur des einzigen Summanden mit n = m. Wie beabsichtigt wird also Gl. (1.33) mit den ausgeführten
Rechenoperationen tatsächlich nach der Unbekannten Am aufgelöst, für die
0
1
t/T
Abb. 1.3. Anpassung von xM (t) an x(t) in den Stützstellen t = i∆t, in denen
xM (i∆t) = x(i∆t) gesetzt wird.
Am =
2N
X
mi
1
x(i∆t)e−j2π 2N +1 .
2N + 1 i=0
(1.36)
14
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
1.4 Fourier-Zerlegung
gilt. Gl. (1.36) gibt die Auflösung des Gleichungssystems (1.30) nach der speziell ausgewählten Unbekannten Am an. Weil es völlig gleichgültig ist, welche
spezielle Unbekannte Am dabei ausgesucht worden ist, gilt Gl. (1.36) für alle
Unbekannten Am . Alle Amplituden An der Modellfunktion Gl. (1.26) sind
damit aus dem Originalsignal x(t) berechnet.
Von einem grundsätzlichen Standpunkt aus ist damit gezeigt worden, dass
ein gegebenes Signal in einer endlichen, aber beliebig hohen Anzahl von Punkten durch die Funktionenreihe (1.26) exakt nachgebildet werden kann. Die
Aufgabenstellung ist demnach sinnvoll und lösbar (und das gilt ja keineswegs
für jede andere denkbare Aufgabenstellung).
Wie gut - oder schlecht - ein gegebenes Signal x(t) nun durch sein Modell
xM (t) nachgebildet wird, das zeigen zunächst durchgerechnete Beispiele. Die
Bilder 1.4 bis 1.6 demonstrieren anhand eines als Beispiel gewählten Signals
15
1
0.9
0.8
x(t)
0.7
0.6
0.5
0.4
0.3
xM(t)
0.2
0.1
1
0
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1
t/T
0.9
Abb. 1.5. Nachbildung eines abknickenden Signals mit N =16. Wiedergegeben ist
nur eine Periode der periodischen Signale x und xM .
0.8
x(t)
0.7
0.6
rungen im zu entwickelnden Signal auf, der Signalverlauf ist glatt“. In der
”
0.5
0.4
1
0.3
0.9
xM(t)
0.2
0.8
0.1
0.7
0
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1
t/T
Abb. 1.4. Nachbildung eines abknickenden Signals mit N =8. Wiedergegeben ist
nur eine Periode der periodischen Signale x und xM .
0.6
x(t)
0.5
0.4
0.3
aus drei aneinander gesetzten Geradenstücken den Vergleich von Original x(t)
und Nachbildung xM (t) für N = 8, N = 16 und N = 32. Wie man sieht ist
die Nachbildung mit nur 17 Punkten (N = 8) bereits recht gut; für 65 Punkte
(N = 32) liegen die Unterschiede zwischen x und xM bereits in der Größenordnung der Strichbreite in der grafischen Darstellung; Unterschiede sind kaum
noch auszumachen. Die Reihe konvergiert auch zwischen den diskreten Stützstellen (in denen x und xM ohnedies gleich sind) sehr rasch gegen das Signal,
dessen Entwicklung sie darstellt. Der Grund dafür ist leicht erklärt: zwischen
den diskreten Stützstellen (den Punkten t = i∆t) treten keine großen Ände-
0.2
xM(t)
0.1
0
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1
t/T
Abb. 1.6. Nachbildung eines abknickenden Signals mit N =32. Wiedergegeben ist
nur eine Periode der periodischen Signale x und xM . Die Unterschiede zwischen
Signal x und Signal-Nachbildung xM liegen hier schon in der Größenordnung der
Strich-Dicke.
16
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
mathematischen Fachsprache bezeichnet man ein solches Signal als stetig“.
”
Für stetige Signale - so lehrt das Beispiel - hat man also keine Schwierigkeiten
für die beabsichtigte Reihenentwicklung zu erwarten. Es genügt eine (vergleichsweise) geringe Anzahl 2N + 1 von zu berücksichtigenden Frequenzen
und von Stützstellen. Im Prinzip konvergiert also die Reihe mit wachsendem
N rasch“ gegen das Signal, das sie repräsentiert, wenn dieses einen stetigen
”
Verlauf besitzt.
Für Signale, die nun umgekehrt gerade große Änderungen zwischen zwei
Stützstellen vollziehen, ist andererseits auch eine langsame Konvergenz der
Reihe zu erwarten. Der schlechteste Fall tritt dabei gewiss dann ein, wenn die
Funktion springt“, also unstetig ist. Beispiele für ein solches Signal und seine
”
Reihenentwicklungen mit verschiedenen Stützstellen-Anzahlen sind in den Bildern 1.7, 1.8 und 1.9 gezeigt. Offensichtlich werden diesmal sehr viel mehr
Stützstellen und Reihenglieder benötigt, damit das Modell xM eine gute“
”
Nachbildung von x bildet. Die Gründe für diese mit wachsendem N sehr
langsame Konvergenz lassen sich wie folgt beschreiben:
•
•
Auf den aufsteigenden Kurvenast mit (im Grenzfall) unendlich großer Steigung entfällt bei jedem endlich großen N gar keine Stützstelle, deshalb
muss die Nachbildung dieses Kurvenastes schlecht“ sein. Erst bei wirklich
”
unendlich vielen Stützstellen kann der Kurvenast vernünftig nachgebildet
werden.
Die Funktionenreihe (1.26) besteht aus Element-Funktionen, die selbst
überall stetige Funktionen bilden. Natürlich kann ein Signal in der Unstetigkeitsstelle nicht wirklich durch die Summe von endlich vielen stetigen Funktionen nachgebildet werden, dazu sind sehr viele - idealerweise
unendlich viele - Reihenglieder erforderlich.
Man erkennt daher auch in den Bildern 1.7 bis 1.9, dass das prinzipielle Problem der Nachbildung in der Unstetigkeitsstelle auch bei wachsendem N bestehen bleibt. Die stetigen Nachbaräste werden zwar immer besser erfasst,
wenn N größer gemacht wird; die bloße Tatsache aber, dass xM überschwingt
und offensichtlich durch den Mittelwert aus linksseitigem und rechtsseitigen
Grenzwert in der Unstetigkeitsstelle verläuft, bleibt auch bei wachsendem N
bestehen (in der Unstetigkeit t0 gilt xM (t0 ) = (x(t0 − ε) + x(t0 + ε))/2, wie
man auch in Bild 1.7 noch recht gut erkennen kann). Diesmal konvergiert also
zwar ebenfalls die Reihe in jedem Punkt gegen das gegebene Signal, aber nun
so, dass die Problemzone“, in welcher die Unstetigkeit liegt, immer schmäler
”
gemacht wird; erst bei wirklich unendlich vielen Summanden in der Reihe
verschwindet sie ganz.
1.4 Fourier-Zerlegung
17
1
x(t)
0.9
0.8
0.7
0.6
0.5
0.4
xM(t)
0.3
0.2
0.1
0
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1
t/T
Abb. 1.7. Nachbildung eines unstetigen Signals mit N =16. Wiedergegeben ist nur
eine Periode der periodischen Signale x und xM .
1
x(t)
0.9
0.8
0.7
0.6
0.5
0.4
xM(t)
0.3
0.2
0.1
0
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1
t/T
Abb. 1.8. Nachbildung eines unstetigen Signals mit N =32. Wiedergegeben ist nur
eine Periode der periodischen Signale x und xM .
18
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
1.4 Fourier-Zerlegung
1
∞
X
x(t) =
x(t)
0.9
(1.38)
n=−∞
schreiben.
Der Integrand in Gl. (1.37) ist mit T periodisch. Aus diesem Grund dürfen
die Integrationsgrenzen beliebig verschoben werden, solange nur die Intervallbreite dabei unverändert gleich T bleibt. Insbesondere gilt also auch
0.8
0.7
0.6
0.5
1
An =
T
0.4
xM(t)
0.3
0.2
0.1
0
0
t
An ej2πn T
19
0.2
0.4
0.6
0.8
1
t/T
Abb. 1.9. Nachbildung eines unstetigen Signals mit N =64. Wiedergegeben ist nur
eine Periode der periodischen Signale x und xM .
Das dabei auftretende Überschwingen kurz vor und kurz nach der Unstetigkeitsstelle, das bei jedem endlichen N in einem mit wachsendem N nur
immer schmaleren Zeitintervall auftritt, ist unter dem Namen Gibbsches
”
Phänomen“ wohlbekannt. Wie man auch den Bildern 1.7 bis 1.9 entnehmen
kann bleibt die maximale Höhe des Überschwingens dabei von der Wahl von
N unbeeinflusst.
Es stellt sich nun noch die Frage, in welche Form die Gl. (1.36) für die Amplituden übergeht, wenn die Stützstellenanzahl immer weiter gesteigert wird
und schließlich noch über alle Grenzen wächst. Dabei wird das Inkrement ∆t
- der Abstand zweier Stützstellen - immer kleiner und konvergiert gegen Null.
Die diskreten Punkte i∆t gehen dann notwendigerweise in die kontinuierliche
Zeit t über. Der Ausdruck 1/(2N + 1) bedeutet das Verhältnis aus Inkrement
∆t und der Periodendauer T , 1/(2N + 1) = ∆t/T . Aus dem Inkrement ∆t
wird das infinitesimal kleine Abstandselement dt, aus der Summe wird ein
Integral. Auf diesem Wege erhält man im Grenzfall
An =
1
T
ZT
t
x(t)e−j2πn T dt .
(1.37)
0
Diese Gleichung gibt an, auf welchem Wege die Koeffizienten der FourierReihendarstellung eines periodischen Signals x(t) berechnet werden. Wird in
der Reihendarstellung des Signals eine unendlich große Anzahl von Summanden berücksichtigt, dann konvergiert die Modellfunktion xM an jeder Stelle t
gegen das gegebene Signal x. Man kann deshalb auch kurz
T /2
Z
nt
x(t)e−j2π T .
(1.39)
−T /2
Diese Form wird im nächsten Abschnitt benötigt.
Gl. (1.37) (oder (1.39)) lässt sich auch als Transformationsgleichung“ oder
”
Abbildung“ bezeichnen. Das Signal x wird dabei abgebildet in die Zahlen”
folge An . Gl. (1.38) zeigt dann, wie aus der Abbildung An das Original x
wiedergewonnen werden kann; diese Gleichung heißt deshalb auch inverse
”
Transformation“ (auch Rücktransformation“ oder Rückabbildung“). Eine
”
”
Analogie zu dieser mathematisch definierten Abbildung besteht z. B. in einem
Foto-Positiv und seinem zugehörigen Foto-Negativ. Natürlich sind (bei einem
idealen Fotoapparat) Positiv-Bild und Negativ-Bild durch ein geeignetes Verfahren auseinander herstellbar, und beide enthalten die gleiche Information.
Genauso ist es auch bei der Fourier-Summen-Transformation: Das Signal x
wird in An mit anderen Mitteln“ dargestellt; Information wird dabei we”
der erzeugt noch vernichtet. Trotzdem ist die Anwendung der Transformation
sinnvoll: Sie erlaubt die einfache Beschreibung von Übertragungsvorgängen.
Wie bei der Foto-Analogie ist die Fourier-Summen-Transformation umkehrbar eindeutig. Jedes periodische Signal besitzt genau eine eindeutige Darstellung An .
1.4.2 Fourier-Transformation
Natürlich sollen nicht nur periodische Signale in ihre Frequenzbestandteile
zerlegt werden; dies soll auch für beliebige andere, nicht-periodische Signale
durchgeführt werden können.
Weil alle praktisch vorkommenden Signale stets einen Anfang und ein
Ende besitzen, interessieren dabei besonders solche einmaligen“ Vorgänge,
”
die sich dadurch auszeichnen, dass sie außerhalb eines gewissen, wie auch
immer angebbaren Zeitintervalles - der Signaldauer - gleich Null sein sollen.
Die im letzten Abschnitt erarbeiteten Prinzipien lassen sich nun anwenden,
wenn aus dem Zeitsignal zunächst ein beliebiges Stück (das nicht mit der
Signaldauer übereinstimmen muss) herausgeschnitten wird und als beliebig,
zunächst völlig willkürlich gewählte Periodendauer angesehen wird. Das ist im
Prinzipbild 1.10 dargestellt. Das Signal wird gedanklich künstlich periodisch
20
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
1.4 Fourier-Zerlegung
fortgesetzt, damit ihm ein Amplitudenspektrum wie im vorigen Abschnitt zugewiesen werden kann. Anschließend lässt man die Periodendauer T wachsen.
Das bedeutet, dass die beiden gestrichelten Linien rechts und links von der
Mitte in Bild 1.10 nach außen wandern. Die nächste Periode kommt also immer später und später, und die vorangegangene Periode verschiebt sich immer
weiter in die Vergangenheit: im Grenzfall unendlicher Periodendauer ist das
Signal endlicher Dauer zutreffend beschrieben.
21
Überschreitet nämlich die künstlich gewählte Periodendauer Anfang und Ende
des Signals, dann ändert sich der Wert des Integrales mit weiter wachsendem
T nicht mehr. Da dieser Wert jedoch noch durch T geteilt wird, strebt der
Gesamtgrenzwert gegen Null. Man kann also die folgenden Betrachtungen
nicht auf den Grenzwert von An beziehen, es ist offensichtlich sinnvoll, das
Produkt T An zu benutzen, denn diese Größe strebt einem Grenzwert zu, der
nicht stets Null beträgt. Es wird also das Spektrum X(ω) von x(t) zu
Z∞
X(ω) = lim T An =
T →∞
x(t)e−jωt dt
(1.41)
−∞
definiert. X(ω) heißt auch Fourier-Transformierte von x(t).
Es fragt sich nun noch, wie die Rücktransformationsvorschrift aussieht.
Dazu wird der Grenzübergang auf Gl. (1.38) angewandt:
Signal
∞
t
1 X
T An ej2πn T .
T →∞ T
n=−∞
x(t) = lim
(1.42)
Jetzt sind noch folgende Übergänge durchzuführen:
•
•
•
künstliche Periode
Zeit t
−T/2
•
T/2
Aus 2πn/T wird die kontinuierliche Frequenzvariable ω,
aus T An wird X(ω),
der Frequenzabstand 1/T geht in den infinitesimal kleinen Abstand df
über (1/T → df = dω/2π) und
aus der Summation wird eine Integration.
Insgesamt erhält man also die Rücktransformationsvorschrift
Abb. 1.10. Endlich langes, einmaliges“ Zeitsignal
”
Beim Grenzübergang T → 0 muss nun zunächst beachtet werden, dass
der Abstand ∆f = 1/T der Frequenzen n/T immer kleiner wird; die diskreten Frequenzen gehen dann in eine kontinuierliche Frequenzvariable über:
n/T → f . Die Tatsache, dass für eine Beschreibung allgemeiner, völlig beliebiger Signale auch jede beliebige Frequenz zugelassen werden muss, ist ja
auch selbstverständlich: Anders als bei den periodischen Signalen gibt es jetzt
keinen Grund mehr, irgendwelche speziellen Frequenzen zu bevorzugen oder
zu benachteiligen. Das Zulassen beliebiger Frequenzen erfordert natürlich die
kontinuierliche Frequenzvariable f zur Beschreibung. Zur Abkürzung wird in
Zukunft die Kreisfrequenz ω = 2πf benutzt.
Damit wird aus (1.39)
x(t) =
1
2π
Z∞
X(ω)ejωt dω .
(1.43)
−∞
(1.40)
Gl. (1.43) heißt auch inverse Fouriertransformation.
An den im letzten Abschnitt genannten Prinzipien und Gedankengängen
hat sich nichts Wesentliches geändert, außer dass im Interesse des Erfassens
beliebiger Signale durch harmonische Bausteine diesmal nicht mehr über diskrete Teile summiert werden kann; notwendigerweise muss an die Stelle der
Summation eine Integration treten. Deswegen wird die Fouriertransformation
auch als eine Integraltransformation bezeichnet. Wie bei den Fouriersummen
bildet die Fourier-Transformation eine eindeutige und umkehrbare Abbildung
eines Signals, deren Zweck darin besteht, das Signal durch Summation“ (ei”
gentlich Integration“) reiner Töne der Form ejωt zu erklären. Auch für die
”
Fourier-Transformation gilt insbesondere die oben geschilderte Foto-Analogie.
Der Grenzwert der rechten Seite beträgt allerdings Null. Dabei konvergiert
das enthaltene Integral für eine feste Frequenz ω gegen einen festen Wert.
Für die noch folgenden Betrachtungen ist es manchmal bequemer, Abkürzungen zu benutzen. Um auf die Tatsache hinzuweisen, dass es sich bei
X(ω) um die Transformierte von x(t) handelt, wird in Zukunft kurz
1
T →∞ T
T /2
Z
lim An = lim
T →∞
x(t)e−jωt dt .
−T /2
22
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
Z∞
X(ω) = F{x(t)} =
1.4 Fourier-Zerlegung
x(t)e−jωt dt
(1.44)
−∞
geschrieben. Ebenso bedeutet
x(t) = F
−1
1
{X(ω)} =
2π
Z∞
X(ω)ejωt dω ,
(1.45)
−∞
gezeigt worden, dass die Impulsantwort des Übertragers diesen ebenfalls
vollständig beschreibt. Auch die Impulsantwort gestattet die Bestimmung des
Ausganges aus dem Eingang und bildet daher eine ebenso vollständige Darstellung des Übertragers wie H(ω). Übertragungsfunktion und Impulsantwort
charakterisieren also ein und die selbe Sache und können deshalb nicht unabhängig voneinander sein; sie müssen im Gegenteil in einem bestimmten,
festen Zusammenhang stehen.
Dieser Zusammenhang kann leicht aus dem Faltungsintegral Gl. (1.11)
hergeleitet werden. Dazu wird es der Fouriertransformation unterzogen:
dass x(t) gleich der Rücktransformierten von X(ω) sein möge. Wegen der
Eindeutigkeit und Umkehrbarkeit heben sich die Operationen F und F −1
gegenseitig auf, d.h., es gilt
und ebenso
F −1 {F{x(t)})} = x(t)
(1.46)
F{F −1 {X(ω)}} = X(ω) .
(1.47)
Abschließend sei noch angemerkt, dass Signal x(t) und Spektrum X(ω) nicht
die gleiche physikalische Dimension besitzen. Offensichtlich gilt für die Dimensionen
dim[x(t)]
.
(1.48)
dim[X(ω)] = dim[x(t)]s =
Hz
Aus diesem Grund wird X(ω) manchmal auch als Amplitudendichtefunktion
bezeichnet.
1.4.3 Die Übertragungsfunktion und der Faltungssatz
Der Grund für die Einführung der Fourier-Transformation bestand wie erwähnt darin, dass sich mit diesem Hilfsmittel die Übertragung bei linearen und
zeitinvarianten Systemen durch eine Multiplikation mit der komplexwertigen
Übertragungsfunktion beschreiben lässt. Wegen des Invarianzprinzips folgt
aus der Fourierdarstellung des Eingangssignals (1.43), dass der Ausgang stets
die Gestalt
Z∞
1
y(t) =
H(ω)X(ω)ejωt dω
(1.49)
2π
−∞
besitzen muss. Im Frequenzbereich ist die Übertragung also beschrieben durch
das Produkt der Fouriertransformierten des Einganges und einer Übertragungsfunktion H(ω), die den Übertrager charakterisiert; die Fouriertransformierte Y (ω) des Ausganges y(t) besteht in
Y (ω) = H(ω)X(ω) .
(1.50)
Immer erlaubt die Übertragungsfunktion die Berechnung des Ausgangssignals
bei bekanntem Eingang. Andererseits ist in einem der letzten Abschnitte
23
Z∞ Z∞
Y (ω) = F{y(t)} =
x(τ )h(t − τ )dτ e−jωt dt .
(1.51)
−∞ −∞
Die Reihenfolge der enthaltenen Integrationen darf umgekehrt werden, d.h. es
ist
Z∞
Z∞
Y (ω) =
x(τ )
h(t − τ ) e−jωt dt dτ ,
(1.52)
−∞
oder
−∞
Z∞
Y (ω) =
x(τ )e
−∞
−jωτ
Z∞
h(t − τ ) e−jω(t−τ ) dt dτ ,
(1.53)
−∞
Das innere Integral besteht gerade in der Fouriertransformierten der Impulsantwort (der formale Beweis ließe sich durch die Variablensubstitution u =
t − τ führen), das dann noch verbleibende Integral stellt die Transformierte
X(ω) von x(t) dar. Es ist also
Y (ω) = F{h(t)}X(ω) .
(1.54)
Durch Vergleich mit (1.50) erhält man für den gesuchten Zusammenhang zwischen Impulsantwort h(t) und Übertragungsfunktion H(ω)
H(ω) = F{h(t)} .
(1.55)
Die Übertragungsfunktion ist also die Fouriertransformierte der Impulsantwort.
Von einem mathematischen Standpunkt aus gesehen ist oben einfach gezeigt worden, dass die Faltung im Zeitbereich der Multiplikation im Frequenzbereich entspricht. Es gilt
∞
Z
X(ω)H(ω) = F
x(τ )h(t − τ )dτ
,
(1.56)
−∞
wobei natürlich X(ω) = F{x(t)} und H(ω) = F{h(t)} Fourier-Paare sind.
Dieser Zusammenhang wird Faltungssatz“ genannt.
”
24
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
1.4 Fourier-Zerlegung
25
Auch für ein Produkt zweier zeitlicher Signale gilt der Faltungssatz nur
in etwas abgewandelter Form. Wie der Leser leicht durch Rücktransformieren des rechtsstehenden Faltungsintegrales“ im Frequenzbereich (wie oben
”
vorgeführt) zeigen kann ist
1 Z∞
X(ν)G(ω − ν)dν ,
(1.57)
x(t)g(t) = F −1
2π
Reellwertige und geradsymmetrische Signale
wobei ebenfalls x, X und g, G Fourierpaare bilden. Die Faltung im Frequenzbereich entspricht der Multiplikation im Zeitbereich, nur dass hier im Fal1
auftritt.
tungsintegral der Faktor 2π
ist das Produkt x(t) sin(ωt) eine ungeradsymmetrische Funktion, das Integral
über diesen Teil des Integranden ist damit gleich Null. Es bleibt also nur die
reellwertige Transformierte
Ein Signal, das mit xg (−t) = xg (t) geradsymmetrisch ist, besitzt ein reellwertiges Spektrum, wie folgende einfache Überlegungen zeigen. Im Integral
Z∞
X(ω) =
−∞
−∞
Z∞
x(t)e−jωt dt =
x(t)[cos(ωt) − j sin(ωt)]dt
−∞
Z∞
1.4.4 Symmetrien
x(t) cos(ωt)dt
X(ω) =
Die Symmetrieeigenschaften von Fourier-Transformierten spezieller Signale
bilden Grundlagenwissen, das hier kurz erläutert werden soll.
Reellwertige Signale
X(ω) =
übrig. Der Imaginärteil ist gleich Null, Im{X(ω)} = 0, der Realteil natürlich
nach wie vor geradsymmetrisch, Re{X(−ω)} = Re{X(ω)}.
Reellwertige und ungeradsymmetrische Signale
Das Spektrum eines reellwertigen Verlaufes x(t)
Z∞
−∞
Ein Signal, das mit xu (−t) = −xu (t) ungeradsymmetrisch ist, besitzt ein rein
imaginäres Spektrum: Im Integral
x(t)e−jωt dt .
−∞
Z∞
geht in sich selbst über, wenn für ω der Wert von −ω eingesetzt wird und
beide Seiten konjugiert komplex (∗ ) genommen werden:
X ∗ (−ω) =
Z∞
X ∗ (−ω) = X(ω) .
−∞
Z∞
(1.58)
X(ω) = −j
Das Betragsspektrum ist demnach geradsymmetrisch
2
2
|X(−ω)| = |X(ω)| ,
(1.59)
übrig. Der Realteil ist gleich Null, Re{X(ω)} = 0, der Imaginärteil natürlich
nach wie vor ungeradsymmetrisch, Im{X(−ω)} = −Im{X(ω)}.
(1.60)
Zerlegung in symmetrische und unsymmetrische Anteile
der Imaginärteil dagegen ist mit
Im{X(−ω)} = −Im{X(−ω)} :,
x(t) sin(ωt)dt
−∞
der Realteil des Spektrums ist ebenfalls geradsymmetrisch
Re{X(−ω)} = Re{X(−ω)} :,
x(t)[cos(ωt) − j sin(ωt)]dt
ist das Produkt x(t) cos(ωt) eine ungeradsymmetrische Funktion, das Integral
über diesen Teil des Integranden ist damit gleich Null. Es bleibt also nur die
imaginäre Transformierte
x(t)e−jωt dt .
−∞
Es gilt also offensichtlich
X(ω) =
(1.61)
ungeradsymmetrisch. Das gilt für jedes reelle Signal unabhängig von seinem
Verlauf.
Allgemeine reelle Signale ohne Symmetrieeigenschaften können stets wie folgt
in einen geradsymmetrischen und einen ungeradsymmetrischen Teil zerlegt
werden:
x(t) =
1
1
[x(t) + x(−t)] + [x(t) − x(−t)] = xg (t) + xu (t) .
2
2
(1.62)
26
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
Darin ist natürlich
1.4 Fourier-Zerlegung
hu (t) = sign(t) hg (t)
1
xg (t) = [x(t) + x(−t)]
2
der gerade Teil und
xu (t) =
(sign(t > 0) = 1, sign(t < 0) = −1). Bild 1.11 illustriert diese Sachverhalte
noch einmal. Für negative Zeiten sind hu und hg entgegengesetzt gleich groß.
Daraus folgt aber, dass sie für positive Zeiten gleich groß sind. Für t > 0 ist
aus diesem Grund hu = hg = h/2.
1
[x(t) − x(−t)]
2
der ungerade Anteil.
Das Spektrum von xg (t) ist reell, das Spektrum von xu (t) rein imaginär.
Allgemein kann man daher feststellen, dass die Fouriertransformierte des geraden Signalteiles gleich dem Realteil des Gesamtspektrums von x(t) ist:
Re{X(ω)} = F{xg (t)} .
(mit z = Re{z} + jIm{z} für jedes komplexe z).
1.4.5 Impulsantworten und Hilbert-Transformation
Die genannte Tatsache, dass geradsymmetrischer und ungeradsymmetrischer
Signalanteil mit Real- und Imaginärteil des Spektrums zusammenhängen, hat
eine interessante Konsequenz für die Transformierten von Impulsantworten.
Letztere bestehen ja aus der Reaktion eines Übertragers auf die DeltaFunktion δ(t). Die Anregung beginnt also erst im Zeitpunkt t = 0. Aus diesem
Grunde kann die Systemantwort h(t) für negative Zeiten ebenfalls nur gleich
Null sein. Nach dem Kausalitätsprinzip ( von nichts kommt nichts“) kann
”
die Impulsantwort ebenfalls erst in t = 0 (frühestens) beginnen. Für kausale
Impulsantworten gilt also
h(t < 0) = 0 .
Nun kann aber andererseits eine Impulsantwort – wie jedes Signal – in gerade
und ungerade Anteile zerlegt werden:
h(t) = hg (t) + hu (t) .
Natürlich müssen dabei hg und hu für Zeiten t < 0 auch negativ gleich groß
sein, denn nur dann kann die Impulsantwort auch kausal sein. Es muss also
hu (t < 0) = −hg (t < 0)
gelten. Wegen den vorausgesetzten Symmetrieeigenschaften von hg und hu
folgt dann für positive Zeiten
oder, zusammengefasst
h(t)
(1.63)
Ebenso korrespondiert der ungerade Signalteil mit dem Imaginärteil des Gesamtspektrums:
jIm{X(ω)} = F{xu (t)}
(1.64)
hu (t > 0) = hg (t > 0) ,
27
hu(t)
0
hg(t)
hg(t), hu(t)
0
Zeit t
Abb. 1.11. Zerlegung der kausalen Impulsantwort h(t) in geraden Teil hg (t) und
ungeraden Teil hu (t) am Beispiel eines Ausschwingvorganges
Zusammengefasst lässt sich also feststellen, dass der ungerade Signalteil
wie gezeigt aus dem geraden Signalanteil berechnet werden kann, wenn es
sich um eine kausale Impulsantwort handelt. Weil nun aber die Transformierte des geraden Anteils hg gleich dem Realteil Re{H(ω)} der Übertragungsfunktion H(ω) ist und der ungerade Anteil hu mit dem Imaginärteil
Im{H(ω)} der Übertragungsfunktion H(ω) korrespondiert, müssen dann auch
Real- und Imaginärteil von H voneinander abhängen. In der Tat lässt sich der
Zusammenhang zwischen Re{H(ω)} und Im{H(ω)} leicht bestimmen, indem
hu (t) = sign(t) hg (t) zunächst transformiert wird
jIm{H(ω)} = F{hu (t)} = F{sign(t) hg (t)}
und anschließend noch hg (t) durch hg (t) = F −1 {Re{H(ω)}} ausgedrückt
wird:
Im{H(ω)} = −jF{hu (t)} = −jF{sign(t)F −1 {Re{H(ω)}}} .
(1.65)
28
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
Gl. (1.65) konstatiert den Zusammenhang, in dem Realteil und Imaginärteil
der Übertragungsfunktion eines jeden kausalen (linearen und zeitinvarianten)
Übertragers stehen müssen. Es würde z. B. bei Messungen, Auswertungen
oder theoretischen Berechnungen ausreichen, den Realteil der Übertragungsfunktion zu bestimmen; der Imaginärteil kann dann aus ihm ausgerechnet
werden.
Die Operationskette auf der rechten Seite von Gl. (1.65) wird Hilbert”
Transformation“ genannt. Natürlich stellt sie insofern eine Transformation
dar, als aus einem Spektrum ein anderes berechnet wird. Sie dient dabei
aber nicht - wie die Fourier-Transformation - der Darstellung eines Signals
durch viele andere Signale; die Hilbert-Transformation konstatiert im Gegenteil einen Zusammenhang zwischen Re{H(ω)} und Im{H(ω)} so, dass der
damit bezeichnete Übertrager sich kausal verhält.
Fourier-Auswertungen von Messsignalen in Form von Übertragungsfunktionen bestimmen immer die komplexe Übertragungsfunktion und enthalten
daher eine gewisse Redundanz. Es könnte eine interessante Frage sein, ob sich
diese Redundanz zur Beurteilung z. B. der Güte des Ergebnisses nutzen ließe.
1.5 Wellenleiter
In der theoretischen Akustik ist die Übertragung von Wellen naturgemäß besonders wichtig; deshalb sollen die zugehörigen Begriffe hier kurz erläutert
werden.
Allgemein versteht man unter einer Welle“ eine Zustands-beschreibende
”
physikalische örtliche Größe, die zeitlich über den Wellenleiter transportiert
wird: Ein örtlicher Funktionsverlauf läuft zeitlich den Wellenleiter entlang.
Beispiele dafür sind:
•
•
•
Die Oberflächen-Wellen auf dem Meer; die Zustandsgröße könnte hier die
Auslenkung über dem glatten“ Meeresspiegel sein.
”
Die Schall-Ausbreitung in (unbegrenzten) Gasen oder Flüssigkeiten; die
Zustandsgröße könnte hier der (orts - und zeitabhängige Schall-) Druck
sein (oder die Schalldichte oder die Schalltemperatur, siehe das folgende
Kapitel).
Und als letztes Beispiel für an Körper gebundene Wellen seien noch die
Verbiegungen von Stäben oder Platten erwähnt (Bild 1.12); Zustandsgröße
ist hier die senkrecht auf dem Wellenleiter stehende lokale Auslenkung.
Natürlich ist die Vielfalt der in der Natur auftretenden Wellen sehr groß
und in den genannten Beispielen bestenfalls angedeutet. Man unterscheidet
bei allen Wellen zunächst dispersive und nicht-dispersive Ausbreitung voneinander. Weil Dispersion“ mit Auseinanderlaufen“ übersetzt werden kann,
”
”
versteht man unter nicht-dispersiven“ Wellen solche, deren Signalform sich
”
während der Ausbreitung nicht ändert. Nicht-dispersive Wellen sind z. B.
1.5 Wellenleiter
29
Luftschallwellen (jedenfalls, wenn Reflexionen keine Rolle spielen); Meereswellen sind offensichtlich dispersiv (sonst gäbe es keine Brandung), und auch
bei den als Beispiel angeführten dispersiven Biegewellen zerläuft“ die Signal”
form während des Wellen-Transportes.
Abb. 1.12. Elastische Verformung eines Stabes zu Biegewellen
Sowohl dispersive als auch nicht-dispersive Wellen können beide für harmonische (= zeitlich sinusförmige) Anregung auf gleiche Weise beschrieben
werden. Wenn (wie jetzt angenommen wird) der Wellenleiter selbst linear und
zeitinvariant ist, dann muss seine Reaktion den gleichen Zeitverlauf wie die
Anregung besitzen, und das muss auch im dispersiven Fall zutreffen. An jeder
Stelle des Wellenleiters liegt ebenfalls eine zeitlich harmonische Zustandsgröße
vor, nur dass natürlich Amplitude und Phase von Ort zu Ort variieren können.
Man kann also stets für die Zustandsgröße f
f = f0 V (x, y, z) Re{e−jφ(x,y,z) ejωt }
(1.66)
notieren. Hierin sei f0 eine von der Quelle bedingte Größe (z. B. lässt sich
f0 bei elektroakustischen Anlagen einfach durch den Lautstärkeregler beeinflussen). V bezeichnet die entlang des Wellenleiters sich ändernde Amplitude
(V > 0 und reell) und φ(x, y, z) die ortsabhängige Phasendifferenz.
Für (vermutlich) alle bekannten akustischen Wellenleiter zeigt sich nun im
eindimensionalen Fall ohne Reflexionen und ohne Dämpfung, dass
V (x, y, z) = 1
(1.67)
gilt: weil keine Energie aus dem System entnommen wird, kann die Amplitude
nicht abnehmen, aber natürlich auch nicht anwachsen. Die noch vorhandene
Phasenverschiebung φ(x) lässt sich immer auch als eine Zeitverschiebung τ
deuten
f = f0 Re{e−jφ(x) ejωt } = f0 cos (ωt − φ(x)) = f0 cos (ω(t − τ ))
mit φ = ωτ . Meist wird die Laufzeit zwischen zwei Punkten proportional zum
Abstand zwischen diesen Punkten sein, in diesen Fällen gilt also
φ = ωτ = ωx/c .
(1.68)
Darin ist c die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Welle (= von der Welle
zurückgelegter Weg x, geteilt durch die dafür benötigte Zeit τ ). Zusammengefasst kann also die eindimensionale Wellenausbreitung (ohne Reflexion und
30
1 Grundlagen der Übertragungstheorie
1.5 Wellenleiter
ohne Dämpfung) bei harmonischer Anregung stets durch die komplexe Wellenfunktion
(1.69)
f = f0 e−jωx/c
beschrieben werden, wobei man den Zeitverlauf durch bilden des Realteils
nach
(1.70)
f (x, t) = Re{f ejωt }
erhält.
Meist kürzt man das jetzt stets vorkommende Verhältnis aus Frequenz und
Wellengeschwindigkeit c ab und definiert die Wellenzahl
ω
k= .
c
(1.71)
In ihr ist die örtliche Periodenlänge, die man als Wellenlänge λ bezeichnet,
mit
2π
.
(1.72)
k=
λ
enthalten. Offensichtlich gilt für sämtliche Wellenarten
λ=
c
.
f
(1.73)
Es seien nun zusammengesetzte Signale mit mehreren Frequenzbestandteilen betrachtet. Im nicht-dispersiven Fall ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit
c offensichtlich für alle Frequenzen gleich: alle an einer gewissen Stelle x vorgefundenen harmonischen Anteile müssen mit der gleichen Geschwindigkeit
laufen, wenn die Signalform ihrer Summe an einer anderen Stelle unverändert
sein soll. In einer Frequenzgruppe weisen also im nicht-dispersiven Fall alle
Gruppen-Mitglieder die gleiche Geschwindigkeit auf.
Gerade das Gegenteil gilt nun natürlich für die dispersive Ausbreitung. Alle
Mitglieder einer Frequenzgruppe laufen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, und deshalb verändert sich auch die Signalform beim Wellentransport.
Die Ausbreitungsgeschwindigkeit ist hier demnach frequenzabhängig
c = c(ω) .
Um darauf hinzuweisen, dass c jetzt nur noch eine vernünftige Beschreibung
für monofrequente Vorgänge abgibt, ersetzt man die Bezeichnung Ausbrei”
tungsgeschwindigkeit“ durch Phasengeschwindigkeit“. Im Fall ohne Disper”
sion würde sich diese Unterscheidung eigentlich erübrigen, man sagt dann,
dass die Phasengeschwindigkeit gleich der Ausbreitungsgeschwindigkeit ist.
Im nicht-dispersiven Fall ist also die Frage nach der Geschwindigkeit eines
aus mehreren Frequenzen zusammengesetzten Signals bereits geklärt; wie aber
kann man die Geschwindigkeit“ einer dispersiven Frequenzgruppe allgemein
”
einschätzen? Eine Antwort erfordert naturgemäß eine Einschränkung hinsichtlich der zugelassenen Frequenzbestandteile. Für breitbandige Vorgänge wird
31
es kaum möglich sein, allgemeine Aussagen zu treffen, weil es hier gewiss
auf jeden speziellen Fall ankommt. Für schmalbandige Gruppen hingegen lassen sich leicht zu verstehende und übersichtliche Feststellungen treffen, wie
der einfachste Fall der Überlagerung aus zwei Wellen gleicher Amplitude mit
den nur wenig unterschiedlichen Frequenzen ω1 und ω2 und den zugehörigen Wellenzahlen k1 und k2 zeigt. Diese Signalsumme bildet die sogenannte
Schwebung“
”
= 2 sin
sin(ω1 t − k1 x) + sin(ω2 t − k2 x)
k1 + k2
ω1 − ω2
k1 − k2
ω1 + ω2
t−
x cos
t−
x . (1.74)
2
2
2
2
Das Summensignal besteht also aus einer Trägerwelle“ und einer langsam“
”
”
an- und abschwellenden Einhüllenden“. Dabei besitzt die Trägerwelle die
”
mittlere Kreisfrequenz (ω1 + ω2 )/2 und die mittlere Wellenzahl (k1 + k2 )/2.
Die Einhüllende moduliert die Amplitude der Trägerwelle gemäß der Kosinusfunktion in (1.74) mit der viel niedrigeren Frequenz (ω1 − ω2 )/2 und der viel
niedrigeren Wellenzahl (k1 − k2 )/2. Während sich aber nun die Träger-Wellen
mit der mittleren Phasengeschwindigkeit
c=
ω1 + ω2
k1 + k2
(1.75)
ausbreiten, ist für die Hüllkurven die Gruppengeschwindigkeit
cG =
∆ω
ω1 − ω2
=
k1 − k2
∆k
(1.76)
maßgebend. Im Grenzfall, bei dem die Frequenzen und Wellenzahlen beliebig
dicht beieinander liegen, ist cG durch die Ableitung
cG =
dω
1
=
dk
dk/dω
(1.77)
gegeben. Die so definierte Gruppengeschwindigkeit cG ist nun nicht nur maßgebend für die Hüllkurve einer Schwebung nach (1.74), sondern allgemein für
die Hüllkurven aller Vorgänge, die sich aus beliebig vielen benachbarten Wellenzügen mit beliebigen Amplituden und Phasen-Winkeln zusammensetzen
lassen.
2
Die akustischen Zustandsgleichungen in Gasen
2.1 Die Zustandsgrößen
Bekanntlich wird der Zustand von Gasen durch drei Größen, nämlich durch
den Druck pG , durch die Dichte %G und durch die Temperatur TG beschrieben. Alle drei Größen erfahren bei Beschallung des Gases eine (sehr) kleine
Änderung. Zum Ruhedruck p0 , zur Ruhedichte %0 und zur Ruhetemperatur
T0 treten kleine, durch das Schallfeld bedingte Änderungen p, % und T hinzu.
Für die Gesamtgrößen gilt also
und
pG = p0 + p ,
(2.1)
%G = %0 + %
(2.2)
TG = T0 + T .
(2.3)
Dabei bestehen die Schallfeldgrößen Schalldruck p, Schalldichte % und Schalltemperatur T in Feldern. Darunter versteht man orts- und zeitabhängige
Funktionen, es ist demnach
p = p(x, y, z, t) ,
% = %(x, y, z, t)
und
T = T (x, y, z, t) .
Alsbald geschilderte Überlegungen werden zeigen, dass die Signalformen der
drei Schallfeldgrößen (bis auf Skalierungskonstante) untereinander (zeitlich
und örtlich) gleich sind. Ein lokaler, momentaner Überdruck (durch Schall)
beispielsweise geht also stets einher mit einer ebensolchen Überdichte und
einer ebensolchen Über-Temperatur.
Zum Schluss sei noch ein Hinweis auf die zu erwartenden Größenordnungen der Zahlenwerte gegeben. Während der statische Ruhedruck (etwa) bei
34
2 Die akustischen Zustandsgleichungen in Gasen
2.2 Zustandsgleichungen für die Gesamtgrößen
p0 = 100.000 N/m2 = 105 N/m2 liegt, beträgt der Effektivwert des Schalldruckes bei einem schon als sehr laut empfundenen Schallpegel von 100 dB
nur etwa peff = 2 N/m2 und ist damit um etwa 5 Größenordnungen kleiner.
Aus diesem Grund kann man Produkte von Schallfeldgrößen gegenüber linearen Ausdrücken in ihnen stets vernachlässigen; der dadurch bedingte Fehler ist
außerordentlich klein. Auch Experimente belegen deshalb, dass die Schallausbreitung selbst bei den höchsten (für den Menschen noch erträglichen) Pegeln
keine nachweisbaren Nichtlinearitäten enthält.
2.2 Zustandsgleichungen für die Gesamtgrößen
2.2.1 Boyle-Mariotte-Gleichung
Die Erwartungen, die man vernünftigerweise an eine feste Gasmasse (die beispielsweise in einem Gefäß mit veränderlichem Volumen untergebracht ist)
richten wird, lassen sich etwa so beschreiben:
•
•
Aufheizen des Gases wird bei konstantem Volumen eine Druckerhöhung
pG ∼ TG nach sich ziehen und
der Druck im Gas ist umgekehrt proportional zu seinem Volumen, pG ∼
1/VG .
Stellt man noch in Rechnung, dass eine vergrößerte Masse (bei konstantem Druck und bei konstanter Temperatur) auch einen größeren Platzbedarf besitzt, so lassen sich diese Aussagen in der sogenannten Boyle-MariotteGleichung zusammenfassen. Sie lautet
pG VG =
M
RTG .
Mmol
statt des Volumens und der Masse, für akustische Zwecke“ wird deshalb
”
(2.4) in
R
%G TG
(2.5)
pG =
Mmol
umgeformt.
Jeder beliebige, mögliche Zustand aller idealen Gase muss die genannte
Boyle-Mariotte-Gleichung erfüllen. Das gilt für jeden Zustand mit Schall, aber
natürlich auch für den Fall der Ruhe mit p = % = T = 0. Es gilt also als
Sonderfall von Gl. (2.5) insbesondere auch
p0 =
Die beiden Zusammenhänge zwischen den genannten drei Zustandsgrößen für
Gase bestehen bekanntlich in den beiden im Folgenden genannten Beziehungen (eine etwas ausführlichere Begründung kann man z. B. dem Buch Technische Akustik von M. Möser (7. Auflage, Springer Verlag Berlin 2007) entnehmen.
(2.4)
Dabei ist unter Mmol eine Materialkonstante, nämlich die sogenannte molare
”
Masse“, zu verstehen. Mmol bezeichnet das Molekulargewicht in Gramm“ des
”
betreffenden Stoffes. Zum Beispiel ist (siehe das Periodensystem der Elemente)
Mmol (N2 ) = 28 g und Mmol (O2 ) = 32 g, daraus ergibt sich Mmol (Luft) =
28, 8 g (bekanntlich besteht die Luft zu etwa 20% aus Sauerstoff und zu etwa
80% aus Stickstoff). R = 8, 314 Nm/K (K=Kelvin=Maßeinheit der absoluten
Temperatur, 0 ◦ C = 273 K) ist die allgemeine Gaskonstante.
Bei der Beschreibung von Schallfeldern kann man feste Massen“ und
”
veränderliche Volumina“ nicht gebrauchen. Man benötigt dafür die Dichte
”
35
R
%0 T0 .
Mmol
(2.6)
Um Missverständnissen vorzubeugen sei noch darauf hingewiesen, dass die
Boyle-Mariotte-Gleichung (2.5) für die jeweils aus der Summe von Ruhegröße
und Schallgröße bestehenden Gesamtgrößen und nicht etwa für die Schallfeldgrößen alleine gilt, wie die Herleitung zeigt. Formal ausgedrückt: man kann
also in ihr zwar die Schallgrößen (für den Fall ohne Schall) weglassen, nicht
aber die Ruhegrößen: einen Zustand ohne letztere gibt es nicht, weil dann gar
kein Gas mehr vorhanden ist.
2.2.2 Adiabatische Zustandsgleichung
Bekanntlich kann man Experimente mit isothermer (gleichbleibende Temperatur), isobarer (gleichbleibender Druck) oder isochorer (gleichbleibende Dichte)
Zustandsänderung eines Gases nur durchführen, wenn dabei für einen Wärmeleitungsprozess gesorgt wird. Zum Beispiel ließen sich diese Versuche mit einer
festen Gasmasse in einem Kolben mit veränderbarem Volumen durchführen.
Wenn man das Volumen des Kolbens plötzlich reduziert, so wird man mit
Hilfe eines Thermometers feststellen können, dass dann gleichzeitig die Temperatur des Gases im Inneren steigt. Nur wenn man also lange genug wartet
bzw. die Volumenänderung sehr langsam und allmählich vollzieht, wenn dabei
also ein Wärmetransport von innen nach außen möglich gemacht wird, kann
man wirklich auch einen isothermen Versuch durchführen. Das gleich gilt für
die beiden anderen genannten Experimente. So lässt sich der isochore Versuch
(der beim Kolbenversuch ja gleichzeitig auch konstantes Volumen verlangt)
ohnedies nur durch Aufheizen des Gases bewerkstelligen, das dann natürlich
eine Druckänderung nach sich zieht. Und schließlich setzt der isobare Versuch
eine frei bewegliche Kolbenwand voraus, die den Druckausgleich zwischen innen und außen herstellt, wenn das innere Gas aufgeheizt wird.
Isotherme, isobare und isochore Verdichtungen sind also langsame, an
Wärmeleitung gebundene Vorgänge. Nun vollziehen sich aber gerade Zustandsänderungen durch Schall gewiss so rasch, dass die Wärmeleitung im
Gas (von den allertiefsten Frequenzen vielleicht abgesehen) ganz gewiss keine
Rolle spielen kann. Wärmeleitungsvorgänge sind so langsam, dass sie der sehr
36
2 Die akustischen Zustandsgleichungen in Gasen
2.3 Zustandsgleichungen für die Schallfeldgrößen
raschen zeitlichen Änderung im Schallfeld nichts anhaben können. Und aus
diesem Grund können Schallvorgänge nicht isotherm und natürlich schon gar
nicht isobar oder isochor verlaufen.
Zustandsänderungen, die ohne Wärmetransport auskommen, nennt man
adiabatisch. Für feste Gasmassen in einem veränderbaren Volumen VG gilt
für sie die adiabatische Zustandsgleichung
pG
=
p0
VG
V0
−κ
.
(2.7)
Natürlich wird auch in dieser Gleichung das Volumen wieder für akustische
Zwecke durch die Dichte ausgedrückt, was wegen der unveränderlichen Masse
ohne weiteres möglich ist:
κ
pG
%G
=
.
(2.8)
p0
%0
Vielleicht ist der nochmalige Vermerk angebracht, dass auch diese Gleichung
für die Gesamtgrößen gilt (und keineswegs für die Schallfeldgrößen alleine).
Dass sie von den Ruhegrößen ohne Schall erfüllt wird, das ist offensichtlich.
Soweit also die Schilderung der beiden Zustandsgleichungen für ideale Gase
ohne Wärmeleitung. Natürlich fragt sich nun noch, was aus diesen beiden
Zustandsgleichungen für die Schallfeldgrößen p, % und T folgt. Die Antwort
darauf ergibt sich einfach durch Einsetzen der Gesamtgrößen nach den Gleichungen (2.1), (2.2) und (2.3). Es wird mit der Boyle-Mariotte-Gleichung (2.5)
begonnen:
R
R
(%0 + %)(T0 + T ) ≈
(%0 T0 + %0 T + T0 %) .
Mmol
Mmol
(2.9)
Im letzten Schritt ist das (quadratisch kleine) Produkt aus Schalltemperatur
und Schalldichte %T vernachlässigt worden. Weil wie gesagt auch die statischen
Ruhegrößen selbst die Boyle-Mariotte-Gleichung (2.5) erfüllen (es gilt also
p0 = R%0 T0 /Mmol ), folgt aus der letzten Gleichung für die Schallfeldgrößen
p=
R
(%0 T + T0 %) .
Mmol
(2.10)
Etwas übersichtlicher wird diese Gleichung noch, wenn man durch den Ruhedruck p0 teilt, man erhält dann nämlich
%
T
p
=
+
.
p0
%0
T0
Wenn man die auftretenden Quotienten als relative Größen“ bezeichnet, dann
”
besagt (2.11), dass der relative Schalldruck gleich der Summe aus relativer
Schalldichte und relativer Schalltemperatur ist.
Den zweiten Zusammenhang zwischen den Schallfeldgrößen liefert die adiabatische Zustandsgleichung (2.8), die im Folgenden noch auf die vergleichsweise sehr kleinen Schallfeldgrößen zugeschnitten wird.
Zunächst ist festzustellen, dass die adiabatische Zustandsgleichung (2.8)
einen nichtlinearen Zusammenhang zwischen Druck und Dichte im Gas konstatiert. Andererseits interessieren nur kleinste Änderungen um den Arbeitspunkt (%0 , p0 ); deshalb kann die gekrümmte Kennlinie (2.8) durch ihre Tangente in diesem Arbeitspunkt ersetzt werden. Anders ausgedrückt: Die Kennlinie kann linearisiert werden, weil quadratische Anteile und alle höheren Potenzen der Taylorentwicklung vernachlässigt werden können.
Dazu werden die Schallfeldgrößen zunächst in die für die Gesamtgrößen
geltende adiabatische Zustandsgleichung (2.8) eingesetzt:
κ κ
%
p
%0 + %
p0 + p
= 1+
.
(2.12)
=1+
=
p0
p0
%0
%0
Die nach dem linearen Glied abgebrochene Potenzreihen-Entwicklung von
f (x) = (1 + x)κ um x = 0 besteht in f (x) = 1 + κx, also gilt
2.3 Zustandsgleichungen für die Schallfeldgrößen
p0 + p =
37
(2.11)
1+
p
%
=1+κ .
p0
%0
Die linearisierte, auf die Zwecke der Akustik zugeschnittene adiabatische Zustandsgleichung lautet also
p
%
=κ .
(2.13)
p0
%0
Weil der Schalldruck eine gut durch Mikrophone messbare Größe bildet, die
Schalldichte dagegen nur indirekt aus dem Druck bestimmt werden kann, werden Schallfelder fast immer durch Angabe ihrer Druckverteilung beschrieben.
Deswegen werden auch alle nachfolgenden Betrachtungen – soweit möglich –
durch Drücke formuliert. Dazu muss dann die möglicherweise vorkommende
Schalldichte noch durch den Druck ersetzt werden. Deshalb wird (2.13) nach
der Dichte aufgelöst
p
%= 2 ,
(2.14)
c
mit
p0
c2 = κ .
(2.15)
%0
Wie man erkennt, sind Schalldruck und Schalldichte gleiche Zeit- und Ortsfunktionen. Eliminiert man mit Hilfe von (2.13) noch in (2.11) die relative
Dichte, so erhält man für die relative Schalltemperatur
p
%
1 p
T
=
−
= 1−
.
T0
p0
%0
κ p0
38
2 Die akustischen Zustandsgleichungen in Gasen
Alle drei relativen Größen haben also die gleiche Signalgestalt, sie unterscheiden sich nur durch einen Zahlenfaktor.
Die Betrachtungen im nächsten Abschnitt werden zeigen, dass die in
(2.15) eingeführte Konstante c eine besondere physikalische Bedeutung besitzt: c bezeichnet die Schallausbreitungsgeschwindigkeit im Gas. Obwohl
darin natürlich kein Beweis gesehen werden kann, spricht die Dimensionskontrolle wenigstens nicht gegen diese Behauptung:
s
s
s
dim(p)
Nm3
kg m m
m
=
=
=
.
dim(c) =
dim(%)
m2 kg
s2 kg
s
Die Dimension von c, dim(c), ist also tatsächlich eine Geschwindigkeit.
Setzt man noch die (auch für die statischen Größen gültige) BoyleMariotte-Gleichung (2.5) in (2.15) ein, so erhält man für die Schallgeschwindigkeit c
r
R
c= κ
T0 .
(2.16)
Mmol
Sie hängt nur vom Material und von der absoluten Temperatur, nicht aber von
Ruhedruck oder Ruhedichte ab. Als Kontrolle seien die Parameter von Luft
Mmol = 28, 8 · 10−3 kg bei T0 = 288 K (15 ◦ C) eingesetzt; man erhält dafür
den bekannten Wert von c = 341 m/s. Für praktische Anwendungen reicht
es nahezu immer aus, Temperaturschwankungen von bis zu 10 ◦ C unter den
Tisch fallen zu lassen und mit dem gerundeten Wert von 340 m/s zu rechnen.
Erwähnenswert ist vielleicht, dass die (im freien Gas nicht zutreffende,
also falsche) Annahme isothermer Verdichtung bei Schallvorgängen auf die zu
kleine Ausbreitungsgeschwindigkeit
r
RT0
cadia
ciso =
= √ ≈ 0.85cadia
Mmol
κ
führen würde. Tatsächlich hat man erst aus der Diskrepanz zwischen ciso und
Messwerten gelernt, dass Schall-Verdichtungsvorgänge eben nicht isotherm,
sondern adiabatisch ablaufen. Natürlich müssen gemessene Schallgeschwindigkeiten gleich cadia sein.
3
Schallfeld-Gleichungen in kartesischen
Koordinaten
Dieses Kapitel dient der Herleitung der zur Schallfeldbeschreibung notwendigen Differentialgleichungen.
3.1 Folgerung aus der Massen-Erhaltung
In diesem und im nächsten Abschnitt wird zunächst der eindimensionale Fall
betrachtet, bei dem nur die Änderungen entlang einer einzigen Ortskoordinate
interessieren. Dieser Fall ist natürlich einfacher und es gelingt deswegen leichter, das Wesentliche herauszuarbeiten. Im Anschluss daran werden dann die
entsprechenden Gleichungen für den allgemeinen räumlichen Fall angegeben.
3.1.1 Eindimensionale Betrachtung
Es wird ein festes Volumenelement ∆V = S · ∆x mit der Kantenlänge ∆x und
den Seitenflächen S (Bild 3.1) betrachtet.
Abb. 3.1. Volumenelement für die eindimensionale Betrachtung. Die beiden äußeren Kräfte, die bei der Impuls-Bilanz vorkommen, sind schon mit eingezeichnet.
40
3 Schallfeld-Gleichungen in kartesischen Koordinaten
3.2 Folgerungen aus der Impuls-Erhaltung
Wenn nun das Medium mit einer x-gerichteten Geschwindigkeit u(x) in
Bewegung ist, so erhält das Volumenelement während der Zeit ∆t einen NettoMassen-Zufluss ∆M , der gleich der Differenz aus links zufließender Masse und
rechts abfließender Masse ist:
∆M = %G (x) · u(x) · ∆t · S − %G (x + ∆x) · u(x + ∆x) · ∆t · S
= [%G (x) · u(x) − %G (x + ∆x) · u(x + ∆x)] · S · ∆t .
Andererseits muss natürlich die Zu- oder Abnahme von im Volumenelement
∆V gespeicherter Masse in einer entsprechenden Zu- oder Abnahme der innen
vorhandenen Dichte resultieren:
∆M = [%G (t + ∆t) − %G (t)] · ∆x · S .
%G (x) · u(x) − %G (x + ∆x) · u(x + ∆x)
%G (t + ∆t) − %G (t)
=
,
∆t
∆x
3.2.1 Eindimensionale Betrachtung
Das Volumenelement (siehe Bild 3.1) kann einen Impuls-Zuwachs ∆I während
der Zeit ∆t auf zwei Weisen erfahren (∆I = ∆I1 +∆I2 ): einmal wirken äußere
(Druck-) Kräfte auf es ein, deren Impuls-Zuwachs
∆I1 = [pG (x) − pG (x + ∆x)] · S · ∆t
ist. Zum anderen transportiert die während ∆t zu-/abfließende Masse gleichfalls einen zu-/abfließenden Impuls. Es ist also:
Impulszufluß
oder, nach dem Grenzübergang ∆t → 0 und ∆x → 0
(3.1)
Diese sogenannte Kontinuitätsgleichung“ ist - die Herleitung zeigte es - nur
”
eine Folge des Prinzips der Massen-Erhaltung.
Impulsabfluß
Natürlich geht die Änderung des in ∆V gespeicherten Impulses mit einer
Änderung des Produktes aus Masse und Geschwindigkeit des Volumenelements einher:
∆I = [%G (t + ∆t) · u(t + ∆t) − %G (t) · u(t)] · ∆x · S .
Zusammenfassend ist also
pG (x) − pG (x + ∆x) %G (x) · u2 (x) − %G (x + ∆x) u2 (x + ∆x)
+
∆x
∆x
3.1.2 Dreidimensionale Betrachtung
Im allgemeinen dreidimensionalen Fall beträgt der Massen-Zufluss in ein Volumenelement mit den Kantenlängen ∆x, ∆y und ∆z während ∆t
∆M = [%G (x) · ux (x) − %G (x + ∆x) · ux (x + ∆x)] · ∆y ∆z ∆t
%G (t + ∆t) u (t + ∆t) − %G (t) u (t)
,
∆t
oder, nach Grenzübergang ∆x → 0 bzw. ∆t → 0
=
∂(%G u) ∂pG
∂(%G u2 )
+
+
= 0.
∂t
∂x
∂x
+ [%G (y) · uy (y) − %G (y + ∆y) · uy (y + ∆y)] · ∆x ∆z ∆t
+ [%G (z) · uz (z) − %G (z + ∆z) · uz (z + ∆z)] · ∆x ∆y ∆t ,
(3.3)
3.2.2 Dreidimensionaler Fall
der sich in einer Dichte-Änderung gemäß
∆M = [%G (t + ∆t) − %G (t)] ∆x ∆y ∆z
niederschlagen muss.
Zusammenfassend gilt also nach gleicher Vorgehensweise wie oben und
∆x → 0, ∆y → 0 und ∆t → 0
∂%G ux
∂%G uy
∂%G uz
∂%G
+
+
+
= 0.
∂x
∂y
∂z
∂t
3.2 Folgerungen aus der Impuls-Erhaltung
∆I2 = %G (x) · u(x) · S · ∆t · u(x) − %G (x + ∆x) · u(x + ∆x) · S · ∆t · u(x + ∆x).
|
{z
}
{z
}
|
Massenzufluß
Massenabfluß
|
{z
} |
{z
}
Zusammenfassend ist also:
∂%G u ∂%G
+
= 0.
∂x
∂t
41
(3.2)
Da der Impuls eine vektorielle Größe ist, muss man komponentenweise vorgehen. Betrachtet sei deshalb nur der x-gerichtete Impuls. Der Anteil ∆I1
durch den äußeren Druck bleibt gleich. Bei dem wegen der einfließenden
Masse hinzukommenden Impuls ∆I2 dagegen muss noch die durch die anderen vier Seitenflächen oben“, unten“, hinten“ und vorne“ strömenden
”
”
”
”
Impulse berücksichtigt werden
42
3 Schallfeld-Gleichungen in kartesischen Koordinaten
3.3 Lighthill-Gleichung und Wellengleichung
2
∆I2 = %G (x) · u2x (x)∆y ∆z ∆t − %G (x + ∆x)u2x (x + ∆x)∆y ∆z ∆t
|
{z
}
(%G u)
eliminieren und
nach t und (3.4) nach x, so kann man den Term ∂ ∂x∂t
erhält die eindimensionale Lighthill-Gleichung
links-rechts
+ %G (y)uy (y)∆x ∆z ∆t ux (y) −%G (y + ∆y)uy (y + ∆y)∆x ∆z ∆t ux (y + ∆y)
|
{z
}
Massenzufluß
{z
}
|
x-Impulszufluß
|
{z
vorn-hinten
}
+ %G (z)uz (z)∆x ∆y ∆t ux (z) −%G (z + ∆z)uz (z + ∆z)∆x ∆y ∆t ux (z + ∆z).
|
{z
}
Massenzufluß
|
{z
}
x-Impulszufluß
|
{z
unten-oben
}
Es ist also
%G (t + ∆t) · ux (t + ∆t) − %G (t) · ux (t)
∆t
pG (x) − pG (x + ∆x) %G (x) · u2x (x) − %G (x + ∆x) · u2x (x + ∆x)
=
+
∆x
∆x
%G (y) ux (y) uy (y) − %G (y + ∆y) · ux (y + ∆y)
+
∆y
%G (z) ux (z) uz (z) − %G (z + ∆z) · ux (z + ∆z) uz (z + ∆z)
+
,
∆z
∂ 2 pG
∂ 2 %G
∂ 2 %G u2
−
+
= 0.
∂x2
∂t2
∂x2
(3.5)
Sie ist die allgemeinste Form der Beschreibung von (eindimensionalen) dynamischen Vorgängen in Gasen, d. h. sie enthält noch alle Nichtlinearitäten, wie
den Einfluss von Strömungen und die Krümmung der Adiabatenkurve, Vernachlässigungen sind nicht getroffen (Ausnahme: Einfluss der Viskosität). Für
die meisten interessierenden Fälle (mit einigen Ausnahmen, wie Turbulenzen
und Nichtlinearitäten bei sehr hohen Schalldrücken) kann man die LighthillGleichung erheblich vereinfachen. Man geht dazu wieder von im Verhältnis zu
den statischen Bedingungen p0 , %0 kleinen überlagerten Wechselgrößen aus
pG = p0 + p
%G = %0 + % .
Wenn jetzt der Fall ohne Gleichströmung betrachtet wird, dann wird die Geschwindigkeit u zur Schallschnelle u = v. Geht man weiter von konstanten
statischen Bedingungen aus
∂%0
∂%0
∂p0
=
=
= 0,
∂x
∂t
∂x
oder
so folgt unter Benutzung der linearisierten Adiabatengleichung (2.14):
∂(%G u2x ) ∂(%G ux uy ) ∂(%G ux uz )
∂(%G u) ∂pG
+
+
+
+
= 0.
∂t
∂x
∂x
∂y
∂z
Spätestens an dieser Stelle wird das Ausschreiben der Einzelkomponenten
umständlich. Legt man fest, dass ein beigestellter Index von 1 die x-Richtung,
2 die y-Richtung und 3 die z-Richtung bezeichnen soll, so gilt:
3
∂(%G uj ) ∂pG X ∂(%G ui uj )
+
+
= 0 , j= 1, 2, 3 .
∂t
∂xj
∂xi
i=1
43
(3.4)
Für j = 1 wurde die Gleichung oben abgeleitet. Es wird dem Leser nicht
schwer fallen, dies auch für j = 2 und j = 3 gegebenenfalls selbst durchzuführen.
3.3 Lighthill-Gleichung und Wellengleichung
3.3.1 Eindimensionaler Fall
Die Lighthill-Gleichung stellt nur eine Zusammenfassung der in den beiden
letzten Abschnitten dargelegten Sachverhalte dar. Differenziert man (3.1)
∂2p
1 ∂ 2 p ∂ 2 (%0 + %) v 2
− 2 2 +
= 0.
2
∂x
c ∂t
∂x2
Zunächst kann man im letzten Term die Wechseldichte % gegenüber der Ruhedichte %0 vernachlässigen. Die folgende Abschätzung der Größenordnungen
zeigt, dass auch der dann noch verbleibende Ausdruck %0 v 2 sehr klein ist gegenüber dem Schalldruck p. Für ebene Wellen gilt bekanntlich v = p/(%0 c).
In Amplituden gedacht ist also %0 v 2 = p2 /(%0 c2 ) und damit:
%0 v 2
p
p
=
=
p
%0 c2
κp0
(mit c2 = κp0 /%0 ). Für Luftschall mit Pegeln von weniger als 137 dB (!) ist
die rechte Seite jedenfalls kleiner als 10−3 . Also kann man %0 v 2 gegenüber p
vernachlässigen. Damit erhält man die Wellengleichung
∂2p
1 ∂2p
− 2 2 =0
2
∂x
c ∂t
(3.6)
für den Schalldruck. Unter den gleichen Vernachlässigungen wie oben geht aus
Gleichung (3.3) noch die Schallschnelle v aus dem Schalldruck p hervor:
44
3 Schallfeld-Gleichungen in kartesischen Koordinaten
3.3 Lighthill-Gleichung und Wellengleichung
∂v
1 ∂p
=−
∂t
%0 ∂x
f (x + ∆x − c(t + ∆t)) = f (x − ct)
(3.7)
Wie man leicht durch Einsetzen zeigen kann, wird die Wellengleichung (3.6)
von jedem beliebigen Funktionsverlauf f erfüllt, der nur vom Argument x ± ct
abhängt:
p = f (x ± ct) .
(3.8)
45
oder natürlich ∆x = c · ∆t. Wie erwartet, ist die bei der Behandlung der Adiabatengleichung eingeführte Konstante c“ mit der Ausbreitungsgeschwindig”
keit identisch
cA = c
3.3.2 Dreidimensionaler Fall
Mit der Indizierungs-Vereinbarung bezüglich der Richtung x1 = x, x2 = y
und x3 = z lautet das Massenerhaltungsgesetz (3.2)
3
X
∂%G ui
i=1
p(x,t) = f(t−x/c)
∆ x
∂xi
+
∂%G
= 0,
∂t
(3.9)
und das Impulserhaltungsgesetz (3.4) wird zu
t=0
t= ∆ t
3
∂%G uj
∂pG X ∂%G ui uj
+
+
= 0 , j = 1, 2, 3 .
∂t
∂xj
∂xi
i=1
(3.9) nach t differenziert gibt
3
X
∂ 2 %G ui
i=1
x
Abb. 3.2. Druckverlauf über dem Ort für zwei verschiedene Zeiten t = 0 und
t = ∆t.
In Bild 3.2 ist die anschauliche Interpretation dargestellt: nach einer Zeit
∆t > 0 ist der Funktionsverlauf im Falle des negativen Vorzeichens x−ct nach
rechts (pos. Vorzeichen x + ct: nach links) gewandert“. Es handelt sich also
”
um eine Welle, die sich für −“ in positive, für +“ in negative x-Richtung
”
”
ausbreitet. Wie man sieht, ist die Welle nicht-dispersiv, die Funktion wird bei
der Ausbreitung in ihrer Form nicht verzerrt. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit - sie wird vorläufig mit cA bezeichnet, um sie nicht schon gleich mit c zu
verwechseln - geht aus
∆x
cA =
∆t
hervor. Dabei ist ∆x (siehe oben) das Stück, um das die Welle weitergewandert ist, nachdem die Zeit ∆t vergangen ist. Die über x so rückverschobene“
”
Funktion f (x − c(t + ∆t)), dass sie gerade mit f (x − ct) zur Deckung
kommt, ist f (x + ∆x − c(t + ∆t)) (siehe obiges Bild). Es ist also:
(3.10)
∂xi ∂t
+
∂ 2 %G
= 0,
∂t2
(3.10) nach xj differenziert und summiert ergibt
3
X
∂ 2 %G uj
j=1
∂xj ∂t
+
3
3 X
X
∂ 2 %G ui uj
+
= 0,
2
∂xj
∂xi ∂xj
j=1
i=1 j=1
3
X
∂ 2 pG
oder, zusammengefasst in der LIGHTHILL-Gleichung
3
X
∂ 2 pG
∂x2j
j=1
−
3
3
∂ 2 %G X X ∂ 2 %G ui uj
+
= 0.
∂t2
∂xi ∂xj
i=1 j=1
(3.11)
Mit den gleichen Vernachlässigungen und Annahmen wie im eindimensionalen
Fall wird daraus die Wellengleichung für den Schalldruck p
∆p −
1 ∂2p
=0
c2 ∂t2
mit ∆ = Delta-Operator =
3
X
∂2
∂2
∂2
∂2
.
+ 2+ 2 =
2
∂x
∂y
∂z
∂x2i
i=1
(3.12)
46
3 Schallfeld-Gleichungen in kartesischen Koordinaten
3.4 Energie und Leistung in Schallfeldern
47
Für die Schnelle-Komponente gilt noch nach (3.10) unter den gleichen Vernachlässigungen:
∂vi
1 ∂p
=−
, i = 1, 2, 3 ,
(3.13)
∂t
%0 ∂xi
oder, in Vektorschreibweise:
1
∂~v
= − grad p ,
∂t
%0
(3.14)
wobei grad = ~ex ∂/∂x + ~ey ∂/∂y + ~ez ∂/∂z und ~ex , ~ey , ~ez die orthogonalen
Einheitsvektoren des kartesischen Systems sind. Die Kontinuitätsgleichung
(3.9) geht über in
∂vy
∂vz
1 ∂p
∂vx
+
+
= div ~v = −
.
∂x
∂y
∂z
%0 c2 ∂t
(3.15)
Abb. 3.3. Die durch die Fläche S hindurchtretende Leistung ist örtlich verteilt.
Ihre Flächendichte wird als Intensität bezeichnet.
3.4 Energie und Leistung in Schallfeldern
Da bei der Schallausbreitung in Gasen naturgemäß sowohl Kompressionen als
auch Bewegungen der Gasteilchen vorkommen, besteht die in einem Volumenelement ∆V gespeicherte Energie aus potentiellem und kinetischem Anteil
1
1 2
E∆V =
p + %0~v · ~v · ∆V ,
(3.16)
2 %0 c2
wobei ~v · ~v das Skalarprodukt ist. Hierin ist
1
1 2
w=
p
+
%
~
v
·
~
v
0
2 % 0 c2
w dV
∆w · ∆V = ∆t · ∆y · ∆z · [Ix (x) − Ix (x + ∆x)]
+ ∆t · ∆x · ∆z · [Iy (y) − Iy (y + ∆y)]
+ ∆t · ∆x · ∆y · [Iz (z) − Iz (z + ∆z)] ,
(3.17)
die räumliche Energiedichte, aus der sich die im Gesamtfeld gespeicherte Energie durch
Z
E=
Aus dieser Definition lässt sich der Zusammenhang zwischen Intensität
und Energiedichte leicht herleiten. Die zeitliche Änderung des Energie-Inhaltes
∆w · ∆V im Volumenelement mit den Kantenlängen ∆x, ∆y und ∆z muss sich
aus der Differenz von Leistungs-Zufluss und Abfluss ergeben:
(3.18)
V
(V = Gesamtvolumen des Feldes) ergibt. Nun fließt in einem Schallfeld bekanntlich Energie von der Quelle durch den Raum hindurch. Um den Energie~ Sie ist definiert als (vekFluss zu beschreiben, benutzt man die Intensität I.
torielle) Leistungsdichte derart, dass sich die durch eine Fläche S hindurchtretende Leistung P nach
Z
P = In , dS
(3.19)
S
berechnen lässt (Bild 3.3, n: Normalkomponente des Vektors, also senkrecht
auf der Fläche).
oder, nach Grenzübergang ∆t → 0, ∆x → 0, ∆y → 0, ∆z → 0
∂Ix
∂Iy
∂Iz
∂w
=−
+
+
,
∂t
∂x
∂y
∂z
(3.20)
wofür man auch kurz
∂w
= − div Ĩ
∂t
schreibt. Setzt man in (3.20) die Energiedichte (3.17) ein, so ist
∂Ix
∂Iy
∂Iz
1 ∂p
∂~v
+
+
=−
p
+ %0~v
.
∂x
∂y
∂z
%0 c2 ∂t
∂t
(3.21)
Unter Benutzung der Impuls-Bilanz (3.13) und der Kontinuitätsgleichung
(3.15) wird daraus
∂Ix
∂Iy
∂Iz
∂vx
∂vy
∂vz
∂p
∂p
∂p
+
+
=p
+
+
+ vx
+ vy
+ vz
∂x
∂y
∂z
∂x
∂y
∂z
∂x
∂y
∂z
∂pvx
∂pvy
∂pvz
=
+
+
.
∂x
∂y
∂z
(3.22)
48
3 Schallfeld-Gleichungen in kartesischen Koordinaten
Da (3.22) auch gelten muss, wenn nur eine Komponente vorkommt (vy =
vz = 0 beispielsweise) und in diesem Fall der Leistungsfluss auch nur eine
Komponente haben kann, gilt:
Ix = p vx
bzw.
4
Schallabstrahlung von ebenen Flächen
Iy = p vy
bzw.
Iz = p vz
oder allgemeiner für die Vektoren
I~ = p · ~v .
(3.23)
Die Intensität ist also einfach gleich dem Produkt von Druck und Schnelle.
Leistungsflüsse durch Flächen lassen sich aus ihr durch Integration nach (3.19)
bestimmen.
Für reine Töne
1
p ejωt + p∗ e−jωt
p = Re p ejωt =
2
ist
1 jωt
I~ =
p e + p∗ e−jωt ~v ejωt + ~v ∗ e−jωt
4
1 ∗
1 = Re p ~v + Re p~v ej2ωt .
2
2
Der erste, zeitlich konstante Anteil heißt Wirk-Intensität, die zugehörige,
durch Flächenintegration ermittelte Leistung wird Wirk-Leistung genannt.
Überlagert ist ein mit der doppelten Frequenz hin und her flutender Wechselanteil, der Blind-Intensität (-Leistung) genannt wird; diese ist im zeitlichen
Mittel gleich Null. Wie bei elektrischen Verbrauchern beschreibt man akustische Quellen oft durch die Angabe der von ihnen bereitgestellten akustischen
Wirk-Leistung. Blind-Größen spielen in der Akustik keine Rolle.
In diesem Kapitel wird das Schallfeld betrachtet, das von einer gegebenen
schwingenden Fläche in einer Ebene (z = 0) hervorgerufen wird. Es wird
also angenommen, dass die anregende Schallschnelle in der Ebene bekannt
ist. Anschaulich kann man sich einen (oder mehrere) Lautsprecher in einer
(großen) Schallwand eingebaut vorstellen, es kann sich aber auch um Platten
(oder in einer Schallwand eingebaute Plattenstücke) handeln, die durch Kräfte
zu Biegeschwingungen angeregt werden und dadurch Schall abstrahlen.
Methodisch wird dabei genauso vorgegangen wie bei der Betrachtung der
(zeitlichen) Fourier-Transformation. Betrachtet wird zunächst eine spezielle
Schnelle in der Ebene, die selbst die Form einer Welle besitzt, und das davon hervorgebrachte Schallfeld. Es wird dann leicht sein, wiederum die Linearität auszunutzen, mehrere (anregende) Wellenlängen und ihre Wirkungen auf
das Schallfeld zu superponieren. Im Grenzfall führt das zur örtlichen FourierTransformation:
Z∞
F (k) =
f (x) =
1
2π
−∞
Z∞
f (x)e−jkx dx
(4.1a)
F (k)ejkx dk ,
(4.1b)
−∞
bei der gegenüber der zeitlichen Fourier-Transformation nur die Variable
t (Zeit) durch die Variable x (Ort) und die Variable ω (Frequenz) durch die
Variable k (Wellenzahl) ersetzt worden ist. Der Unterschied besteht lediglich
darin, dass nun keine Orts-Kausalität“ mehr verlangt werden kann. Ebenso
”
können die Original-Funktionen f (x) komplex sein: sie repräsentieren komplexe Amplituden von Zeitverläufen oder zeitliche Fourier-Transformierte. Um
die bei Ebenen vorhandenen beiden unabhängigen Richtungen zu berücksichtigen, muss man im allgemeinen Fall auch zweifach transformieren:
50
4 Schallabstrahlung von ebenen Flächen
Z∞ Z∞
F (kx , ky ) =
f (x, y)e−jkx x e−jky y dxdy
4.1 Örtlich harmonische Anregung
(4.2a)
−∞ −∞
1
f (x, y) =
4π 2
Z∞ Z∞
F (kx , ky ) ejkx x ejky y dkx dky .
(4.2b)
−∞ −∞
Wieder werden in den nächsten Abschnitten zunächst zweidimensionale
Probleme behandelt, bei denen nur bezüglich einer Richtung zu transformieren ist. Im Anschluss daran wird auf den allgemeinen 3-dimensionalen Fall
eingegangen.
2. treten für k02 < k 2 exponentielle Felder auf, so müssen diese mit z abnehmen.
Diese Bedingungen werden befriedigt, wenn
p 2
+ k0 − k 2 , k02 ≥ k 2
kr =
p 2
−j k − k02 , k02 < k 2
Sei also in der Ebene z = 0 ein Schnelleverlauf der Form v = v0 · ejkx vorhanden. Man beachte noch, dass die so definierte Strahlerschnelle ein in negative
x-Richtung laufenden Welle beschreibt. Diese Wahl ist nur getroffen worden,
um den später geschilderten Übergang zu Fourier-Transformierten (etwas)
einfacher zu machen.
Änderungen bezüglich der y-Richtung kommen nicht vor: für alle Größen
gilt d/dy = 0. Für die im Folgenden vorausgesetzten reinen Töne als Zeitverlauf der Anregung erfüllt die komplexe Amplitude p(x, z) nach (3.12) die
zweidimensionale Wellengleichung.
∂2p ∂2p
+ 2 + k02 p = 0
∂x2
∂z
(4.3)
mit k0 = ω/c. Natürlich wird p bezüglich der x-Richtung die gleiche Welligkeit
wie die Anregung v besitzen. Man macht also den Ansatz
p(x, z) = f (z)ejkx .
Aus (4.3) findet man
und damit die Lösung
∂2f
+ (k02 − k 2 ) f = 0
∂z 2
p(x, z) = p0 e−jkr z ejkx
mit
kr =
(4.4)
q
k02 − k 2 .
Es stellt sich die Frage, welches Vorzeichen beim Wurzelziehen benutzt werden
soll. Die Antwort ergibt sich aus den beiden einleuchtenden physikalischen
Forderungen:
1. Liegen für den Fall k02 > k 2 Wellen in z-Richtung vor, dann müssen diese
von der Anregung weg in z-Richtung laufen, und
(4.5)
definiert wird. Schließlich muss noch die Konstante p0 aus der Randbedingung
in z = 0 bestimmt werden. Nach (3.13) gilt für die z-gerichtete Schnelle v(x, z):
v(x, z) =
4.1 Örtlich harmonische Anregung
51
j ∂p
kr
=
p0 e−jkr z ejkx .
ω%0 ∂z
ω%0
Sie muss für z = 0 mit der Vorgabe v0 ejkx übereinstimmen. Es ist also
p0 =
ω%0
k0
v0 = % 0 c v0
kr
kr
und damit:
p(x, z) = v0 %0 c
k0 −jkr z jkx
e
e .
kr
(4.6)
Das Ergebnis (4.6) besitzt eine sehr anschauliche Interpretation. Ist die Anregung mit k > k0 (und deswegen λ < λ0 = 2π/k0 ) kurzwelliger als die
freie Luftwellenlänge λ0 , dann beschränkt sich das Schallgeschehen auf ein
exponentiell abklingendes Nahfeld (siehe Bild4.1) in der unmittelbaren Nachbarschaft der Platte. Im echten Sinne“ wird gar kein Schall abgestrahlt, d. h.,
”
die z-gerichtete Wirkintensität
I=
1
Re {p(x, 0) · v ∗ (x, 0)}
2
(4.7)
beträgt I = 0, denn p v ∗ ist rein imaginär.
Man kann das natürlich auch an der Impedanz Z = p(x, 0)/v(x, 0) sehen, die
ebenfalls keinen Realteil besitzt. Ist die Anregung mit k < k0 (und deswegen
λ < λ0 ) langwelliger als die freie Luftwellenlänge λ0 , dann wird eine ebene
Luftschallwelle unter einem gewissen Winkel abgestrahlt (Bild 4.2).
Den Abstrahlwinkel ϑ erhält man aus einer einfachen Betrachtung. Allgemein besitzt eine schräg laufende Welle im hier verwendeten Koordinatensystem die Form
p = p0 e−jk0 z cos ϑ ejk0 x sin ϑ .
Durch Vergleich mit (4.4) findet man die beiden für k < k0 widerspruchsfreien
Gleichungen
52
4 Schallabstrahlung von ebenen Flächen
4.2 Allgemeine Form der Anregung
woraus
sin ϑsp = k/k0 = −λ0 /λ
53
(4.8)
folgt.
Wie man auch Bild 4.2 entnehmen kann, erfolgt die Abstrahlung so, dass
im schrägen Schnitt, den die strahlende Ebene durch das Wellengebirge des
Luftschalls bildet, die (größere) Strahlerwellenlänge λ vorliegt. Diesen physikalischen Effekt nennt man anschaulich Spuranpassung“, der sich einstel”
lende Abstrahlwinkel ϑsp heißt Spuranpassungswinkel“. Im Falle der echten
”
”
Abstrahlung“ beträgt die z-gerichtete Wirkintensität (siehe (4.7)):
I=
Abb. 4.1. Schallfeld vor einem kurzwelligen Strahler in Form einer nach oben laufenden Welle mit der Schallschnelle vz = v0 e−j2πy/λ für λ = 0, 9λ0 . Die durchgezogene Linie links zeigt die Strahler-Schwingung selbst.
k0
1
%0 c
1 2
v %0 c = v02
.
2 0
kr
2 cos ϑ
(4.9)
4.2 Allgemeine Form der Anregung
Bei einem allgemeinen Funktionsverlauf v(x) zerlegt man diesen in seine infinitesimalen Wellenkomponenten V (k)
Z∞
V (k) =
v(x) e−jkx dx .
−∞
Da nun die Luftschall-Reaktion auf jede Komponente V (k) aus dem vorigen
Abschnitt bekannt ist, nämlich
P (k) = V (k)%0 c
k0 −jkr z
e
kr
nach (4.4), folgt durch Rücktransformation
%0 c
p(x, z) =
2π
Abb. 4.2. Schallfeld vor einem langwelligen Strahler in Form einer nach oben laufenden Welle mit der Schallschnelle vz = v0 e−j2πy/λ für λ = 2λ0 . Die durchgezogene
Linie links zeigt die Strahler-Schwingung selbst.
q
kr = + k02 − k 2 = k0 cos ϑsp
k = −k0 · sin ϑsp ,
Z∞
V (k)
−∞
k0 −jkr z jkx
e
e dk
kr
(4.10)
(man beachte, dass kr von k abhängt), womit das Problem gelöst ist. Da
einzig vom Superpositionsprinzip für Teilwellen Gebrauch gemacht wurde, ist
es wohl nicht mehr weiter verwunderlich, dass die Fourier-Transformierte P (k)
P (k) = V (k) · %0 c
k0 −jkr z
e
kr
das Produkt aus Anrege-Wellenzahlspektrum und einem system-typischen“
”
Spektrum darstellt. Man kann also den Faltungssatz ausnutzen, wenn die
Rücktransformierte
k0 −jkr z
−1
h(x, z) = F
H(k, z) = %0 c e
kr
54
4 Schallabstrahlung von ebenen Flächen
4.2 Allgemeine Form der Anregung
bekannt ist. Die Ortsfunktion hat dabei wieder die im Kapitel 1 dargelegte
Interpretation: es ist die örtliche Impulsantwort“, d. h., h ist die Reaktion des
”
Lufthalbraumes auf eine Anregung mit der Distribution v = δ(x) in der strahlenden Ebene. Mit Hilfe einer Integraltafel (z. B. Abramowitz/Stegun, S.
360, Nr. 9.1.18 - 9.1.23) findet man für den hier betrachteten zweidimensionalen Fall (mit sin Θ = k/k0 für |k| < k0 und cos Θ = k/k0 für |k| > k0 )
1
h(x, z) =
2π
Z∞
%0 c
−∞
k0 −jkr z jkx
e
e dk
kr
=
p
1
(2)
%0 ck0 H0 k0 x2 + z 2 , (4.11)
2
(2)
worin H0 die Hankelfunktion zweiter Art bedeutet. Wie man an der Herleitung sehen kann, ist das durch (4.11) gegebene Schallfeld durch eine Linien(2)
quelle entlang der y-Achse hervorgerufen. H0 hängt mit der Besselfunktion
J0 und der Neumannfunktion N0 durch
(2)
H0 (x) = J0 (x) − jN0 (x)
(2)
r
H0 (k0 r) ≈
2
ejπ/4 e−jk0 r
πk0 r
mit
k0 r = k0
p
x2 + z 2 1
55
(4.13)
√
deutlich: im Wesentlichen stellt die Lösung (4.11) eine mit 1/ r abnehmende,
in r-Richtung nach außen laufende Welle dar. Da die Schallabstrahlung nur
vom Abstand r zwischen Aufpunkt und Quellpunkt abhängt, gibt es keine
Vorzugsrichtung der Abstrahlung. Man bezeichnet die Quelle daher auch als
Linienmonopol.
Mit Hilfe des Faltungssatzes kann man nun bei beliebigem Ortsverlauf
der anregenden Schnelle v(x) in der Ebene z = 0 das Schallfeld im gesamten
Raum bestimmen.
1
p(x, z) = %0 ck0
2
Z∞
(2)
v(xQ )H0
q
2
2
k0 (x − xQ ) + z dxQ .
(4.14)
−∞
(4.12)
zusammen.
1
J0(x)
0.5
N (x)
0
0
−0.5
−1
0
5
10
x
15
20
Abb. 4.3. Besselfunktion J0 (x) und Neumannfunktion N0 (x)
Wie man in Bild 4.3 erkennen kann, sind J0 und N0 im Prinzip“ schwach
”
abklingende Schwingungsverläufe. Das wird auch aus der für große Argumente
(2)
k0 r gültigen Näherung für H0
Abb. 4.4. Besselfunktion J0 (x) und Neumannfunktion N0 (x)
Die Bedeutung der vorkommenden Größen kann auch Bild 4.4 entnommen
werden. Hier erscheint also das Gesamtfeld als Summe der Wirkungen von
56
4 Schallabstrahlung von ebenen Flächen
vielen einzelnen, in der Ebene z = 0 verteilten Monopol-(Linien-)Quellen der
infinitesimal kleinen Abmessung dxQ . Man kann also
•
•
entweder, wie in (4.14), eine Zerlegung in Monopolquellen vornehmen und
die Wirkungen der Monopole im betrachteten Aufpunkt summieren, oder
wie in (4.10), eine Zerlegung der Anregung in Wellenformen durchführen
und die Wirkungen der Teilwellen aufaddieren.
Im Grunde wurde die Dualität der beiden Möglichkeiten schon bei der Herleitung des Faltungssatzes gezeigt. Natürlich müssen beide Vorgehensweisen
zu ein und demselben Resultat führen.
4.3 Betrachtungen im Fernfeld
Man wird erwarten, dass die Näherung (4.13) für die Hankelfunktion eine
größere Übersichtlichkeit in der Lösung des allgemeinen Problems (4.14)
möglich machen wird. Dazu ist die Beschränkung auf den Fall erforderlich,
bei dem
q
k0 (x − xQ )2 + z 2 1
4.3 Betrachtungen im Fernfeld
oder
s
r
=
R
1+
x2Q
R2
−2
57
xQ
sin ϑ .
R
Da xQ R angenommen wurde, kann das quadratische Glied vernachlässigt
werden:
r
xQ
r
≈ 1−2
sin ϑ .
R
R
x
Eine Taylor-Entwicklung nach 2 RQ sin ϑ liefert
1 x
2
1 xQ
r
Q
2
2
≈1−
sin ϑ −
sin ϑ + höhere Potenzen
R
2
R
8
R
Wie gesagt, kommt es auf die Differenz zwischen k0 r und k0 R an. Wenn man
bis zum quadratischen Term nähert, dann ist
k0 r − k0 R ≈ k0 xQ sin ϑ −
1 k0 x2Q
sin2 ϑ .
2 R
Will man also den enthaltenen quadratischen Term auch noch vernachlässigen,
so kommt zu den Forderungen R λ0 und R l noch die dritte Forderung
gilt. Dies setzt voraus, dass Aufpunkte betrachtet werden, die - in Wellenlängen ausgedrückt - weit vom Strahlermittelpunkt entfernt sind:
l
R
l
λ0
R
1.
λ0
hinzu. Der Abstand, bezogen auf die Strahlerabmessung, muss auch noch groß
sein gegenüber der Strahlerabmessung in Wellenlängen ausgedrückt. Unter
diesen genannten Voraussetzungen kann man
Es
R=
p
√ sei weiter angenommen, dass das Verhältnis aus Mittelpunktabstand
x2 + z 2 und laufendem Quellpunkt-Aufpunkt-Abstand r = (x − xQ )2 + z 2
von 1 nicht allzu sehr abweichen soll. Das setzt voraus, dass die Strahlerabmessung l klein gegenüber dem Abstand R ist:
R l.
In diesem Fall
die prinzipielle Änderung der Wellen-Einhüllen√
√ kann in (4.13)
den mit 1/ r durch 1/ R ersetzt werden:
r
2
(2)
ejπ/4 e−jk0 r .
(4.15)
H0 (k0 r) ≈
πk0 R
Im Argument k0 r der Wellenfunktion dagegen kann k0 r nicht ohne weiteres
durch k0 R ersetzt werden. √Hier kommt
es nämlich - anders als beim reinen
√
Abstandgesetz, bei dem 1/ r = 1/ R benutzt wurde - nicht auf den Quotienten r/R ≈ 1 an, sondern auf die Differenz k0 (r − R), und diese kann trotz
r/R ≈ 1 natürlich beträchtlich sein. Eine Näherung für den Phasenausdruck
e−jk0 r stützt sich zunächst auf rein geometrische Überlegungen. Der Kosinussatz liefert
r2 = R2 + x2Q − 2xQ R cos(90◦ − ϑ)
k0 r ≈ k0 R − k0 xQ sin ϑ
nähern, und erhält
(2)
H0 (k0 r) ≈
r
2
ejπ/4 e−jk0 R ejk0 xQ sin ϑ .
πk0 R
Mithin gilt im Fernfeld
r
p(R, ϑ) = %0 c
k0 jπ/4 −jk0 R
e
e
2πR
Z∞
v(xQ ) ejk0 xQ sin ϑ dxQ .
(4.16)
−∞
Da das Integral gerade die (örtliche) Fourier-Transformierte der StrahlerSchnelle
Z∞
V (k) =
v(xQ ) e−jkxQ dxQ
(4.17)
−∞
für k = −k0 sin ϑ darstellt, ist der Druck durch die Fourier-Transformation
der Strahler-Schnelle gegeben:
58
4 Schallabstrahlung von ebenen Flächen
r
p(R, ϑ) = %0 c
4.3 Betrachtungen im Fernfeld
k0 jπ/4 −jk0 R
e
e
V (k = −k0 sin ϑ) .
2πR
(4.18)
Dieses Ergebnis ist nicht eben überraschend. Bereits in Abschnitt 4.1 wurde
festgestellt, dass nur die Strahler-Wellen-Anteile mit k02 ≥ k 2 zur Abstrahlung ins Fernfeld beitragen. Aus diesem Grund können im Fernfeld auch nur
die Strahler-Anteile |k| ≤ k0 merklich sein: der Schalldruck über dem Winkel ergibt sich unmittelbar als Ausschnitt“ aus der fouriertransformierten
”
Strahler-Schnelle. Im genannten Wellenzahl-Intervall, das für die Abstrahlung quasi sichtbar“ ist, ist darüber hinaus jeder Strahler-Wellenlänge ge”
rade eine Abstrahlrichtung zugeordnet. Kein Wunder also, dass gerade die
Fourier-Wellenzahl-Zerlegung unmittelbar die Richtcharakteristik beschreibt.
Wie man unter Benutzung der oben gemachten Voraussetzungen zeigen
kann, ist die radial nach außen weisende Schnelle-Komponente vR im Fernfeld
vR (R, ϑ) =
p(R, ϑ)
.
%0 c
(4.19)
Für alle Strahler liegt also im Fernfeld die Impedanz %0 c vor. Für die radiale
Intensität heißt das
IR =
1
%0 ck0
2
∗
Re {p · vR
}=
|V (k = −k0 sin ϑ)| .
2
4πR
(4.20)
Die über dem Winkel ϑ aufgetragene Intensität IR wird als Richtwirkung
bezeichnet. Wie man sieht, kann sie aus der Messung des Schalldruckquadrates
bestimmt werden. Schließlich erlaubt Gleichung (4.20) noch die Berechnung
der (pro Längeneinheit der y-Richtung) abgestrahlten Leistung:
0
Zπ/2
P =
IR · R dϑ
Zπ/2
2
|V (k = −k0 sin ϑ)| dϑ .
(4.21)
−π/2
Als Abstrahlgrad σ bezeichnet man das Leistungsverhältnis
σ=
P
,
P∞
(4.22)
wobei P∞ die (pro Längeneinheit y-Richtung) abgestrahlte Leistung eines im
Vergleich zur Wellenlänge sehr langen, als Ganzes bewegten Strahlers (v(x) =
const. für − 2l ≤ x ≤ 2l ) mit gleichem mittleren Schnelle-Quadrat
v2 =
1
l
darstellt. Da vom sehr langen als Ganzes bewegten Strahler ebene Wellen
ausgesandt werden, ist
1
P ∞ = %0 c v 2 · l ,
2
und folglich gilt für den Abstrahlgrad:
1 k0
σ=
2π lv 2
Zπ/2
2
|V (k = −k0 sin ϑ)| dϑ .
(4.24)
−π/2
Es sei darauf hingewiesen, dass die nach (4.21) im Strahler-Fernfeld berechnete Leistung exakt“ ist und nicht etwa eine Näherung für die wahre Leistung
”
angibt. Weil die Leistung durch eine beliebige, um den Strahler gelegte (gedachte) Hüllfläche stets die gleiche sein muss, führt die Betrachtung r → ∞
zum korrekten“ Resultat. An den Gl. (4.18) bis (4.21) lässt sich auch noch
”
der oft interessierende Sonderfall tiefer Frequenzen ablesen. Ist nämlich die
Strahler-Abmessung l viel kleiner als die akustische Wellenlänge λ0 , dann kann
man die Fourier-Transformierte V (k) im hier nur interessierenden Intervall
|k| < k0 durch den Nettovolumenfluss Q0 (pro Längeneinheit der y-Richtung)
V (k) ∼
=
Z∞
v(x) dx = Q0
−∞
ersetzen. Strahler ohne Netto-Volumenfluss Q0 = 0 strahlen also sehr viel
schlechter Schall ab als solche mit Q0 6= 0. Diese Tatsache spielt vor allem bei
den wellenförmigen Strahlern (siehe Abschnitt 4.4.2) eine Rolle.
4.3.1 Fernfeldbedingungen
−π/2
%0 ck0
=
4π
59
Zl/2
2
|v(x)| dx
−l/2
(4.23)
Die Betrachtungen im vorigen Abschnitt im Fernfeld eines Strahlers standen
unter den drei Bedingungen
R
1,
(4.25)
λ0
R
1
(4.26)
l
und
R
l
.
(4.27)
l
λ0
Für theoretische Berechnungen können natürlich immer Abstände R so angenommen werden, dass diese drei Fernfeldbedingungen auch eingehalten werden. Das gilt nicht für einen festen Messaufbau, der zur Vereinfachung unter
”
Fernfeldbedingungen“ benutzt werden soll. Er würde es z. B. erlauben, aus
einfachen Druckmessungen auf die abgestrahlte Leistung zu schließen. Für ein
festes R wird die Bedingung (4.25) bei entsprechend tiefen Tönen mit großen
60
4 Schallabstrahlung von ebenen Flächen
4.4 Spezielle eindimensionale Strahler-Anordnungen
Wellenlängen verletzt. Ähnlich gerät man mit Bedingung (4.27) bei hohen
Frequenzen in Konflikt. Die Bedingungen (4.25) und (4.27) begrenzen also
das Frequenzband, in dem bei fester Geometrie von Fernfeld“ tatsächlich
”
gesprochen werden kann. Wenn man z. B. 1“ durch mindestens 5 mal
”
”
größer“ ersetzt (also R/λ0 ≥ 5 , R/l ≥ 5 und R/l ≥ 5 l/λ0 ) so ergeben sich die
2
Bandgrenzen 5c/R < f < Rc/(5l ). Für l = 0, 5 m und R = 5 m erhält man
so beispielsweise den erlaubten“ Frequenzbereich 340 Hz ≤ f ≤ 1360 Hz, der
”
nur gerade zwei Oktaven umfasst.
0
−5
10 lg (sin(π l/λ)/π l/λ)2
−10
4.4 Spezielle eindimensionale Strahler-Anordnungen
4.4.1 Die Kolbenmembran
Der Gegenstand des ersten Beispiels besteht in der Abstrahlung von einem
auf seiner ganzen Länge l konphas bewegten Strahler, der sogenannten Kolbenmembran
(
v0
für |x| ≤ l/2
v(x)
0
sonst .
−15
−20
−25
−30
−35
−40
−45
−50
−5
sin (k 2l )
k 2l
= v0 l
sin(π λl )
π λl
,
−4
−3
−2
−1
0
1
2
3
4
5
l/λ
Die Fourier-Transformierte dieses Rechteck-Verlaufes ist
V (k) = v0 l
61
Abb. 4.5. Betragsspektrum der Spaltfunktion in dB
(4.28)
worin die Transformations-Variable Wellenzahl k“ noch durch die zugehörige
”
Wellenlänge, k = 2π/λ, ausgedrückt worden ist. Das zugehörige Betragsspektrum ist in Bild 4.6 dargestellt. Nach (4.20) ergibt sich die (Intensitäts-) Richtwirkung aus
2
|V (k = −k0 sin ϑ)| .
Man setzt also für die Variable l/λ noch
l/λ = −l/λ0 sin ϑ
und kann dann aus der Transformierten V die Richtwirkung leicht abschätzen.
Je nach betrachteter Frequenz ergibt sich ein bestimmtes Intervall |l/λ| ≤
|l/λ0 |, das bei Variation von ϑ überdeckt wird. Man braucht den Verlauf
des Wellenzahlspektrums in diesem Intervall dann nur noch den Richtungen
zuzuordnen. Dabei gehört der spektrale Punkt l/λ = 0 zur Richtung ϑ = 0,
mit wachsendem |ϑ| entfernt man sich im Wellenzahlspektrum immer mehr
von diesem Punkt, bis schließlich bei |ϑ| = π/2 die Intervall-Grenzen |l/λ| =
|l/λ0 | erreicht sind.
Einige Beispiele der daraus folgenden Richtcharakteristika werden in Bild
4.6 (a), (b) und (c) für unterschiedliche Verhältnisse aus Länge und Wellenlänge gezeigt.
Für tiefe Töne l λ0 (l/λ0 = 0, 5 in Bild 4.6 (a) entsteht eine fast ungerichtete Abstrahlung, deren Richtwirkung sich aus dem Ausschnitt |l/λ| < 0, 5
90°
0
dB
−10
45°
−20
ϑN
−30
−40
−50
0°
−40
−30
−20
−10
−45°
0
−90°
Abb. 4.6. (a) Richtcharakteristik (links) und Teilchenauslenkungen (rechts) einer
Lautsprecherzeile für l/λ0 = 0, 5
62
4 Schallabstrahlung von ebenen Flächen
90°
0
dB
−10
45°
−20
ϑN
−30
−40
−50
0°
−40
4.4 Spezielle eindimensionale Strahler-Anordnungen
keule liegt. Der Einbruch“ liegt bei l/λ0 sin ϑE = 1, also bei sin ϑE = 0, 5 oder
”
bei ϑE = 30◦ . Bei hohen Frequenzen l/λ0 = 4 (für l = 2 m wäre λ = 50 cm,
die Frequenz also bei 680 Hz) schließlich verfügt die Richtcharakteristik schon
über eine recht scharfe Bündelung nach vorne mit schmaler Hauptkeule, der
beidseitig je 3 Nebenkeulen folgen.
Besonders anschaulich lassen sich die so erhaltenen Richtwirkungen deuten, wenn man die Teilchenbewegungen im den Strahler umgebenden Medium
berechnet und graphisch darstellt. Der Schalldruck lässt sich aus der nicht auf
das Fernfeld beschränkten Gleichung (4.10) bestimmen, daraus erhält man
die Schnellen
−30
vx (x, z) =
−20
−45°
−10
0
−90°
j ∂p
1
vz (x, z) =
=
ω%0 ∂z
2π
Abb. 4.6. (b) Richtcharakteristik (links) und Teilchenauslenkungen (rechts) einer
Lautsprecherzeile für l/λ0 = 2
0
dB
−10
45°
−20
ϑN
−30
−40
−50
0°
−40
−30
−20
−10
1
j ∂p
=−
ω%0 ∂x
2π
und
90°
−45°
0
−90°
Abb. 4.6. (c) Richtcharakteristik (links) und Teilchenauslenkungen (rechts) einer
Lautsprecherzeile für l/λ0 = 4
in Bild 4.5 ergibt. Nur an den Rändern ϑN ≈ 90◦ ist schon eine leichte Einschnürung von einigen wenigen dB zu erkennen. Für den Fall einer mittle”
ren“ Frequenz l/λ0 = 2 (für l = 2 m wäre λ0 = 1 m und die Frequenz mit
f = 340 Hz eigentlich eher noch niedrig) ist der Ausschnitt |l/λ| < 2 relevant;
die Charakteristik hat nun schon eine recht deutliche Vorzugsrichtung nach
vorne, gefolgt von je einer Nebenkeule, die um etwa 13,5 dB unter der Haupt-
63
Z∞
V (k)
−∞
Z∞
k −jkr z jkx
e
e dk
kr
V (k) e−jkr z ejkx dk .
(4.29)
(4.30)
−∞
Sie können in jedem gewünschten Aufpunkt (x, z) (mit numerischen Methoden) berechnet werden; die Auslenkungen ergeben sich aus ξ = v/jω. Zeichnet
man die Teilchen in Form eines Punktrasters am Ort ihrer momentanen Lage
auf, so erhält man eine Momentaufnahme des Schallfeldes. Diese quasi fotografische Methode bietet den Vorteil großer Anschaulichkeit in der Darstellung
der wichtigsten physikalischen Phänomene. Sie lässt weiter Rückschlüsse auf
die Schallentstehungs-Orte zu, eine Deutung, die mit keiner anderen Methode
zu erreichen ist. In den Bildern 4.6 (a) bis (c) ist die Teilchenbewegung für
die jeweiligen Parameter mit gezeigt. Man erkennt gut die kugelförmige Abstrahlung in alle Richtungen gleichmäßig bei der tiefsten Frequenz mit l/λ0 =
0,5. Bei der mittleren Frequenz mit l/λ0 =2 ist die Abstrahlung - ähnlich wie
bei einem Dipol - schon mehr auf die Mitte begrenzt, bei der hohen Frequenz
mit l/λ0 = 4 findet anscheinend die Abstrahlung einer räumlich begrenzten
ebenen Welle statt. Eine genauere Betrachtung - die leichter bei zweidimensionalen Flächen durchgeführt werden kann (Abschnitt 4.6) - zeigt, dass das
nicht der Fall ist: innerhalb des Schallstrahles ist das Schallfeld strukturiert,
in z-Richtung also nicht etwa konstant.
4.4.2 Kurzwellige, endlich lange Strahler
Die prinzipiellen Qualitäten des von einem monochromatischen Strahler hergestellten Luftschallfeldes sind schon genannt worden:
•
ist die Strahlerwellenlänge (hier: λB ) größer als die Luftschallwellenlänge
λ0 , dann wird eine schräg laufende Welle unter dem Winkel ϑ mit sin ϑ =
−λ0 /λB abgestrahlt,
64
•
4 Schallabstrahlung von ebenen Flächen
für eine Strahlerwellenlänge λB , die kürzer als die Luftschallwellenlänge λ0
ist, existiert dagegen nur ein von der Strahlerfläche weg exponentiell abklingendes Nahfeld, das im zeitlichen Mittel keine Leistung transportiert.
Bei kurzwelligen Strahlern mit endlicher Ausdehnung können dann noch
(kleine) Rest-Schallfelder“ übrig bleiben, die auch noch in größeren Abstän”
den von der strahlenden Fläche festgestellt werden können. Die Tatsache, dass
sich für diese kurzwelligen Strahler endlicher Abmessung eine schwache RestAbstrahlung ergibt, lässt sich aus einem anschaulichen Prinzip begründen, das
in Bild 4.7 skizziert ist. Im Sinne einer etwas einfacheren Vorstellung sind hier
kurzwellige Strahlerschnellen in Form von stehenden Wellen abgebildet (stehende Wellen ergeben sich bekanntlich als Summe von zwei entgegengesetzt
laufenden fortschreitenden Wellen; ebenso gut lässt sich eine fortschreitende
Welle übrigens auch als Summe zweier stehender Wellen auffassen).
Wenn die Abstände der gegenphasig schwingenden Bezirke klein sind verglichen mit der Luftschallwellenlänge (wenn also λ λ0 ), dann ergibt sich in
den beiden gezeigten Fällen ein Muster aus Ersatzquellen mit schnell wechselndem Vorzeichen. Fast alle“ Schallquellen heben sich dabei gegeneinander
”
in ihrer Wirkung auf: Je ein Paar mit entgegengesetztem Vorzeichen lässt sich
näherungsweise wie an einem Platz“ auffassen, der von ihm insgesamt pro”
duzierte Volumenfluss ist also gleich Null. Das vom Paar hervorgerufene Bewegungsfeld in der umgebenden Luft besteht in bloßen Masseverschiebungen.
Die mit dem sich hebenden Strahlerbezirk ebenfalls angehobene Luftmasse
wird seitlich zu dem sich senkenden Strahlerbezirk geschoben.
Welche Rest-Schallabstrahlung“ bei solchen kurzwelligen Strahlern ent”
steht, das hängt ganz offensichtlich vor allem davon ab, ob jede lokale Einzelquelle auch auf einen Nachbarn trifft, mit dem sie sich zu Null ergänzt.
In der Strahlermitte ist das stets der Fall; an den Strahlerrändern dagegen
können Einzelquellen ohne Partner“ übrigbleiben. Wie man in Bild 4.7 sieht,
”
ist der Kurzschluss von Paaren bei Strahlerschwingungen mit Bäuchen an
”
den Rändern“ vollständig, die Schallabstrahlung deshalb sehr, sehr gering.
Im Fall mit Knoten an den Rändern“ dagegen bleiben außen liegende Strah”
lerbezirke übrig, die wie Volumenquellen wirken. Verglichen mit langwelligen
Strahlern (mit Beteiligung der ganzen Strahlerfläche am Abstrahlgeschehen)
ist hier die Abstrahlung zwar immer noch gering, weil die meisten“ Strah”
leranteile gar nicht zur Abstrahlung beitragen; verglichen mit dem Fall mit
”
Bäuchen an den Rändern“ ist das Schallfeld jedoch weit größer, weil diesmal
ein Nettovolumenfluss übrig bleibt.
Das Schallfeld eines Biegewellenleiters, der einen Schwingungsknoten am
oberen Ende und einen Schwingungsbauch am unteren Ende besitzt, ist in
Bild 4.8 gezeigt. Die Teilchenauslenkungen sind mit den Mitteln der oben geschilderten Fourier-Akustik aus der Schnellevorgabe des Strahlers berechnet
worden. Der obere Rand mit Schwingungsknoten ist gut als Schallquelle identifizierbar; vom Schwingungsbauch wird dagegen weit weniger abgestrahlt.
4.5 Dreidimensionale Behandlung
65
Strahler−Schnelle
+ +
+ +
− −
+ +
− −
− −
Ersatzquellen
Strahler−Schnelle
+
+ +
− −
+ +
− −
−
Ersatzquellen
Abb. 4.7. Ersatzquellen für kurzwellige Strahler mit Schwingungsbauch oder
Schwingungsknoten an den Rändern
Abb. 4.8. Schallfeld eines kurzwelligen Strahlers mit Schwingungsknoten am oberen, Schwingungsbauch am unteren Ende. Der Schwingungsknoten am oberen Ende
bildet eine Volumenquelle, um die herum sich eine Schallausbreitung mit kreisförmigen Wellenfronten ergibt. Der Bauch am unteren Ende strahlt fast nicht.
4.5 Dreidimensionale Behandlung
Im dreidimensionalen Fall geht man in analoger Weise vor, wobei diesmal
eine zweidimensionale Fourier-Transformation durchgeführt wird. Für das Folgende wird die Strahler-Ebene mit z = 0 bezeichnet.
Diesmal muss bezüglich der beiden Koordinaten der Strahler-Ebene transformiert werden. Mit der Transformierten
66
4 Schallabstrahlung von ebenen Flächen
Z∞ Z∞
V (k1 , k2 ) =
4.6 Spezielle (zweidimensionale) Strahler-Anordnungen
v (x, y) e−jk1 x e−jk2 y dx dy
−∞ −∞
%0 c
4π 2
p(x, y, z) =
mit
V (k1 , k2 )
−∞ −∞
v2 =
k0 −jkr z jk1 x jk2 y
e
e
e
dk1 dk2
kr
( p
+ k02 − k12 − k22
p
kr =
−j k12 + k22 − k02
; k12 + k22 ⩽ k02
; k12 + k22 > k02 .
(4.32)
(4.33)
Geht man wieder auf das Prinzip der Quellen-Superposition mit Hilfe des
Faltungssatzes über, so gilt mit der Strahlerfläche S und
2
jω%0
p (x, y, z) =
2π
Z Z
S
e−jk0 r
v (xQ , yQ )
dxQ dyQ .
r
(4.34)
jω%0 e−jk0 R
p(R, ϑ, ϕ) =
V (k1 = −k0 sin ϑ cos ϕ, k2 = −k0 sin ϑ sin ϕ) ,
2π
R
(4.35)
so dass die Wirkintensität durch
%0 ck02
2
V (k1 = −k0 sin ϑ cos ϕ, k2 = −k0 sin ϑ sin ϕ)
8π 2 R2
(4.36)
gegeben ist. Die Leistung
IR (R, ϑ, ϕ) =
Z2π Zπ/2
P =
IR (R, ϑ, ϕ) R2 sin ϑ dϑ dϕ
0
beträgt also
%0 ck02
P =
8π 2
Z2π Zπ/2
V (k1 = −k0 sin ϑ cos ϕ, k2 = −k0 sin ϑ sin ϕ)
0
0
Der Abstrahlgrad σ ist
1
S
Z
2
|v(xQ , yQ )| dxQ dyQ .
(4.38)
(4.39)
S
An den Gl. (4.35) bis (4.37) lässt sich noch der praktisch oft wichtige Sonderfall tiefer Frequenzen betrachten. In einem Frequenzbereich, bei dem die
Strahler-Abmessungen lx und ly klein sind, verglichen mit der Wellenlänge
λ0 , kann man die Strahler-Transformierte V (k1 , k2 ) in erster Näherung für
den hier nur interessierenden Bereich |k1 | < k0 und |k2 | < k0 durch den
Netto-Volumenfluss Q des Strahlers abschätzen
V (k1 , k2 ) ∼
=
Z∞ Z∞
v(x, y) dx dy = Q .
(4.40)
Demnach geht (4.35) bei tiefen Frequenzen in die bekannte Beziehung
Gleichung (4.34) ist unter dem Namen Rayleighsches Integral“ bekannt. Die
”
hieraus abgeleitete Beziehung für den Schalldruck im Fernfeld lautet
0
(S = Strahlerfläche) ,
−∞ −∞
2
r2 = (x − xQ ) + (y − yQ ) + z 2
für den Schalldruck
P
2
2 %0 cS v
mit
der Schnelle findet man für den Schalldruck im Raum
Z∞ Z∞
σ= 1
(4.31)
67
2
sin ϑ dϑ dϕ .
(4.37)
p∼
=
jω%0 Q −jk0 R
e
2πR
(4.41)
über, die abgestrahlte Leistung wird nach 4.37 zu
P =
%0 ck02 2
Q .
4π
(4.42)
Bei tiefen Frequenzen zählt also immer der Netto-Volumenfluss Q. Strahler
mit Q = 0 haben deshalb tieffrequent immer eine sehr viel kleinere Leistungsabgabe als solche mit Q 6= 0.
4.6 Spezielle (zweidimensionale) Strahler-Anordnungen
4.6.1 Die kreisförmige Kolbenmembran
Bei Fernfeldbetrachtungen ist in den vorigen Abschnitten stets großer Wert
darauf gelegt worden, die Voraussetzungen dafür zu nennen. Eine gewiss recht
interessante Frage besteht darin, welche Effekte wohl zu erwarten sind, wenn
die Fernfeldbedingungen verletzt werden. Die folgenden Betrachtungen geben
eine Antwort anhand eines Beispiels. Dazu wird der Schalldruck auf der MittelAchse vor einer kreisförmigen Kolbenmembran (Schnelle v0 = const. in r < b)
aus dem Rayleigh-Integral (4.34) berechnet (siehe Bild 4.9).
In Polarkoordinaten
xQ = RQ cos(ϕQ )
yQ = RQ sin(ϕQ )
dxQ dyQ = dS = RQ dRQ dϕQ
68
4 Schallabstrahlung von ebenen Flächen
4.6 Spezielle (zweidimensionale) Strahler-Anordnungen
bzw.
r
RQ
y
ϕQ
Daraus folgt
de
en
ng n
i
hw ra
sc mb
as sme
h
i
np re
ko K
(n + z0 /λ)2 = n2 + (z0 /λ)2 + 2nz0 /λ = (b/λ)2 + (z0 /λ)2 ,
oder
Abb. 4.9. Lage der kreisförmigen Kolbenmembran im Koordinatensystem mit Bezeichnung der geometrischen Größen
•
ausgedrückt wird aus Gl. (4.34)
Z2πZb
0
0
e−jkr
RQ dRQ dϕQ ,
r
•
(4.43)
q
2 + z 2 den Abstand zwischen Strahlerelement R
worin r = RQ
Q und dem
Punkt auf der z-Achse bedeutet. Der Radius der Kolbenmembran wird mit b
bezeichnet. Bei Drehung des Quellpunktes in Bild 4.9 um die z-Achse ändert
sich der Quellpunkt-Aufpunkt-Abstand r nicht, der Integrand in Gl. (4.43) ist
also von ϕQ unabhängig. Deshalb wird
2 +z 2
Zb −jk√RQ
e
q
RQ dRQ .
(4.44)
p = jω%0 v0
2 + z2
R
Q
0
Mit Hilfe der Substitution
u=
q
2 + z2
RQ
RQ dRQ
du = q
2 + z2
RQ
RQ = 0 u = z
p
RQ = b u = b2 + z 2
lässt sich (4.44) leicht lösen:
√
Z
b2 +z 2
p = jω%0 v0
z
(b/λ)2 − n2
.
(4.46)
2n
In (4.46) durchläuft n solange die Werte n = 1, 2, 3, . . . wie sich positive Werte
z0 /λ ergeben. Zum Beispiel erhält man
z0 /λ =
x
jω%0 v0
p=
2π
√
2
2
e−jku du = %0 c v0 e−jkz − e−jk b +z
(4.45)
Offensichtlich kann der Schalldruck auf der z-Achse Nullstellen besitzen. Die
Lage der Nullstellen p(z0 ) = 0 ergibt sich aus
p
(b/λ)2 + (z0 /λ)2 − z0 /λ = n .
2b
z
√
2
2
p = %0 c v0 e−j2πz/λ 1 − e−j2π( b +z −z)/λ .
69
für b/λ = 1 die einzige Nullstelle z0 /λ = 0 (n = 1) auf der Membran-Mitte
selbst
und für b/λ = 4 die Nullstellen z0 /λ = 7, 5 (n = 1); z0 /λ = 3 (n = 2);
z0 /λ = 1, 1667 (n = 3) und wieder die Membran-Mitte z0 /λ = 0 (n = 4).
Einige Bespiele für die axiale Pegelverteilung zeigen die Bilder 4.10, 4.11 und
4.12. Jeweils ergibt sich die am weitesten von der Quelle entfernte Nullstelle
aus n = 1 zu etwa
1
(4.47)
zmax /λ ≈ (b/λ)2 .
2
Im Bereich z < zmax liegen also axiale Druckknoten p = 0 vor, ihre Anzahl
beträgt (etwa) b/λ.
Nun widerspricht aber gerade eine Schallfeld-Struktur aus abwechselnden
Druck-Knoten und Bäuchen in Abstandsrichtung (hier die z-Richtung) der
Annahme des Fernfeldes: Wie Gl. (4.35) zeigt, ließe sich das Fernfeld als derjenige Bereich von Strahlerabständen auffassen, in dem als einzige R-Abhängigkeit die Amplitudenabnahme mit 1/R (und damit der Pegelabfall von 6 dB
pro Entfernungs-Verdopplung) vorkommt. Nach der das Fernfeld beschreibenden Gleichung (4.35) ist eine Struktur aus Minima und Maxima entlang der
Abstandsachse im Fernfeld nicht möglich.
Demnach kann der Bereich z < zmax nicht zum Fernfeld gehören, nur für
z zmax =
oder für
1 b2
2λ
b
z
(4.48)
λ
b
können Fernfeldbedingungen“ vorliegen. (4.48) ist mit der früher abgeleiteten
”
Gleichung (4.27) identisch.
4 Schallabstrahlung von ebenen Flächen
4.6 Spezielle (zweidimensionale) Strahler-Anordnungen
10
5
5
0
0
−5
−5
−10
−10
−15
−15
−20
−20
−25
−25
−30
−30
−35
−35
−40
0.25
71
p/ρcv0 [dB]
10
p/ρcv0 [dB]
70
0.5
1
2
4
8
16
32
64
−40
0.25
0.5
z/λ
1
2
4
8
16
32
64
z/λ
Abb. 4.10. Ortsverlauf des Schalldruckpegels entlang der Mittelachse z vor der
Membran für b/λ = 0, 5
10
Abb. 4.12. Ortsverlauf des Schalldruckpegels entlang der Mittelachse z vor der
Membran für b/λ = 4
sind, bei anderen, größeren Abständen aber gar nicht auftauchen. Die gemessene Richtcharakteristik ist also untypisch für andere Abstände und damit
ziemlich bedeutungslos. Nur im Fernfeld misst man Richtwirkungen, die sich
mit wachsendem Abstand nicht mehr verändern, und gerade darin kann man
auch den Zweck der Fernfeld-Definition sehen.
Abschließend sei noch die zu (4.45) gehörende Fernfeldnäherung abgeleitet.
Wenn man z b voraussetzt, dann ist
p
p
1 b2
1 b2
,
z 2 + b2 = z 1 + (b/z)2 ≈ z 1 +
=z+
2
2z
2 z
5
0
−5
p/ρcv0 [dB]
−10
−15
−20
−25
und also wird
−30
n
o
b2
pfern ≈ %0 c v0 e−j2πz/λ 1 − e−jπ λz .
−35
−40
0.25
0.5
1
2
4
8
16
32
64
z/λ
Abb. 4.11. Ortsverlauf des Schalldruckpegels entlang der Mittelachse z vor der
Membran für b/λ = 2
Aus den genannten Betrachtungen zeigen sich umgekehrt die zu erwartenden Effekte, wenn ein zu kleiner Messabstand z gewählt und (4.48) verletzt
wird. Der gemessene Pegel-Umfangsverlauf kann Schalldruck-Minima aufweisen, die zwar für den speziellen Messabstand so auch tatsächlich vorhanden
Wenn nach (4.48) b2 λz ist, dann findet man mit e−jx ≈ 1 − jx den
Fernfelddruck
pfern =
jω%0 πb2 v0 −j2πz/λ
j%0 c v0 b2 π −j2πz/λ
e
=
e
.
λz
2πz
(4.49)
(4.49) ist mit dem Ergebnis von ( 4.35) für ϑ = 0 (das bezeichnet die z-Achse)
identisch.
5
Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
Für einige praktisch interessante Fragestellungen ist ihre Behandlung in Zylinderkoordinaten angemessen. Dies gilt zunächst natürlich, wenn Strahler oder
Reflektor selbst Zylinder-Form (mit Kreisquerschnitt) besitzen, also z. B. bei
der Behandlung der Schallabstrahlung von Zylinder-Oberflächen mit bekannter radialer Schnelle (etwa von Rohrleitungen) oder bei der Schallausbreitung
in Rohren selbst. Aber auch die praktisch im Schallschutz außerordentlich
wichtige Frage der Beugung an gestreckten oder stumpfen Hindernissen (damit sind Schallschutzwände oder Wälle, auch z. B. Hausdächer, gemeint) lassen sich mit Hilfe von Zylinderkoordinaten bewältigen.
Im Folgenden werden alle soeben angeschnittenen Themen behandelt. Naturgemäß müssen dazu zunächst das Koordinatensystems und die zugehörige
Wellengleichung nebst den prinzipiellen Lösungen vorgestellt werden.
5.1 Das Koordinatensystem des Kreiszylinders
Das Koordinatensystem des Kreiszylinders besteht bekanntlich in der Beschreibung eines Aufpunktes (x, y, z)
•
•
•
durch seinen Abstand r von der z-Achse (Bild 5.1)
durch seinen z-Abschnitt und
durch den Winkel ϕ, den die Halbebene durch die z-Achse und den Aufpunkt (x, y, z) mit der x-Achse einschließt.
Es ist also
und
x = r cos ϕ
(5.1)
y = r sin ϕ.
(5.2)
Umgekehrt ergibt sich der Abstand r zur z-Achse aus
p
r = x2 + y 2 ,
(5.3)
74
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.2 Wellengleichung in Zylinderkoordinaten
75
Als Ausgangspunkte dienen bei den folgenden Betrachtungen wieder die
schon im Kartesischen benutzten Prinzipien zur Herleitung der Feldgleichungen, nämlich die Gesetze von Massen- und Impuls-Erhaltung.
Abb. 5.1. Zylinderkoordinatensystem
und für den Winkel ϕ gilt
y
.
(5.4)
x
Flächen r = const. sind Kreis-Zylinder mit der z-Achse als gemeinsame Achse.
tan ϕ =
5.2 Wellengleichung in Zylinderkoordinaten
Die Schallfeld-Gleichungen in Zylinderkoordinaten lassen sich (mindestens)
auf zwei Wegen herleiten:
•
•
Erstens kann man die vorn in kartesischen Koordinaten abgeleiteten Beziehungen einfach mit Hilfe eines geeigneten mathematischen NachschlageWerkes in Zylinderkoordinaten quasi übersetzen“. Z. B. kann man sich
”
(fast) alle Mühe durch Nachschlagen bei Moon, P.; Spencer, D.E.: Field
Theory Handbook (Springer, Berlin 1971) sparen.
Oder man kann die Feldgleichungen (wie schon einmal, siehe Kapitel 3)
aus anschaulichen Betrachtungen der Kräfte und Verdichtungen an einem
- diesmal natürlich zylindrischen - Volumenelement (Bild 5.2) vornehmen.
Selbstverständlich müssen beide Wege zum selben Ziel führen. Für eine
Vorlesung versteht es sich wohl fast von selbst, dass der weniger formalmathematische letztgenannte Weg gewählt wird. Um Zeit und Mühe zu sparen, unterbleibt hier auch der Vergleich zwischen den beiden genannten Methoden und ihren Resultaten; diese Mühe wird dem interessierten Leser überlassen.
Abb. 5.2. Volumen-Element in Zylinderkoordinaten. Es wird durch Flächen r =
const., ϕ = const. und z = const. begrenzt.
5.2.1 Massenerhaltungssatz
Es ist
[%G (t + ∆t) − %G (t)] r ∆ϕ ∆r ∆z
= [ur (r) %G (r) r − ur (r + ∆r) %G (r + ∆r) (r + ∆r)] ∆ϕ ∆z ∆t
+ [uϕ (ϕ) %G (ϕ) − uϕ (ϕ + ∆ϕ) %G (ϕ + ∆ϕ)] ∆r ∆z ∆t
+ [uz (z) %G (z) − uz (z + ∆z) %G (z + ∆z)] r ∆ϕ ∆r ∆t .
Bei der r-Komponente ur musste der Unterschied zwischen den Flächen
r∆ϕ∆z und (r + ∆r)∆ϕ∆z berücksichtigt werden. Der Grenzübergang ∆t →
0, ∆r → 0, ∆ϕ → 0 und ∆z → 0 liefert
76
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.2 Wellengleichung in Zylinderkoordinaten
∂%G
1 ∂(%G rur ) 1 ∂(%G uϕ ) ∂(%G uz )
+
+
+
= 0.
∂t
r
∂r
r
∂ϕ
∂z
Für die ϕ-Komponente
Mit %G = %0 + %, % = p/c2 , u = v und Vernachlässigung quadratisch kleiner
Größen wird daraus
1 ∂(r vr ) 1 ∂ vϕ
∂ vz
1 ∂p
+
+
+
= 0.
r ∂r
r ∂ϕ
∂z
%0 c2 ∂t
(5.5)
[%G (t + ∆t) uϕ (t + ∆t) − %G (t) uϕ (t)] r∆ϕ ∆r ∆z
= [pG (ϕ) − pG (ϕ + ∆ϕ)]∆r ∆z ∆t
bzw.
∂vϕ
1 1 ∂p
+
= 0.
∂t
%0 r ∂ϕ
5.2.2 Impulserhaltungssatz
Wie bei der Herleitung der Wellengleichung in kartesichen Koordinaten gezeigt, kann der Impulsanteil durch die zufließende Masse vernachlässigt werden. Weil es sich dabei um ein nichtlineares, quadratisch kleines Phänomen
handelt, gilt das auch hier. Im Folgenden werden die Raumrichtungen einzeln
betrachtet.
[%G (t + ∆t) · uz (t + ∆t) − %G (t) · uz (t)]r∆ϕ ∆r ∆z
= [pG (z) − pG (z + ∆z)]r∆ϕ ∆r ∆t
∂vz
1 ∂p
+
= 0.
∂t
%0 ∂z
(%G (t + ∆t) · ur (t + ∆t) − %G (t) ur (t)) r ∆ϕ ∆r ∆z
= (pG (r) r − pG (r + ∆r) · (r + ∆r)) ∆ϕ ∆z ∆t + pG (r)∆r ∆ϕ ∆z∆t (5.6)
.
Der letzte Term berücksichtigt die Vorschubkraft, die aus der keilförmigen
Gestalt des Volumenelements resultiert (Bild 5.3). Da die Seitenflächen bei
z
pG(r+ r) (r+ r)
z
(5.9)
5.2.3 Wellengleichung
Die Wellengleichung in Zylinderkoordinaten erhält man natürlich auch hier,
indem die Betrachtungen von Massen- und Impuls-Erhaltung zusammenge”
nommen“ werden, also aus Gleichungen (5.5) und (5.7), (5.8), (5.9).
Gl. (5.5) nach t differenziert liefert
1 ∂vr
∂ 2 vr
1 ∂ 2 vϕ
∂ 2 vz
1 ∂2p
+
+
+
+
= 0.
r ∂t
∂r ∂t r ∂ϕ ∂t ∂z ∂t %0 c2 ∂t2
r
(5.8)
Für die z-Komponente
bzw.
Für die r-Komponente
pG(r)r
77
(5.10)
(5.7) nach r differenziert liefert
1 ∂2p
∂ 2 vr
=−
,
∂r ∂t
%0 ∂r2
FKeil =
z
pG r
(5.8) nach ϕ differenziert liefert
Abb. 5.3. Radiale Kräfte am Volumen-Element
ϕ und ϕ + ∆ϕ nicht parallel sind, erfährt das Volumenelement eine Kraft
FKeil = pG · S · ∆ϕ in r-Richtung. Darin ist S die Seitenfläche mit S = ∆r · ∆z.
Geht man wieder zu infinitesimal kleinen Änderungen über, so erhält man
∂%G ur
∂pG
+
=0
∂t
∂r
oder für die Schallfeldgrößen
∂ 2 vϕ
1 1 ∂2p
=−
,
∂ϕ ∂t
%0 r ∂ϕ2
(5.9) nach z differenziert liefert
∂ 2 vz
1 ∂2p
=−
.
∂z ∂t
%0 ∂z 2
Setzt man die letzten drei Gleichungen und (5.7) in (5.10) ein, so folgt
∂vr
1 ∂p
+
= 0.
∂t
%0 ∂r
(5.7)
∂ 2 p 1 ∂p
1 ∂2p
∂2p
1 ∂2p
+
+
+
−
=0
∂r2
r ∂r
r2 ∂ϕ2
∂z 2
c2 ∂t2
(5.11)
78
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.3 Ebene Probleme
die Wellengleichung in Zylinderkoordinaten. Wenn entweder nur reine Töne
zugelassen sind oder eine zeitliche Fourier-Transformation durchgeführt wird,
so geht die Wellengleichung (5.11) über in die sogenannte Helmholtz-Glei”
chung“
2
2
2
∂ p
1 ∂ p
∂ p 1 ∂p
+
+ 2 + k02 p = 0 ,
(5.12)
+ 2
∂r2
r ∂r
r ∂ϕ2
∂z
wobei unter p dann die komplexe Amplitude bzw. die (zeitliche) FourierTransformierte des Schalldrucks zu verstehen ist. Oft wird hier in diesem
Skript die Helmholtz-Gleichung kurz auch als Wellengleichung bezeichnet (obwohl erstere eigentlich ein Spezialfall ist); es wird also nicht extra unterschieden.
5.3 Ebene Probleme
Im Folgenden werden zunächst Schallfelder betrachtet, die sich entlang der
z-Achse nicht ändern, also ebene Probleme, für die
∂/∂z = 0
gilt. Die Gründe dafür liegen nicht nur darin, dass damit natürlich eine Vereinfachung einhergeht, die schon aus didaktischen Überlegungen als Anfangspunkt sinnvoll erscheint. In vielen Fällen genügt es durchaus, wenigstens doch
abschnittsweise entlang der z-Achse konstante Felder zu betrachten. Das ist
zum Beispiel bei der Reflexion an Zylinder-Flächen der Fall, wenn die (eigentlich punktförmige) Quelle sich im größeren Abstand vom Reflektor befindet:
dann trifft innerhalb eines vernünftig gewählten Abschnitts der z-Achse eine
ebene Welle auf.
5.3.1 Lösungen der Wellengleichung
Im ebenen Fall ∂/∂z = 0 vereinfacht sich die Wellengleichung (5.12) zu
1 ∂2p
∂ 2 p 1 ∂p
+
+
+ k02 p = 0
∂r2
r ∂r
r2 ∂ϕ2
(5.13)
Die beiden nächsten Abschnitte 5.3.2 und 5.3.3 dienen der Behandlung
•
•
der Schallabstrahlung von Zylinder-Flächen und
der Reflexion an Zylindern.
Bei beiden Aufgaben liegen die zylindrischen Körper-Strahler oder Reflektoren
im freien Medium (aus Luft oder Gas oder Fluid), über dem Umfangswinkel
ϕ muss das Schallfeld hier also immer an sich selbst anschließen“, wenn man
”
den Aufpunkt um 2π in Umfangsrichtung wandern lässt:
p(r, ϕ) = p(r, ϕ + 2π) .
(5.14)
79
Gl. (5.14) besagt einfach, dass das Schallfeld über ϕ mit 2π periodisch sein
muss. Aus diesem Grunde muss eine Reihendarstellung des Schallfeldes in der
Form
∞
∞
X
X
p(r, ϕ) =
an fn (r) cos(nϕ) +
bn fn (r) sin(nϕ)
(5.15)
n=0
n=1
möglich sein.
Natürlich hängt das Schallfeld noch von r ab, das ist in (5.15) auch
berücksichtigt. Weil das Einsetzen von cos(nϕ)- und sin(nϕ)- Anteilen in die
Wellengleichung zur selben gewöhnlichen Differential-Gleichung führt, sind
die r-Abhängigkeiten für beide Bestandteile die gleichen (siehe unten). In
(5.15) sind gerade Feld-Bestandteile p(ϕ) = p(−ϕ) und ungerade Anteile
p(ϕ) = −p(−ϕ) einfach getrennt aufgeführt worden. Diese Schreibweise hat
den Vorteil, dass man auf negative n verzichten kann. Hätte man
p(r, ϕ) =
∞
X
an fn (r) ejnϕ
n=−∞
angesetzt, wäre das nicht der Fall. Für symmetrische p(ϕ) = p(−ϕ) – die ja
natürlich vorkommen können – muss man hier zwingend negative Ordnungen
n zulassen.
Man kann hieran sehen, dass Ansätze immer eine gewisse Willkür enthalten. Sie möglichst einfach“ zu machen, erfordert auch eine gewisse Erfahrung,
”
von der hier ja gerade berichtet wird.
Wenn man nur den oberen oder den unteren Anteil von (5.15) in die Wellengleichung (5.13) einsetzt, dann gelangt man direkt zur Differentialgleichung
1 dfn
n2
d2 fn
2
+
+
k
−
fn = 0
(5.16)
0
dr2
r dr
r2
für die bisher noch unbekannten r-abhängigen Funktionen fn (r).Wenn man
noch durch die quadrierte Wellenzahl teilt:
d2 fn
n2
1 dfn
+ 1 − 2 2 fn = 0 ,
+
k02 dr2
k0 r k0 dr
k0 r
so erkennt man, dass fn nur vom Produkt k0 r abhängt. Deshalb wird die
dimensionslose Variable
x = k0 r
eingeführt (das ist also nicht etwa die x-Koordinate x). Mit ihr wird aus (5.16)
n2
d2 fn
1 dfn
+
+
1
−
fn = 0 .
(5.17)
dx2
x dx
x2
80
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.3 Ebene Probleme
Gl. (5.17) heißt Besselsche Differentialgleichung“, ihre Lösungen bestehen
”
aus den Besselfunktionen Jn (x) und den Neumannfunktionen Nn (x) (letztere
werden auch Besselfunktionen zweiter Art genannt):
0.6
Rn = An Jn (x) + Bn Nn (x) .
(5.18)
0.2
Die Funktionen Jn (x) und Nn (x) sind in den Bildern 5.4 und 5.5 dargestellt.
0
n=0
1
2
Nn(x)
0.4
3
4
5
81
6
−0.2
−0.4
1
−0.6
n=0
−0.8
1
−1
2
3
4
5
−1.2
0
6
Jn(x)
0.5
2
4
6
8
10
x
Abb. 5.5. Neumannfunktionen der Ordnungen 0 bis 6.
0
H(1)
n (x) = Jn (x) + j Nn (x)
H(2)
n (x) = Jn (x) − j Nn (x) .
−0.5
0
2
4
6
8
Wie man aus (5.19) sieht, gelten für die Hankelfunktionen die Näherungen für
xn
r
2 j (x−n π2 − π4 )
e
H(1)
(x)
≈
n
πx
(5.21)
r
2 −j (x−n π2 − π4 )
(2)
Hn (x) ≈
e
πx
10
x
Abb. 5.4. Besselfunktionen der Ordnungen 0 bis 6.
Wie man auch aus den für große x (x n) gültigen Näherungen
q
2
π
Jn (x) ≈ πx
cos x − nπ
2 − 4
q
2
π
sin x − nπ
Nn (x) ≈ πx
2 − 4
x1
und
xn
(2)
(5.19)
sehen kann, handelt √
es sich im Prinzip um Sinus- und Kosinus-Funktionen mit
der Einhüllenden 1/ x. Für Probleme mit radialer Wellenausbreitung (x ∼ r)
ist es deshalb übersichtlicher, die Lösung (5.18) durch eine Linearkombination
Rn = Cn [Jn (x) + j Nn (x)] + Dn [Jn (x) − j Nn (x)]
(2)
= Cn H(1)
n (x) + Dn Hn (x)
(5.20)
der Besselfunktion zu ersetzen, den sogenannten Hankelfunktionen erster und
zweiter Art
(1)
Hn beschreibt also eine Wellenausbreitung in radiale Richtung, Hn stellt
(2)
eine Welle entgegen der r-Richtung dar. Physikalisch kann man daher Hn als
(1)
von einem Zylindermantel abgestrahlte Welle deuten, Hn beschriebe einen
auf den Zylinder zulaufenden (fremden) Schall.
Für die Diskussion der Konvergenzeigenschaften von Summen, deren Summanden Besselfunktionen enthalten, muss man klären, wie sich die Besselfunktionen bei festem Argument mit veränderlicher Ordnung verhalten. Wie man
auch an Bild 5.4 sehen kann, nehmen die Jn (x) sehr rasch ab, wenn die Ordnung n größer als das Argument wird. Auch die Zahlenangaben einer Tabelle
belegen diese Tatsache:
82
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.3 Ebene Probleme
Näherungen für kleine Argumente x 1:
Tabelle 5.1. Jn (x) für x = const. (Beispiele)
n
0
1
2
3
4
5
6
7
8
Jn (1)
0,765
0,440
0,115
0,020
0,248 · 10−2
0,250 · 10−3
0,210 · 10−4
0,150 · 10−5
0,940 · 10−7
Jn (2)
0,224
0,577
0,353
0,129
0,034
0,704 · 10−2
0,120 · 10−2
0,175 · 10−3
0,222 · 10−4
83
Jn (4)
- 0,397
- 0,066
0,364
0,430
0,281
0,132
0,049
0,016
0,403 · 10−2
Jn (x) ≈
x n 1
2
n!
x −n (n − 1)!
Nn (x) ≈ −
2
π
2
N0 (x) ≈ ln x
π
(5.25)
für n 6= 0
(5.26)
(5.27)
Orthogonalitäts-Relationen
Der Literatur (siehe Abramowitz, M.; Stegun, I.A.: Handbook of Mathematical Functions, Cover Books, S. 365 Nr. 9.3.1) kann man auch die folgende, für x n geltende Näherung entnehmen (e=Basis der ExponentialFunktion = 2,7183):
1 e · x n
.
(5.22)
für x n : Jn (x) ∼
=√
2πn 2n
Auch sie besagt, dass Jn (x) mit wachsendem n ab einer kritischen Grenze
n = N außerordentlich rasch gegen Null konvergiert: ist 2n in Gleichung
(5.22) erst einmal größer als ex , dann ist das Argument in der Klammer,
ex /2n, kleiner als 1, und deshalb ist Jn (x) eine sehr, sehr kleine Zahl. Man
kann also stets die Besselfunktionen Jn mit n x gegenüber denen mit n ≤ x
vernachlässigen.
Gerade umgekehrt verhalten sich die Neumannfunktionen. Wie man auch
an Bild 5.5 sehen kann, wachsen die Nn (x) dramatisch bei festem x und zunehmendem n an, wenn n größer als x wird. Deshalb ist auch (siehe wieder
das Werk von Abramowitz und Stegun)
r
2 e · x −n
∼
Nn (x) = −
.
(5.23)
πn 2n
Seien mit αv die Nullstellen der Ableitung J0n (x) von Jn (x) bezeichnet, also
J0n (αv ) = 0, dann gilt:
Z1
Jn (αµ x) · Jn (αv x) x dx =
0
(
0
1
2
2
1 − αn2
v
µ 6= v
J2n (αv )
µ=v
(5.28)
Seien mit βv die Nullstellen von Jn (x) bezeichnet, also Jn (βv ) = 0, dann gilt:
(
Z1
Jn (βv x) · Jn (βµ x) x dx =
0
0
µ 6= v
µ=v
1
2
2 (Jn (βv ))
(5.29)
Wronski-Determinante:
Jn+1 (x) · Nn (x) − Jn (x) · Nn+1 (x) =
2
πx
(5.30a)
wegen (5.24a) und (5.24b) gilt dann auch
Jn (x) · N0n (x) − J0n (x) · Nn (x) =
2
πx
(5.30b)
(0 = Ableitung nach x, Beweis durch Einsetzen von (5.22))
Theoreme für die Besselfunktionen
5.3.2 Abstrahlung von Zylinder-Oberflächen
Im Folgenden werden noch einige für den praktischen Gebrauch nützliche For(2)
(1)
meln angegeben. Dabei kann für zn (x) sowohl Jn (x), Nn (x), Hn (x), Hn (x)
als auch jede beliebige Linearkombination dieser Funktionen eingesetzt werden.
In diesem Abschnitt wird angenommen, dass die radial nach außen weisende
Schallschnelle V (ϕ) auf der Zylinderoberfläche r = b (hier also eigentlich
wegen ∂/∂z = 0 auf dem Kreis r = b) bekannt sei. Weil im unendlichen
Raum außerhalb des Zylinders r > b keine Reflektoren oder sonstwie geartete
Quellen vorkommen sollen, setzt man für die fn (r) in Gleichung (5.15) nur
die radial nach außen laufenden Hankelfunktionen zweiter Art an:
dzn
n
= zn−1 − zn
dx
x
2n
Rekursion: zn+1 =
zn − zn−1
x
n
negative Ordnung: z−n = (−1) zn
Ableitung:
(5.24a)
(5.24b)
(5.24c)
p(r, ϕ) =
∞
X
n=0
an H(2)
n (k0 r) cos(nϕ) .
(5.31)
84
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.3 Ebene Probleme
Dabei sind geradsymmetrische Schnelle-Vorgaben V (ϕ) = V (−ϕ) vorausgesetzt worden. Für ungerad-symmetrische Schnelle-Vorgaben V (−ϕ) = V (ϕ)
verfährt man ganz genauso wie hier geschildert, nur das cos(nϕ) überall durch
sin(nϕ) ersetzt wird. Allgemeine Schnelle-Vorgaben ohne Symmetrien zerlegt
man in
1
1
V (ϕ) = [V (ϕ) + V (−ϕ)] + [V (ϕ) − V (−ϕ)]
2
|
{z
} |2
{z
}
Vg (ϕ)
Vu (ϕ)
mit dem geraden Anteil vg und dem ungeraden Anteil vu und löst die beiden
damit bezeichneten Probleme getrennt. Wegen der Linearität ist p = pg + pu .
Die Unbekannten an werden aus der Schnellevorgabe V (ϕ) in r = b bestimmt. Dazu wird einfach die aus dem Ansatz (5.31) folgende Schnelle
∞
0
j ∂p
j X
j ∂p
=
=
an H(2)
Vr (r, ϕ) =
n (k0 r) cos(nϕ)
ω%0 ∂r
%0 ck0 ∂r
%0 c n=0
−π
2
Zπ
cos((n−m)ϕ)+cos((n−m)ϕ) dϕ = 0 . (5.34)
−π
cos (mϕ) dϕ =
−π
π
2π
für
für
m 6= 0
m = 0.
(2)0
V (ϕ) dϕ .
(5.36b)
−π
Wenn man vom in (5.36b) genannten Fall m = 0 absieht, ist es natürlich
völlig unerheblich, welches m in Gl. (5.36a) gewählt worden ist: (5.36a) gilt
demnach für alle m > 0. Damit sind alle Koeffizienten am bekannt, das Problem ist gelöst. Es bleibt nur noch, das Resultat zu notieren. Wenn noch die
Abkürzungen
Zπ
1
V (ϕ) cos(nϕ) dϕ
εn π
−π
(
1 n 6= 0
εn =
2 n=0
(5.37a)
Vn =
mit
p(r, ϕ) = −j%0 c
Nur für n = m bleibt
Zπ
V (ϕ) cos(mϕ) dϕ (5.36a)
−π
Zπ
a0 2π H0 (k0 b) = −j%0 c
(5.33)
Gl. (5.33) kann nun wie folgt nach einer beliebig gewählten Unbekannten am
(irgendein fest gewähltes m) aufgelöst werden:
Zunächst multipliziert man (5.33) mit cos(mϕ) und integriert danach über
ϕ im Intervall −π bis π. Der Grund für diese Operationskette ist rasch erklärt:
durch sie werden alle in (5.33) links stehenden Summanden gleich Null, mit
Ausnahme des Summanden mit n = m. In der Tat, die Operationskette führt
für m 6= n auf die Integrale
1
cos(nϕ) cos(mϕ) dϕ =
2
m=0:
Zπ
0
am π H(2)
m (k0 b) = −j%0 c
(5.37b)
benutzt werden, so ist das Resultat
n=0
Zπ
für
m 6= 0 :
(5.32)
(das Hochkomma bezeichnet die Ableitung der Hankelfunktion nach dem Argument k0 r) für r = b mit der Vorgabe V (ϕ) in Übereinstimmung gebracht:
Vr (b, ϕ) = V (ϕ), also
∞
X
0
an H(2)
n (k0 b) cos(nϕ) = −j%0 cV (ϕ) .
für
85
(5.35)
Die Wirkung der genannten Operationskette besteht, wie gesagt, darin, (5.33)
nach der Unbekannten am aufzulösen:
∞
X
(2)
Vn
n=0
Hn (k0 r)
(2)0
Hn (k0 b)
cos(nϕ) .
(5.38)
Wenn (5.38) (oder eine ähnliche Gleichung) nummerisch ausgewertet
werden soll, dann ist eine Konvergenz-Betrachtung erforderlich: wie viele
SummandenN müssen denn mitgenommen“ werden, damit der Schalldruck
”
hinreichend genau bekannt ist? Natürlich muss die für numerische Auswertungen erforderliche Summation bei einem gewissen N abgebrochen werden,
es kann stets und immer nur
pnum (r, ϕ) = −j%0 c
N
X
n=0
(2)
Vn
Hn (k0 r)
(2)0
Hn (k0 b)
cos(nϕ)
(5.39)
wirklich auch berechnet werden. Wie also muss N gewählt werden, damit
pnum ein guter“ Schätzwert für das wahre p ist? Die Antwort darauf hängt
”
insbesondere vom Verhältnis aus Aufpunkt Abstand r und Zylinderradius b
ab.
Punkte in der Nähe der Zylinder-Oberfläche r ≈ b
(2)
(20 )
Für Abstände r ≈ b sind die Besselfunktionen Hn (k0 r) und Hn (k0 b) etwa
von gleicher Größenordnung. Deshalb bestimmt hier das Verhalten von Vn die
Konvergenz. Fallen die Vn rasch über n, dann genügen wenige Summanden
86
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.3 Ebene Probleme
und die Summe kann früh abgebrochen werden. Wie auch im Abschnitt 1.4.1
erklärt, ist das der Fall für stetige Funktionen V (ϕ). Für unstetige Funktionen
V (ϕ) dagegen nimmt die Folge Vn nur allmählich mit n ab. Allgemein kann
man also für r ≈ b feststellen, dass das Verhalten von Vn die Konvergenz
bestimmt und damit also der Funktionsverlauf der Quelle V (ϕ).
Punkte weit entfernt von der Zylinder-Oberfläche r b
(2)
Für r b bleiben die Zähler-Funktionen Hn (k0 r) in (5.38) mit von n = 0
weg wachsender Ordnung n zunächst dem Betrage nach in der Größenordnung
von 1, solange dabei noch n < k0 r erfüllt bleibt; erst wenn die Ordnung n
über das Argument k0 r hinaus wachsen würde, werden diese Hankelfunktionen
(2)0
dem Betrage nach groß. Die Nenner-Funktionen Hn (k0 b) dagegen wachsen
bei den viel kleineren Ordnungen n > k0 b bereits an. Daraus folgt, dass die
Summanden von Gl. (5.38) rasch klein werden, wenn die Ordnungszahl n
über k0 b hinaus anwächst. Die Summanden bleiben auch bei den noch höheren
Ordnungen n > k0 r klein, obwohl die Zähle-Funktionen nun auch angewachsen
sind: Wegen
n
(2)
b
Hn (k0 r)
∼
(2)0
r
Hn (k0 b)
für n > k0 r bleiben die Summanden im hier diskutierten Fall r b weiterhin
sehr klein und umso kleiner, je größer r/b ist.
Insgesamt kann man also die Summation bei einer Ordnung N abbrechen,
die etwas“ über k0 b liegt. Ein Vorschlag könnte z. B.
”
N = 2k0 b (aufgerundet)
(5.40)
sein. Wie eine genauere Betrachtung anhand der numerisch berechneten Summanden zeigt, ist damit schon ein sehr, sehr kleiner Fehler im berechneten
Druck hergestellt. Natürlich ist das nur ein Anhaltswert. Jeder, der solche
Auswertungen vornimmt, ist gut beraten, selbst Erfahrungen zu sammeln.
Fest steht jedenfalls, dass die Konvergenz-Eigenschaften für r b durch die
Größe der Quelle in Wellenlängen, also durch b/λ0 bestimmt werden.
Die genannte Tatsache, dass hohe Ordnungen n k0 b (im Fall r b)
keinen Beitrag liefern, lässt sich auch anschaulich begründen. Die LösungsBestandteile cos(nϕ) (und sin(nϕ)) lassen sich deuten als auf der Zylinderoberfläche vorhandene stehende Wellen entlang der Umfangsrichtung ϕ. Ihre
Ordnungszahl n beschreibt dabei einfach, wie viele Umfangswellenlängen λu
auf dem Zylinderumfang 2πb vorkommen
n=
oder
Nun müssen hier natürlich physikalisch sehr ähnliche Erscheinungen auftreten wie bei der Abstrahlung von Ebenen: kurze Strahlerwellenlänge λu λ0
(hohe Ordnungszahlen n) führen vor allem zu Nahfeldern, die in großen Entfernungen r kaum noch merklich sind; langwellige λu > λ0 hingegen besitzen
eine echte“, weitreichende Abstrahlung. Diese Aussage ist völlig identisch mit
”
dem Ergebnis der oben geschilderten Konvergenz-Betrachtung: Summanden
mit - im Vergleich zur Luftschall-Wellenlänge - kurzer Strahler-Wellenlänge,
also solche mit
2πb
k0 b
λu
=
=
1
λ0
nλ0
n
bzw. mit n k0 b brauchen nicht berücksichtigt zu werden.
Im Unterschied zu den ebenen Strahlern gibt es bei den gekrümmten, zylindrischen Strahler-Flächen jedoch keine scharfe Grenze hinsichtlich der strahlenden und der nicht-strahlenden Wellenlängen λu : auch kurzwellige Strahler
mit hoher Ordnungszahl tragen diesmal ein wenig“ zur Gesamt-Abstrahlung
”
bei, und zwar um so weniger, je höher die Ordnung n ist.
Es ist üblich (und sinnvoll), diese Tatsache noch einmal an Hand der abgestrahlten Leistung auch quantitativ zu beleuchten. Dazu wird zunächst die
Radialkomponente der Schallschnelle aus (5.38) zu
0
vr =
∞
(2)
j ∂p X Hn (k0 r)
Vn (2)0
=
cos(nϕ)
ω%0 ∂r n=0 Hn (k0 b)
Ir =
1
Re {p · Vr ∗ }
2
(5.43)
und der Schallleistung (pro Längeneinheit der z-Richtung)
Z2π
P =
Ir r dϕ
(5.44)
0
erhält man
Zπ
∞ X
∞
(2)0 ∗
(2)
X
(k
r)
(k
r)H
1
H
m
n
0
0
cos(nϕ)
cos(mϕ)dϕ
.
rVn Vm∗ (2)0
P = Re −j%0 c
0
(2) ∗
2
Hn (k0 b)Hm (k0 b)
n=0 m=0
−π
(5.45)
Das Integral über ϕ ist schon wohlbekannt: es ist nach Gl. 5.34 immer gleich
Null, außer für n = m. Für n = m ist noch
Zπ
−π
(5.41)
(5.42)
bestimmt. Mit der Intensität
2πb
,
λu
2πb
λu =
.
n
87
es bleibt also
cos2 (nϕ) dϕ = εn π ,
88
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
∞
(2)
(2)0 ∗
X
%0 cπ
(k0 r) · r
2 Hn (k0 r) · Hn
Re −j
.
P =
εn |Vn |
2
2
(2)0
n=0
Hn (k0 b)
5.3 Ebene Probleme
(5.46)
Der Realteil lässt sich noch leicht ausrechnen, weil alle Ausdrücke reell sind,
mit Ausnahme des Produktes der Hankelfunktionen im Zähler:
n
o
(2)0 ?
Re −jH(2)
(k0 r) = Re −j [Jn − jNn ] Jn 0 + jNn 0
n (k0 r) Hn
=Re −j Jn Jn 0 + Nn Nn 0 + j [Jn N0n − J0n Nn ]
(5.47)
2
=Jn N0n − J0n Nn =
π k0 r
und zum Vergleich der Moden-Abstrahlung benutzt. Darin ist Vn2 noch das
mittlere Schnelle-Quadrat der Mode Vn cos(nϕ), also
Vn2 =
∞
%0 c X
k0 n=0
2
εn |Vn |
(2)0
Hn (k0 b)
2 .
(5.48)
∞
X
(5.51)
2
2
εn |Vn |
2
(2)0
Hn (k0 b)
(5.52)
2
(2)0
2
%0 c · πbεn |Vn |
Hn (k0 b) k0 bπ
.
Die modalen Leistungen (5.49b) werden damit zu
1
2
%0 cπ bεn |Vn | · σn .
2
(5.53)
Die modalen Abstrahlmaße αn nach (5.45) sind in Bild 5.6 wiedergegeben.
Für hohe Frequenzen k0 b n streben alle Abstrahlgrade gegen den Wert 1,
Pn
mit
(5.49a)
2
εn |Vn |
(2)0
Hn (k0 b)
2 .
(5.49b)
Pn
2π bVn2 12 %0 c
(5.50)
Abstrahlmaß 10 lg(σn)
5
Das Ziel der folgenden Betrachtungen besteht darin, die unterschiedliche
Abstrahlung der Moden zu quantifizieren. Nun sind ja die Vn eine Beschreibung der Anregung und nicht der Abstrahlung. Deshalb wird ein Amplitu”
denbereinigter“ Abstrahlgrad definiert
σn =
εn
2
|Vn | .
2
10
n=0
%0 c
Pn =
k0
0
2
=
Vn cos(nϕ)
auch Moden nennt (damit ist der einzelne Summand gemeint). Die Summe der
von den Moden einzeln hervorgebrachten Leistung ist gleich der Leistung, die
von der Moden-Summe erzeugt wird (das ist ja keineswegs selbstverständlich,
schließlich ist die Leistung eine quadratische Größe!):
P =
2
|Vn cos(nϕ)| dϕ =
%0 c
k0
σn =
n=0
∞
X
Z2π
Pn =
Diese Gleichung zeigt, dass die Gesamtleistung gleich der Summe der modalen
Leistungen ist. Zur Erläuterung dieser Bezeichnung sei festgestellt, dass man
die Bestandteile der Zylinder-Schnelle (siehe (5.42) mit r = b)
Vr = V (ϕ) =
1
2π
Demnach gilt
nach Anwendung von (5.30b) im letzten Schritt. Demnach vereinfacht sich die
abgestrahlte Leistung zu
P =
89
0
n=0
−5
1
2
3
−10
4
5
6
7
−15
8
9
−20
10
11
−25
12
13
14
−30
−35
−40
0
2
4
6
k b
0
Abb. 5.6. modale Abstrahlmaße
8
10
90
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.3 Ebene Probleme
da nach (5.21) ja auch
r
0
H(2)
n (k0 b) ≈ −j
91
schallharten und an schallweichen Körpern herausgestellt werden sollen, wird
allgemein angenommen, dass auf der Zylinderoberfläche die beliebige Impedanz z vorliege. Sie ist bekanntlich gleich dem Verhältnis aus Schalldruck p(b)
und der in den Zylinder hinein gerichteten Schnelle. Wenn Vr mit
2 −j(k0 b− nπ − π )
2
4
e
πk0 b
ist, woraus direkt σn ≈ 1 für k0 b n folgt.
Für tiefe Frequenzen ist (siehe (5.25) für n > 0)
0
0
H(2)
n (k0 b) ≈ −j Nn (k0 b) ≈ −
j
2
k0 b
2
−n−1
n!
π
oder (n > 0)
2 (k0 b)2n+2
k0 b π 1 n! 2
4 π
2n+1
k0 b
4π
=
(n!)2
2
σn ≈
(5.54)
für kleine k0 b.
Zu tiefen Frequenzen hin fallen die modalen Abstrahlgrade also exponentiell mit (etwa) der doppelten Ordnung. Die großen Unterschiede zwischen
den modalen Abstrahlgraden können bei der Berechnung von abgestrahlten
Leistungen aus Messdaten auf der Zylinderoberfläche zu Problemen führen,
wenn die Schnelle auf der Zylinderoberfläche kurzwellig ist. Sie wird dann fast
nicht abgestrahlt. Andererseits sind Messungen immer etwas fehlerbehaftet.
Das kann dazu führen, dass eine eigentlich gar nicht vorhandene langwellige
Mode nur auf Grund von kleinen Fehlern berechnet wird. Weil aber nur diese
Mode in großen Entfernungen im Schallfeld überhaupt merklich ist, ist dann
der Schalldruck fast nur durch kleine Fehler hergestellt und daher ziemlich
falsch.
5.3.3 Beugung an Zylindern
Dieser Abschnitt ist der Betrachtung von Schallfeldern hinter endlich großen
Reflektoren - hier gestreckte zylindrische Körper - gewidmet. Weil es bekanntlich im Schatten“ solcher Reflektoren nicht völlig ruhig ist, muss sich das
”
Schallfeld quasi um diese herumbeugen. Weil auch das zurückgeworfene Schallfeld gerade bei gekrümmten Oberflächen nicht geometrisch“ wie ein Strahl re”
flektiert, sondern auf mehrere Richtungen verteilt wird, spricht man von Streuung an Stelle von Reflexion. Das hier behandelte Streu- und Beugungsproblem
ist in Bild 5.7 wiedergegeben. Es besteht in einer Linien-Monopolquelle, die
ohne Reflektor im freien Feld ein ungerichtetes Schallfeld erzeugen würde,
das im Mittelpunktabstand a vor einem reflektierenden Zylinder (Radius b)
angeordnet ist. Weil hier vor allem auch die Unterschiede der Reflexion an
Abb. 5.7. Modellanordnung zur Behandlung der Beugung am Zylinder
Vr =
j ∂p
ω%0 ∂r
die radial nach außen weisende Schnelle bezeichnet, dann ist also
p(b) = −ZVr (b) = −
jZ 1 ∂p
jZ ∂p
=−
ω%0 ∂r r=b
%0 c k0 ∂r r=b
(5.55)
die Randbedingung auf der Zylinderoberfläche.
Wie so oft gibt es (wie bei den sprichwörtlichen Wegen nach Rom) nicht nur
einen, sondern mehrere denkbare Lösungswege zur Behandlung des gestellten
Problems. Es soll hier ein in der elektrischen Feldtheorie üblicher Weg vorgeschlagen werden, der auch in der Akustik sehr erfolgversprechend (weil leicht
auf andere Problemstellungen übertragbar) ist. Dabei wird die Schallquelle
einfach als inhomogene Randbedingung aufgefasst. Die Prozedur ist wie folgt:
Zunächst seien einmal die Feldgrößen p und Vr betrachtet, wenn man einmal
auf einem Kreis r = a + (mit sehr klein) herumläuft, wobei die Quelle
92
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.3 Ebene Probleme
innerhalb der Kreisfläche liegt, und wenn man ein anderes Mal auf einem
Kreis r = a − den Zylinder umfährt, wobei diesmal die Quelle außerhalb der
Kreisfläche liegt.
Zunächst sei der Druck betrachtet. Natürlich ist für Winkel ϕ, die mit ϕ 6=
180 ◦ den Quell-Winkel ϕ0 = 180 ◦ gerade nicht betreffen, p(a + ) = p(a − )
wenn gegen Null geht. Weil die Quelle selbst aber ungerichtet ist, baut sie
links und rechts von sich den gleichen Druck auf. p(a + ) = p(a − ) gibt also
auch für ϕ = 180 ◦ , d. h.
p(a + ) = p(a − )
(5.56)
gilt auf dem ganzen Kreis r = a.
Für die Schnelle Vr stimmt zwar auch
Vr (a + ) = Vr (a − );
Vr (a + ) − Vr (a − ) = Qδ(ϕ − π)
r<a
2:
r>a
∞
X
und
An H(2)
n (k0 r) cos(nϕ) .
Wegen der Symmetrie p(ϕ) = p(−ϕ) sind wieder Sinus-Funktionen sin(nϕ)
weggelassen worden.
Im Teilraum 1 dagegen können sowohl auf den Zylinder zulaufende wie die
an ihm reflektierten Wellen auftreten:
∞
X
n=0
n
o
(2)
cos(nϕ) Bn H(1)
n (k0 r) + Cn Hn (k0 r) .
p1 =
∞
X
(5.59)
(1)0
(2)
(2)0
Hn (k0 b) + j %Z0 c Hn (k0 b)
n
o
(2)
Bn cos(nϕ) H(1)
n (k0 r) − Rn Hn (k0 r) .
(5.61)
(5.62)
n=0
Es bleibt nur noch übrig, die Koeffizienten An und Bn aus den verbleibenden
Randbedingungen (5.56) und (5.57) auszurechnen. Die Gleichheit der Drücke
in (5.56) verlangt
n
o
(2)
(2)
Bn H(1)
(5.63)
n (k0 a) − Rn Hn (k0 a) = An Hn (k0 a) .
Gl. (5.63) kann man dazu nutzen, An oder Bn zu eliminieren. Entscheidet
man sich für letzteres, so ist
∞
X
An cos(nϕ)
n=0
(5.58)
(1)
Hn (k0 b) + j %Z0 c Hn (k0 b)
die hier nur zur Ersparnis von (viel) Schreibarbeit eingeführt worden sind.
Gl. (5.60) zurück in Gl. (5.59) eingesetzt, liefert
p1 =
n=0
p1 =
mit den bekannten Größen
(5.57)
unterschieden.
Der Ansatz für den Teilraum 2 ist bald gemacht. Hier kommen natürlich nur
nach außen laufende, aber nicht nach innen laufende Wellen in Betracht:
p2 =
(Hochkomma beschreibt Ableitung nach dem Argument) bzw. nach Cn aufgelöst:
Cn = −Rn Bn
(5.60)
Rn =
beschreiben. Gl. (5.57) besagt einfach, dass Vr beim Durchgang des Aufpunktes durch r = a überall stetig ist, mit Ausnahme des Quellpunktes. Durchquert
der Aufpunkt den Quellpunkt, dann ist Vr unstetig. Q in Gl. (5.57) ist eine
quellbeschreibende“ Größe, deren physikalische Bedeutung erst später näher
”
erläutert werden soll.
Randbedingungen wie in (5.56) und (5.57) machen es erforderlich, links“
”
und rechts“ vom Rand eben auch verschiedene Lösungsansätze für die Wel”
lengleichung zu machen. Im Folgenden werden daher die Teilräume
1:
Es sei zunächst die Reflexion am Zylinder r = b betrachtet. Die Randbedingung (5.55) verlangt einfach
o
0
jZ n
(2)0
(2)
Bn H(1)
Bn H(1)
n (k0 b) + Cn Hn (k0 b)
n (k0 b) + Cn Hn (k0 b) = −
%0 c
für ϕ 6= 180 ◦ ,
in ϕ = 180 ◦ sind die von der Quelle weg weisenden Schnellen gleich, und das
heißt, Vr (a + ) und Vr (a − ) sind entgegengesetzt gleich groß.
Insgesamt lässt sich der Schnelleverlauf deshalb durch
93
(1)
(2)
(1)
(2)
Hn (k0 r) − Rn Hn (k0 r)
Hn (k0 a) − Rn Hn (k0 a)
H(2)
n (k0 a) .
(5.64)
Gl. (5.64) hätte man - mit etwas Erfahrung - auch gleich als Ansatz, der
”
die Randbedingung gleicher Drücke bereits erfüllt“, hinschreiben können. In
den nächsten Abschnitten wird von dieser hier gewonnenen Erfahrung dann
Gebrauch gemacht.
Aber auch hier ist das Aufschreiben des Bruches in (5.64) bereits etwas
langatmig. Es sollen deshalb neue Unbekannte
an =
An
(2)
(1)
Hn (k0 a) − Rn Hn (k0 a)
eingeführt werden. Die verbleibenden Druck-Ansätze werden dadurch zu
p1 =
∞
X
n=0
n
o
(2)
(2)
an cos(nϕ) H(1)
n (k0 r) − Rn Hn (k0 r) · Hn (k0 a)
(5.65)
94
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.3 Ebene Probleme
und
oder
p2 =
∞
X
n
o
(2)
(2)
an cos(nϕ) H(1)
n (k0 a) − Rn Hn (k0 a) · Hn (k0 r) .
(5.66)
n=0
Jetzt müssen noch die Koeffizienten an aus der inhomogenen Randbedingung
(5.57) bestimmt werden. Dazu berechnet man zunächst die aus den DuckAnsätzen (5.65) und (5.66) folgende Schnelle-Differenz:
j ∂(p2 − p1 )
ω%0
∂r
r=a
∞
nh
i
o
j X
(2)
(2)0
=
an cos(nϕ) H(1)
n (k0 a) − Rn Hn (k0 a) · Hn (k0 a)
%0 c n=0
h
i
0
(2)0
(2)
− H(1)
(5.67)
n (k0 a) − Rn Hn (k0 a) · Hn (k0 a) .
V2 (a) − V1 (a) =
Die geschweifte Klammer kann ganz erheblich vereinfacht werden, z. B. fallen
die Ausdrücke mit Rn weg. Lässt man das Aufschreiben des Arguments zur
Ersparnis von Schreibarbeit weg, so ist
0
am =
mit
(
1
εm =
2
n
o
Q0 X (−1)n
(2)
(2)
cos(nϕ) H(1)
n (k0 r) − Rn Hn (k0 r) · Hn (k0 a)
π n=0 εn
p2 =
n
o
Q0 X (−1)n
(2)
cos(nϕ) H(1)
(k
a)
−
R
H
(k
a)
· H(2)
0
n
0
n
n
n (k0 r) , (5.74)
π n=0 εn
∞
womit das Randwertproblem gelöst ist. Es bleibt allerdings noch, die physikalische Bedeutung von Q0 zu ergründen. Dazu lässt man den Reflektor weg
(b → 0) und betrachtet den Druck, der sich im Punkt 0 einstellt: das ist
dann gleich dem Druck pQ (0), den die Quelle im Ursprung ohne Reflektor
hinterlässt. Wie man Gl. (5.61) entnimmt, ist (z. B. für z → ∞)
(1)0
(5.68)
(2)0
Hn (k0 b)
≈
jNn 0 (k0 b)
= −1
−jNn 0 (k0 b)
∞
∞
X
4
an cos(nϕ)
%0 cπk0 a n=0
%0 cπk0 a
Qδ(ϕ − π) = Q0 δ(ϕ − π)
an cos(nϕ) =
4
n=0
(5.69)
%0 cπ k0 a
Qδ(ϕ − π) = Q0 δ(ϕ − π) = Q0 cos(mπ)
4
Q0 X 2(−1)n
Jn (k0 r) · H(2)
n (k0 a) · cos(nϕ)
π n=0 εn
(5.75)
und
Q0 (2)
H (k0 a) ,
π 0
weil Jn (0) = 0 für n > 0 und J0 (0) = 1. Es ist also
pQ (0) = p1 (0) =
Q0
pQ (0)
= (2)
,
π
H (k0 a)
(5.70)
(wieder ist mit Q0 nur eine Schreibvereinfachung bezeichnet). Wie schon im
vorigen Abschnitt geschildert ist das Auflösen von (5.70) nach einer beliebigen
Unbekannten am ganz leicht (siehe die Gleichungen (5.35) bis (5.37)): man
multipliziert mit cos(mϕ) und integriert und erhält so
n=0
Hn (k0 b)
für b → 0, und natürlich muss Rn von z unabhängig sein, wenn b → 0 ist.
Also gilt nach (5.73)
p1 =
∞
X
an cos(nϕ) =
(5.73)
∞
Rn =
übrig, in der Tat eine recht beträchtliche Vereinfachung.
Nach (5.57) bleibt noch
∞
X
(5.72)
p1 =
(wegen (5.30b)). Es bleibt also nur
V2 (a) − V1 (a) =
m 6= 0
m = 0.
(5.71)
Die so bestimmten Koeffizienten in Gln. (5.65) und (5.66) eingesetzt, ergibt
0
(2)
(2)
{. . .} = H(1)
− H(1)
n · Hn
n · Hn
0
= [Jn + jNn ] · Jn − jNn 0 − Jn 0 + jNn 0 [Jn − jNn ]
= j Nn Jn 0 − Jn Nn 0 + j Nn Jn 0 − Jn Nn 0
4j
2
=−
= −2j Jn Nn 0 − Jn 0 Nn = −2j
π k0 a
π k0 a
Q0 (−1)m
εm π
95
0
wobei – wie gesagt – pQ (0) den Druck beschreibt, den die Quelle im Abstand a
von ihrem Mittelpunkt im ungestörten Fall ohne Reflektor hervorruft. Drückt
man Q0 in Gln. (5.73) und (5.74) noch durch pQ (0) aus, so erhält man
p1 = pQ (0)
∞
X
(−1)n
n=0
und
εn
o
Hn (k0 a) n (1)
(2)
H
(k
r)
−
R
H
(k
r)
(5.76)
0
n
0
n
n
(2)
H0 (k0 a)
(2)
cos(nϕ)
96
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
p2 = pQ (0)
∞
X
(−1)n
n=0
εn
cos(nϕ)
5.3 Ebene Probleme
(2)
o
Hn (k0 r) n (1)
(2)
H
(k
a)
−
R
H
(k
a)
. (5.77)
0
n
0
n
n
(2)
H0 (k0 b)
Noch etwas lässt sich die Feldbeschreibung vereinfachen, wenn man zu einer weit entfernten Quelle a → ∞ übergeht. Das ungestörte Schallfeld ohne
Reflektor pi wird dann zur ebenen Welle
pi = pQ (0) e−jk0 x .
(5.78)
Wegen (5.21) kann man
∼
H(2)
n (k0 a) =
r
nπ
π
2
e−j (k0 a− 2 − 4 )
πk0 a
annähern und erhält mit
(2)
Hn (k0 a)
(2)
H0 (k0 a)
nπ
= ej 2 = jn
(5.79)
schließlich
p1 = pQ (0)
∞
X
(−j)n
n=0
εn
n
o
(2)
cos(nϕ) H(1)
n (k0 r) − Rn Hn (k0 r) .
(5.80)
Der Teilraum 2 liegt jetzt im Unendlichen und interessiert also nicht mehr.
Es fehlt nun wieder nur noch eine Konvergenz-Betrachtung, dann kann das
durch (5.80) beschriebene Schallfeld sofort programmiert werden. Nun sieht
man der geschweiften Klammer in (5.80) nicht sofort das Verhalten mit wach(2)
(1)
sendem n an, sowohl Hn als auch Hn werden groß, die Differenz daraus
ist nicht unmittelbar ersichtlich. Deshalb muss man die geschweifte Klammer
noch umformen. Hinfort sollen nur schallharte (z → ∞) und schallweiche
(z = 0) Randbedingungen betrachtet werden, für diese ist nach (5.61)
(1)
z=0:
Rn =
z→∞:
Rn =
Hn (k0 b)
(2)
Hn (k0 b)
(1)0
Hn (k0 b)
(2)0
Hn (k0 b)
.
Es genügt dann, den Fall z = 0 auf Konvergenz zu untersuchen; den Fall
z → ∞ erhält man einfach, indem die Hankelfunktionen vom Argument k0 b
durch ihre Ableitungen ersetzt werden. Die geschweifte Klammer in (5.80)
wird für z = 0 also zu
(1)
{· · · } =
(2)
(2)
(1)
Hn (k0 r) Hn (k0 b) − Hn (k0 r) Hn (k0 b)
(2)
Hn (k0 b)
.
(2)
97
(1)∗
Der zweite, rechts stehende Ausdruck im Zähler ist wegen Hn = Hn gerade
konjugiert komplex zum ersten Ausdruck. Wegen z − z ∗ = x + jy − (x − jy) =
2jy = 2j Im {z} ist also
{· · · } =
=
2j
(2)
Hn (k0 b)
2j
(2)
Hn (k0 b)
n
o
(2)
Im H(1)
n (k0 r) Hn (k0 b)
[Nn (k0 r) Jn (k0 b) − Jn (k0 r) Nn (k0 b)] .
Der erste Ausdruck verhält sich genauso wie beim Abstrahl-Problem im vorigen Kapitel: wird n k0 b, dann konvergiert dieser Ausdruck sehr rasch gegen
Null. Das stimmt freilich nicht für den zweiten Ausdruck: mit wachsendem n
(2)
wird Nn (k0 b)/Hn (k0 b) ≈ j und demnach bestimmt die Folge Jn (k0 r) hier
die Konvergenzeigenschaften. Jn (k0 r) aber wird erst für n k0 r rasch klein:
diesmal muss also die Anzahl der berücksichtigten Summanden am Verhältnis r/λ und nicht an b/λ orientiert werden. Empfehlung also wie vorne: bei
n = N abbrechen und N ∼
= 4k0 r wählen (und immer mindestens 10 Summanden mitnehmen).
In größeren Abständen kann das zu Unbequemlichkeiten führen. Weil hier
aber nur das Schallfeld in nicht allzu großen Abständen vom Zylinder noch
interessieren soll, wird auf die Frage, ob und wie diese Unbequemlichkeit behoben werden kann, hier nicht eingegangen. Im nächsten Abschnitt werden dann
gerade große r interessieren, und dort wird die Beseitigung der genannten Unbequemlichkeit ausführlich diskutiert werden müssen. Es bleibt nun nur noch,
die wesentlichen Qualitäten der numerischen Auswertung von Gl. (5.80) zu
schildern und zu erläutern. Dazu sind in den Bildern 5.8 und 5.9 die Schallfelder am schallharten und am schallweichen Zylinder beispielhaft einander
gegenübergestellt.
Die Unterschiede zwischen den beiden Fällen sind augenfällig: das Schallfeld macht für z = 0 einen ziemlich großen Bogen um den Reflektor und lässt
das der Lichtseite abgewandte Schattengebiet ein gutes Stück lang fast feldfrei. Für den schallharten Reflektor interessiert sich das Schallfeld kaum: es
schließt sich hinter ihm sofort wieder, es existiert fast kein Kernschatten. Man
kann also festhalten, dass schallweiche Oberflächen den Schalleinfall wesentlich mehr von sich schräg ablenken als schallharte. Diese Erkenntnis ist nun
allerdings nicht gerade überraschend, z = 0 heißt ja auch p = z · V = 0, und
das heißt einfach, dass schallweiche Flächen vollständig feldfrei sind. Weil die
tangentiale Schnellekomponente Vϕ ≈ ∂p/∂ϕ = 0 ebenfalls Null ist, baut sich
keine tangentiale Ausgleichs-Bewegung auf, und natürlich gibt es deshalb auch
keinen tangentialen Leistungsfluss: das Schattengebiet wird nicht über die Zylinderoberfläche mit Volumenfluss oder Leistung versorgt und bleibt deswegen
dunkel. Bild 5.10 versucht eine graphische Schilderung dieser Sachverhalte in
Gegenüberstellung zu z → ∞.
Schallharte Oberflächen verhalten sich völlig anders. Hier ist zwar die radiale Schnellekomponente Vr gleich Null, aber gerade wegen Vr ∼ ∂p/∂r hat
98
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.3 Ebene Probleme
99
Schallhart
Abb. 5.8. Feld am schallharten Zylinder b = λ, Einfall einer ebenen Welle von
links.
Schallweich
Abb. 5.9. Feld am weichen Zylinder b = λ, Einfall einer ebenen Welle von links.
Abb. 5.10. Prinzip-Unterschied der Schallfelder an schallharten und an schallweichen Oberflächen
der Druck keinen Knoten, sondern einen Bauch. Das Druckfeld legt sich bis
an die Oberfläche an, und selbstredend kommt es zu Ausgleichs-Vorgängen in
tangentialer Richtung, und damit wird das Schattengebiet mit Leistung und
Volumenstrom versorgt – und so beleuchtet.
Dass es sich hier bei der Schilderung der zunächst ja etwas mathematisch
erscheinenden Grenzfälle z = 0 und z → ∞ jedoch durchaus um realisierbare
Aufbauten handelt, zeigen Messungen. Das wirft natürlich die Frage auf, wie
man denn z = 0 überhaupt herstellen kann (z → ∞ scheint kein gedankliches
Problem zu sein: schwere und/oder steife Strukturen). Hier sei nur gesagt, dass
man dazu Resonatoren verwendet und ein halbwegs schmalbandiges Schallfeld, dessen Bandbreite die Resonanz enthält. Bild 5.11 zeigt die gemessenen
Intensitäten (terzbreites Rauschen als Prüfsignal) mit und ohne schallharter
Abdeckung des Mantels.
Auch oben offene, unten geschlossene Röhrchen sind in Resonanz, wenn
sie gerade λ/4 lang sind. Ein Vorlesungs-Versuch zeigt, welch große Pegeldifferenzen sich in der Nähe ihrer Mündung mit und ohne Abdeckung ergeben.
100
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
101
der Reflexion am Boden (und Wind und Wetter) abgesehen wird. Dazu wird
eine Modellanordnung benutzt, die in Bild 5.12 wiedergegeben ist. Betrachtet
Abb. 5.12. Modellanordnung zur Behandlung der Beugung am Keil
Abb. 5.11. Gemessene Intensität an einer schallharten (oben) und an einer schallweichen Oberfläche (unten). Der Zylinder war dabei auf eine Schall-undurchlässige
Platte aufgesetzt, die unterhalb des Zylinders angedeutet ist.
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
Nun sind ja zylindrische Reflektoren und der Einfluss der Oberflächen-Impedanz sicher recht interessante, vielleicht zunächst aber etwas akademi”
sche“ Fragestellungen: wie verhält es sich andererseits mit der Beugung an
aus dem Alltag gut bekannten Bauteilen wie Schallschutzwänden oder Schallschutzwällen, die man in großer Zahl z. B. an Autobahnen oder EisenbahnTrassen vorfindet? Es soll eine Antwort versucht werden, in der das BeugungsPhänomen im Vordergrund steht und bei der von sekundären Einflüssen wie
wird ein keilförmiger, halbunendlicher Reflektor mit schallharten Flanken bei
ϕ = 0 und ϕ = 2π − γ. der Öffnungswinkel des Keiles beträgt also γ, und
α = 2π − γ stellt den zugehörigen Außenwinkel dar. Außerdem sei die Anregung durch eine Linien-Monopolquelle gegeben, die sich im Abstand a von
der Keil-Spitze befindet und mit der Flanke bei ϕ = 0 den Winkel ϕ0 einschließt. Es sei hier noch auf die Bezeichnung von Aufpunkten (r, ϕ) durch
ihren Beugungswinkel β hingewiesen. β zählt ab der geometrischen Schattengrenze (= Einfallsrichtung, über Spitze verlängert), d. h. es ist
ϕ = ϕ0 + π + β,
β = ϕ − ϕ0 − π .
oder
(5.81)
Bei den genaueren Betrachtungen des Schallfeldes wird man sich später erst
einmal für das Einfachste interessieren und die Beugung an der schallharten,
dünnen Wand (halbunendliche Schneide) mit γ = 0 und α = 2π studieren.
Danach erst sollen dann die Veränderungen betrachtet werden, die sich aus
größeren, von Null verschiedenen Öffnungs-Winkeln ergeben.
102
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
Für die Lösungen der Wellengleichung werden diesmal Funktionen in Umfangsrichtung ϕ so angesetzt, dass sie die Randbedingungen an den KeilFlanken
∂p
= 0 für ϕ = 0 und für
ϕ=α
∂ϕ
Die noch unbekannten q werden so bestimmt, dass auch in ϕ = α ein Druckbauch vorliegt. Daraus folgt
sin(qα) = 0
oder
bzw.
Wenn man damit in die Wellengleichung (5.13) geht, erhält man
d2 fn
1 dfn
1 nπ 2
2
+
+
k
−
fn = 0 .
0
dr2
r dr
r2 α
0.6
ν
0.4
0.2
−0.4
0
(5.82)
(5.83)
Der einzige Unterschied gegenüber (5.16) ist, dass an Stelle der ganzen Zahl n
nun die gebrochene Zahl nπ/2 auftritt. Konsequenterweise erhält man wieder
Bessel-, Neumann- oder Hankelfunktionen als Lösungen von (5.83), nur dass
diesmal ihre Ordnungen nicht mehr ganzzahlig sind:
fn (r) = An J nπ
(k0 r) + Bn N nπ
(k0 r) .
α
α
0.8
−0.2
nπ
, n = 0, 1, 2, ...
α
Als Lösungsansatz für die Wellengleichung benutzt man also
q=
nπ ϕ .
fn (r) cos
p(r, ϕ) =
α
n=0
1
0
qα = nπ
∞
X
1.2
Jν(x)
erfüllen. Wegen der Randbedingung in ϕ = 0 kommen nur Cosinus-Funktionen
in Frage
p ∼ cos(qϕ) .
103
(5.84)
Definition von und Umgang mit Besselfunktionen gebrochener Ordnung bereitet keinerlei prinzipielle Schwierigkeit: wie auch Bild 5.13 beispielhaft zeigt
liegt Jn+ (x) (mit 0 ≤ ≤ 1) eben zwischen Jn (x) und Jn+1 (x)“, nicht an”
ders wie auch sin((n + )x) zwischen sin(nx) und sin((n + 1)x) liegt. Für moderne Numerik-Software wie MATLAB R ist die Berechnung von Jn und Nn
mit beliebigem reellem n eine simple Selbstverständlichkeit. Auch in allen,
die Eigenschaften von Besselfunktionen beschreibenden Gleichungen (5.19)
bis (5.30b) darf ohne weiteres n als gebrochene Zahl angesehen werden; die
Einschränkung auf ganzzahlige n ist schlichtweg überflüssig.
Die Lösungsansätze für die durch r = a (der Kreis, der die Quelle trägt“)
”
begrenzten Teilräume werden ähnlich zu den Gleichungen (5.65) und (5.66)
so gemacht, dass sie die Randbedingung p1 (a) = p2 (a) bereits von selbst“
”
2
4
6
8
10
x
Abb. 5.13. Besselfunktionen der Ordnungen ν = 0; 0,1; 0,2; ... 1
erfüllen. Für den Innenraum“ 1 zwischen Quell-Kreis r = a und r = 0 kom”
men nur Besselfunktionen Jnπ/a , nicht aber Nnπ/a in Frage, weil die Neumannfunktionen in r = 0 Polstellen haben; auf der Keil-Spitze muss der Schalldruck
aber natürlich endlich groß sein. Für den Außenraum“ 2 r > a werden Han”
kelfunktionen zweiter Art angesetzt, weil nur diese nach außen laufende Wellen
beschreiben. Also ist
p1 ∼ Jν (k0 r)
p2 ∼ H(2)
ν (k0 r) ,
wobei hier wie im Folgenden zur Ersparnis von Schreibarbeit
ν=
nπ
α
(5.85)
benutzt worden ist. Die Randbedingung p1 (a) = p2 (a) erfüllt man einfach
schon, wenn die genannten prinzipiellen Ansätze noch kreuzweise unter Einsetzen von r = a multipliziert werden:
p1 (r, ϕ) =
p2 (r, ϕ) =
∞
X
n=0
∞
X
n=0
an cos(νϕ) Jν (k0 r) · H(2)
ν (k0 a)
(5.86)
an cos(νϕ) Jν (k0 a) · H(2)
ν (k0 r) .
(5.87)
104
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
Man sieht sofort, dass p1 (a) = p2 (a) bereits erfüllt ist. Es bleibt nur noch, die
inhomogene Randbedingung wie in (5.57)
V2 (a) − V1 (a) = Q δ(ϕ − ϕ0 )
j 1 ∂p2 − p1
j ∂p2 − p1
V2 (a) − V1 (a) =
=
ω%0
∂r
%
∂r
0 c k0
r=a
r=a
∞
n
o
X
0
0
(2)
=
an cos(νϕ) Jν (k0 a)H(2)
ν (k0 a) − Jν (k0 a)Hν (k0 a) . (5.89)
n=0
Die geschweifte Klammer wird zu
{
} = Jν [J0ν − jN0ν ] − J0ν [Jν − jNν ] = −j [Jν N0ν − J0ν Nν ] =
an cos(νϕ) = Q0 δ(ϕ − ϕ0 )
(5.90)
ermöglicht es wieder, ein Element in (5.90) zu isolieren: (0 = 2, m = 1 für
m > 0)
Zα
mπ εm α
· am = Q0 δ(ϕ − ϕ0 ) cos
ϕ dϕ
2
α
0
Nun zur Betrachtung der Bedeutung von Q0 . Dazu wird die Quelle auf ϕ0 = π
gedreht, und gleichzeitig wird der reflektierende Keil mit α = 2π zur halbunendlichen, schallharten Schneide gemacht. Es ist damit
ν=
und
n
nπ
=
α
2
nπ .
2
Die Summanden mit n = 1, 3, 5, ..., 2m + 1, ... entfallen also, es bleiben nur
die Summanden mit n = 0, 2, 4, ...2m, ... übrig. Demnach wird aus (5.92) mit
cos(mπ) = (−1)m
cos(νϕ0 ) = cos
Q0 X (−1)m
cos(mϕ) Jm (k0 r) H(2)
m (k0 a) .
π m=0 εm
(5.94)
Dass dieses Schallfeld genau gleich ist zum Beugungsfeld am Zylinder bei
”
weggelassenem Zylinder“ Gl. (5.75), das ist eigentlich selbstverständlich.
Dann liegt die Linienquelle nämlich in einer Ebene mit der halbunendlichen
Schneide, die dem Schallfeld keinerlei Angriffsfläche bietet: sie ist akustisch
gänzlich unwirksam, man kann sie also in Gedanken einfach weglassen. Demnach beschreiben also (5.94) und (5.75) beide einfach das freie“, durch kei”
nen Reflektor veränderte Feld einer Quelle im Punkt r = a, ϕ0 = π. Wieder
genügt es einfacherweise, die Quelle durch den Druck zu beschreiben, den sie
im Freien im Abstand a – im Ursprung zum Beispiel – hinterlassen würde
pQ (0) =
Q0 (2)
H (k0 a) .
2π 0
(5.95)
Damit ist nach (5.92) und (5.93)
∞
p1 (r, ϕ) = pQ (0)
4π X cos(νϕ) cos(νϕ0 ) Jν (k0 r)Hν (k0 a)
(2)
α n=0
εn
H (k0 a)
(2)
(5.96)
0
und
(5.91)
∞
p2 (r, ϕ) = pQ (0)
4π X cos(νϕ) cos(νϕ0 ) Jν (k0 r)Hν (k0 r)
.
(2)
α n=0
εn
H (k0 a)
(2)
(5.97)
0
Damit gehen die Ansätze (5.86) und (5.87) über in Lösungen
∞
2Q0 X 1
p1 (r, ϕ) =
cos(νϕ) cos(νϕ0 ) Jν (k0 r) H(2)
ν (k0 a)
α n=0 εn
(5.93)
∞
mit dem neu definierten Q0“, das später physikalisch bestimmt und dessen
”
Zusammenhang mit Q deshalb gar nicht interessiert. Die Auflösung von (5.90)
nach einem am gestaltet sich wieder denkbar einfach: das Integral
Zα
0 n 6= m
nπϕ mπϕ cos
cos
dϕ = α2 n = m 6= 0
α
α
α n=m=0
0
mπ 2Q0
am =
cos
ϕ0 .
αεm
α
2Q0 X 1
cos(νϕ) cos(νϕ0 ) Jν (k0 a) H(2)
ν (k0 r) .
α n=0 εn
p1 (r, ϕ) =
n=0
oder
∞
p2 (r, ϕ) =
2j
πk0 a
nach (5.30b). Damit lässt sich (5.88) vereinfachen zu
∞
X
und
(5.88)
zur Bestimmung der unbekannten Koeffizienten zu benutzen, und danach die
ominöse“ Größe Q durch eine Sonderbetrachtung auf ihre Bedeutung hin zu
”
untersuchen.
Die aus (5.86) und (5.87) folgende Schnelle-Differenz ist
105
(5.92)
Wieder sollen bei Auswertungen und Prinzip-Diskussionen weit entfernte
Quellen und damit schräg einlaufende ebene Wellen betrachtet werden. Mit
α → ∞ wird also der Schalleinfall beschrieben durch
106
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
pi = pQ (0)ejk0 (x cos ϕ0 +y sin ϕ0 ) ,
oder, in Zylinderkoordinaten ausgedrückt
pi = pQ (0)ejk0 r(cos ϕ cos ϕ0 +sin ϕ sin ϕ0 ) = pQ (0)ejk0 r cos(ϕ−ϕ0 ) .
(5.98)
Das davon am Keil erzeugte Schallfeld geht aus (5.96) mit (siehe Gl. (5.21))
(2)
lim
Hν (k0 a)
a→∞ H(2) (k a)
0
0
zu
= ejνπ/2
∞
p1 (r, ϕ) = pQ (0)
4π X ejνπ/2
cos(νϕ) cos(νϕ0 ) Jν (k0 r)
α n=0 εn
(5.99)
hervor.
Konvergenz-Betrachtungen sind diesmal sehr einfach. Man erkennt sofort, dass
hier alle Glieder berücksichtigt werden müssen, bis die Ordnung größer als
”
das Argument“ k0 r wird, also für
ν k0 r
rechts vor allem von der Wahl des Abstandes r abhängig. Gerade bei, im Anwendungsfall besonders interessierenden, großen Abständen (Wohngebiete neben Straßen mit Schallschutzwänden) wird die nummerische Berechnung sehr
aufwendig, weil die Besselfunktionen mit wachsender Ordnung erst dann klein
werden, wenn die Ordnung größer wird als das Argument kr. Das sind Gründe
genug, in den einschlägigen Tabellenwerken nach anderen Darstellungsformen
zu suchen. In der Tat findet man z. B. in dem Werk (das übrigens auch sonst
sehr zu empfehlen ist) der Autoren Gradshteyn, Ryzhik: Table of Integrals, Series and Products (Academic Press, New York 1965), dort Seite 973,
Nr. 8.511.5, die Möglichkeit, die Reihe auf der rechten Seite durch die sogenannten Fresnel-Integrale auszudrücken. Die Anwendung der dort genannten
Gleichung darf gewiss dem Leser überlassen bleiben. Man erhält nach einfachster Rechnung für den Schalldruck
o
1 + j n jkr cos(ϕ−ϕ0 )
e
φ+ + ejkr cos(ϕ+ϕ0 ) φ− ,
(5.101)
p(r, ϕ) = pQ (0)
2
worin zur besseren Übersicht
√
√
1−j
ϕ − ϕ0
ϕ − ϕ0
φ+ =
+C
2kr cos
− jS
2kr cos
2
2
2
(oder n = 2ν 2k0 r).
Als Empfehlung könnte wieder etwa der Abbruch bei n ≈ 2k0 rα/π angenommen werden. Für große Abstände r hinter der Abschirmeinrichtung kann das
zu langen Rechenzeiten führen. Hier interessiert aber gerade auch das Verhalten des Schallfeldes in großen Entfernungen; die von Schallschutzwänden
geschützten Gebiete liegen ja oft ziemlich weit weg. Darin liegt einer der
Gründe dafür, dass der nächste Unterabschnitt zunächst der schallharten
Schneide α = 2π gewidmet ist.
und
5.4.1 Beugung an der schallharten Schneide
und durch
Für die schallharte Schneide α = 2π ist ν = n/2, und deshalb wird aus (5.99)
p(r, ϕ) = p1 = pQ (0)
∞
X
2ejnπ/4
n=0
εn
Jn/2 (kr) cos (nϕ/2) cos (nϕ0 /2) .
(5.100)
Gl. (5.100) gibt das Schallfeld für den Grenzfall der ebenen Welle mit unendlich weit entfernter Quelle an. Der Teilraum 2 ist nun ins Unendliche gerückt
und interessiert daher nicht mehr, Gl. (5.100) bezeichnet nun also das Schallfeld im ganzen Raum. Um das anzudeuten ist in Gl. (5.100) statt p1 auch
schon kurz p geschrieben worden, und das wird nun beibehalten.
Nun ist der Ausdruck für den Schalldruck zwar etwas einfacher geworden, weil ein nicht sehr wichtig erscheinender Parameter (der Quellabstand)
nicht mehr auftritt; übersichtliche, leicht zu verstehende Ergebnisse sind jedoch noch immer nicht direkt ablesbar. Überdies ist die Konvergenz der Reihe
107
φ− =
√
√
ϕ + ϕ0
ϕ + ϕ0
1−j
+C
− jS
2kr cos
2kr cos
2
2
2
(5.102)
(5.103)
benutzt worden ist. Die dabei auftretenden sogenannten Fresnel-Integrale sind
durch
r Zx
2
C (x) =
cos t2 dt
(5.104)
π
0
r
S (x) =
2
π
Zx
sin t2 dt
(5.105)
0
definiert. Sie sind in Bild 5.14 gezeigt (das verwendete MATLAB R -Programm
zur Berechnung von C und S ist im Anhang zu diesem Kapitel zur freien
Benutzung für jedermann abgedruckt).
Diese Darstellung des Schalldruckes bietet gegenüber der Reihenform in
Gl. (5.100) große Vorteile. Die Fresnel-Integrale sind nicht nur sehr einfach zu
programmieren (siehe den Anhang zu diesem Kapitel), sie können überdies
gerade für die vor allem interessierenden großen Abstände r recht einfach
angenähert werden. Damit wird eine direkte und unmittelbare Einschätzung
des Schallfeldes möglich gemacht.
Wie man erkennt, handelt es sich bei C und S um Funktionen, die bei
wachsendem Argument mit abnehmender Amplitude um den Wert von 1/2
schwanken. Näherungen für die Fresnel-Integrale lauten deshalb für x 1
108
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
Die Amplitude der ebenen Welle ist naturgemäß ortsunabhängig und beträgt
überall pQ (0). Deshalb gilt für das Einfügungsdämmmaß der halbunendlichen
Wand
2
p(r, ϕ)
.
(5.111)
RE = −10 lg
pQ (0)
1
0.9
Fresnel−Integrale
0.8
0.7
C(x)
Das Einfügungsdämmmaß kann natürlich von Ort zu Ort verschieden sein.
Vielleicht ist es angebracht, zunächst einmal einige Ergebnisse durch anschauliche Darstellungen typischer Anwendungsfälle vorzustellen. Dazu werden die Auslenkungen der Aufpunkte im elastischen Kontinuum aus Gas berechnet
1 ∂p
1 ∂p
ξx =
;
ξy =
(5.112)
%0 ω 2 ∂x
%0 ω 2 ∂y
0.6
0.5
0.4
0.3
S(x)
0.2
0.1
0
0
109
1
2
3
4
x
5
6
7
8
Abb. 5.14. Fresnel-Integrale S(x) und C(x)
1
1
+√
sin x2
2
2πx
1
1
S (x) ≃ − √
cos x2 .
2
2πx
C (x) ≃
(5.106)
(5.107)
Für negative Argumente muss die aus den Definitionen (5.104) und (5.105)
folgende Symmetrie
C (−x) = −C (x)
(5.108)
S (−x) = −S (x)
(5.109)
beachtet werden. Ausdrücklich sei noch daran erinnert, dass der für den Umfangswinkel ϕ zugelassene Wertebereich 0 < ϕ < 2π beträgt. Winkel außerhalb dieses Intervalls - insbesondere negative Winkel - sind nicht erlaubt, sie
führen zu falschen Ergebnissen bei der Auswertung. Auch für die Einfallsrichtung ϕ0 sind positive Werte vorausgesetzt. Wie oben ausgeführt, ist unter
pQ (0) in Gl. (5.101) derjenige Schalldruck zu verstehen, den die einfallende
ebene Welle ohne Abschirmwand (im Freien) im Koordinatenursprung r = 0
erzeugen würde. Für die schräg einfallende ebene Welle alleine gilt bekanntlich
pein = pQ (0) ejk(x cos ϕ0 +y sin ϕ0 ) ,
oder, mit x = r cos ϕ und y = rsinϕ für die Koordinatensysteme (x, y) und
(r, ϕ), und wegen cos ϕ cos ϕ0 + sin ϕ sin ϕ0 = cos(ϕ − ϕ0 ),
pein = pQ (0) ejkr cos(ϕ−ϕ0 ) .
(5.110)
und anhand eines Punktrasters dargestellt (siehe Bilder 5.15 bis 5.17). Die
Ableitungen kann man näherungsweise aus Differenzenquotienten gewinnen,
also z. B. aus dp/dx ≈ (p(x + ∆x) − p(x))/∆x (für die Bilder 5.15 bis
5.17 ist ∆x = λ/100 benutzt worden, eine Wahl, die sich auch sonst gut
bewährt), wobei p jeweils aus Gl. (5.101) bestimmt wird. Das so entstandene
Bewegungsmuster ist leicht zu lesen: Überdichte“ der Punkte (gegenüber
”
dem gleichabständigen Muster ohne Schall“) zeigt Schalldichte und Schall”
druck oberhalb der atmosphärischen Größen an ( Unterdichte“: unterhalb),
”
der Abstand zweier Gebiete mit hoher (niedriger) Kompression zeigt die Wellenlänge an. Die Bilder geben das jeweilige Schallfeld für eine bestimmte,
feste (eingefrorene) Zeit wieder; mehrere solche Momentaufnahmen (z. B. für
t/T = 0; 1/50; 2/50; . . . , 49/50 mit T = Periodendauer) nacheinander würden
einen Trickfilm ergeben, der die zeitliche Geschichte der Wellenausbreitung
schildert.
Die so hergestellten Momentaufnahmen des Schallfeldes in den Bildern
5.15 bis 5.17 zeigen vernünftige Tendenzen. Neben der Tatsache, dass es sich
offenbar wirklich überall um Wellen handelt,
•
•
•
•
sind die Randbedingungen zu beiden Seiten der schallharten Schneide
erfüllt,
ist die Reflexion an der Schirmoberseite mit dem Resultat stehender Wellen
im Bereich ϕ < π − ϕ0 zu erkennen,
besteht das Gesamtfeld im Lichtbereich“ π − ϕ0 < ϕ < π + ϕ0 nur in der
”
ungestört vorbeilaufenden einfallenden ebenen Welle, und schließlich
ist die erwartete Beugungswelle in das Schattengebiet (je nach Einfallswinkel mehr oder weniger gut) erkennbar.
110
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
Abb. 5.15. Teilchenbewegungen im Schallfeld vor der halbunendlichen Schneide,
Einfallswinkel ϕ0 = 90 ◦
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
111
Abb. 5.17. Teilchenbewegungen im Schallfeld vor der halbunendlichen Schneide,
Einfallswinkel ϕ0 = 45 ◦
Abb. 5.16. Teilchenbewegungen im Schallfeld vor der halbunendlichen Schneide,
Einfallswinkel ϕ0 = 60 ◦
Abb. 5.18. Farbkodierte Darstellung des Einfügungsdämmmaßes, Einfallswinkel
ϕ0 = 90 ◦
112
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
Für den Schattenbereich ist anzumerken, dass die sichtbare Dynamik der
Darstellungsweise in Teilchenbewegungs-Bildern wie in den Bildern 5.15 bis
und 5.17 schätzungsweise etwa 10 dB beträgt, weswegen Einfügungsdämmmaße von RE > 10 dB auf diese Weise optisch kaum darstellbar sind. Eine
hinsichtlich des Einfügungsdämmmaßes besser lesbare“ Darstellung gibt Bild
”
5.18 mit der farbkodierten Wiedergabe des Einfügungsdämmmaßes (wobei das
Koordinatensystem gleichzeitig noch so gedreht worden ist, dass die Wand –
hier rosa eingezeichnet – aufrecht steht“ und der Schall-Einfall von links
”
erfolgt).
Wie erwähnt besteht einer der Vorteile der Schallfelddarstellung durch
Gl. (5.101) in den recht einfach durchführbaren Näherungsbetrachtungen.
Diese werden hier nicht nur zur Untersuchung des natürlich vorrangig interessierenden Schattenfeldes angestellt; zur Kontrolle des Ergebnisses seien
darüber hinaus auch noch der Reflexionsbereich, der Lichtbereich“ und die
”
Schattengrenze betrachtet. Welche Raumbezirke mit diesen Bezeichnungen
gemeint sind, das ist in Bild 5.19 wiedergegeben. Weil die Umgebung der
Schirmkante r ≈ 0 praktisch fast nicht interessant ist, wird im Folgenden
kr 1 vorausgesetzt.
113
folgt aus Gl. (5.106) bis Gl. (5.109)
φ ≈ 1−j
falls
u>0
und |u| 1
(5.113)
falls
u<0
und
(5.114)
und
2
je−ju
φ≈ √
2π |u|
|u| 1 .
Mit den in Gl. (5.113) und Gl. (5.114) genannten Vereinfachungen lässt sich
nun das prinzipielle Verhalten des Schallfeldes in den genannten Raumbezirken
leicht diskutieren.
a) Reflexionsbereich
Der Bereich Reflexion“ ist durch
”
ϕ < π − ϕ0
gekennzeichnet. In ihm ist
Einfallsrichtung
Reflexionsgrenze
ϕ − ϕ0
π
< − ϕ0
2
2
und
ϕ + ϕ0
π
< .
2
2
Reflexion
Demnach gilt
cos
Einfallswinkel
j0
Licht
Schallschirm
Schattengrenze
Schatten
Abb. 5.19. Bezeichnung der Raumbezirke
Über das prinzipielle Verhalten der Größen φ+ und φ− entscheidet das
Vorzeichen des Argumentes in den zugehörigen Fresnel-Integralen, denn diese
schwanken um den Wert 1/2 für positive Argumente und um −1/2 für negative
Argumente (siehe Gl. (5.108) und Gl. (5.109)).
Wenn√man mit u jeweils das Argument der
√ Fresnel-Integrale bezeichnet,
also u = 2kr cos(ϕ − ϕ0 )/2 für φ+ und u = 2kr cos(ϕ + ϕ0 )/2 für φ− , dann
und
cos
ϕ − ϕ0
2
ϕ + ϕ0
2
>0
>0.
Die beiden Argumente der auftretenden Fresnel-Integrale sind demnach positiv, damit gibt Gl. (5.113) die Näherung sowohl für φ+ als auch für φ− an.
Es ist also im Reflexionsbereich nach Gl. (5.101) mit (1 − j)(1 + j) = 2
n
o
p (r, ϕ) ≈ pQ (0) ejkr cos(ϕ−ϕ0 ) + ejkr cos(ϕ+ϕ0 ) .
(5.115)
Der erste Term beschreibt (siehe Gl. (5.110)) das einfallende, der zweite Term
das in ϕ = 0 reflektierte Feld.
114
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
b) Lichtbereich
Der Bereich Licht“ bezeichnet den Raumteil, in dem die ungestörte, einfal”
lende Welle als Resultat erwartet wird. Hier ist
und demnach gilt
und
Das Argument der Fresnel-Integrale für φ− ist wegen
ϕ + ϕ0
cos
<0
2
negativ. Nach Gl. (5.114) kann man dann φ− wieder gegenüber φ+ vernachlässigen und erhält
π
ϕ − ϕ0
π
− ϕ0 <
<
2
2
2
1
p (r, ϕ) = pQ (0) e−jkr .
2
π
ϕ + ϕ0
π
<
< + ϕ0 .
2
2
2
Für größere Entfernungen von der Schirmkante erhält man demnach auf der
Schattengrenze eine Halbierung des einfallenden Schallfeldes. Man könnte
diese Tatsache als durch den Schirm hergestellte halbe Abdeckung“ der weit
”
entfernten Quelle deuten, ähnlich wie beim Sonnenuntergang, bei dem zu einem bestimmten Zeitpunkt nur das halbe Himmelsgestirn sichtbar ist. Auf der
Schattengrenze strebt das Einfügungsdämmmaß mit der Entfernung gegen
cos
und
cos
ϕ − ϕ0
2
ϕ + ϕ0
2
>0
p (r, ϕ) = pQ (0) ejkr cos(ϕ−ϕ0 )
ganz richtig nur aus der einfallenden Welle.
Die Betrachtungen im Reflexions-Bereich und im Licht-Bereich dienten
mehr der nachträglichen Kontrolle der Gleichungen; die folgenden Betrachtungen im Schattenbereich dagegen geben an, welcher Nutzen vom Schallschirm
erwartet werden kann.
c) Schattengrenze
ϕ = π + ϕ0
und
π
ϕ + ϕ0
= + ϕ0 .
2
2
Das Argument der Fresnel-Integrale für φ+ ist, wegen cos((ϕ − ϕ0 )/2) = 0,
ebenfalls gleich Null, und es ist mit S = C = 0
φ+ =
1−j
.
2
(5.117)
d) Schattengebiet
Im Schattengebiet
ϕ > ϕ0 + π
gilt
π
ϕ − ϕ0
>
2
2
und
π
ϕ + ϕ0
> + ϕ0 .
2
2
Diesmal sind die Argumente aller Fresnel-Integrale negativ, und es ist deshalb
nach Gl. (5.114)
2 ϕ−ϕ0
je−j2kr cos ( 2 )
φ+ ≈ √
√
0
2π 2kr cos ϕ−ϕ
2
je−j2kr cos (
φ− ≈ √
√
2π 2kr cos
2
ϕ − ϕ0
π
=
2
2
(5.116)
RE = 6 dB .
<0.
Es ist also φ+ ≈ 1 − j, für die vorausgesetzten großen Abstände kr 1
dagegen wird φ− nach Gl. (5.114) klein und kann deswegen gegenüber φ+
vernachlässigt werden. Demnach besteht das Gesamtfeld nach Gl. (5.101)
gilt
115
π − ϕ0 < ϕ < π + ϕ0 ,
Aus diesem Grund ist
Auf der Schattengrenze
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
ϕ+ϕ0
2
)
ϕ+ϕ0
2
.
Demnach gilt für den Druck
j − 1 e−jkr
p = pQ (0) √ √
2 2π 2kr
(
1
cos
ϕ−ϕ0
2
+
1
cos
ϕ+ϕ0
2
)
(5.118)
(für die Argumente der Exponentialfunktionen ist von cos(α) − 2 cos2 (α/2) =
cos(α) − (1 + cos(α)) = −1 Gebrauch gemacht worden).
116
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
Für Betrachtungen im Schatten ist es recht naheliegend zu vermuten, dass
es auf den Abstand eines Punktes zur Schattengrenze ϕ = ϕ0 + π ankommt.
Aus diesem Grund sei hier der sogenannte Beugungswinkel β eingeführt. Er
zählt relativ zur Schattengrenze, d. h. es gilt
117
Schall-Einfall
ϕ = π + ϕ0 + β .
Für die beiden Winkelausdrücke in Gl. (5.118) ist also
β
ϕ − ϕ0
= sin
cos
2
2
und
cos
ϕ + ϕ0
2
= sin
β
+ ϕ0
2
Schallschirm
b
.
b
Für kleine Beugungswinkel gelten die hier für das Schattengebiet abgeleiteten Näherungen ohnedies nicht (siehe die obigen Bemerkungen zur Schattengrenze), man muss also mittlere bis größere“ Beugungswinkel voraussetzen.
”
Für (etwa) 30 ◦ < β < 120 ◦ und 0 ◦ < ϕ0 < 90 ◦ unterscheiden sich aber
sin(β/2 + ϕ0 ) und sin(β/2) nicht sehr. Man darf deshalb in Gl. (5.118) den
zweiten Term durch den ersten abschätzen:
e−jkr
(j − 1)
,
p ≈ pQ (0) √
√
2π
2kr sin β
(5.119)
2
für das Einfügungsdämmmaß gilt dann
pQ (0)
RE = 10 lg
p
2
β
≈ 10 lg 4π
sin
.
λ
2
2r
2
(5.120)
Der darin enthaltene Ausdruck 2r sin2 (β/2) lässt sich noch geometrisch deuten. Er ist nämlich gleich dem Unterschied U aus dem Weg, den ein Schallstrahl von der weit entfernten Quelle abknickend“ über die Schirmkante zum
”
Aufpunkt nimmt, und aus dem direkten“ Weg des Schallstrahles zum Auf”
punkt bei weggelassener Wand (Bild 5.20). Diese Wegdifferenz heißt Umweg
U , für ihn gilt nach Bild 5.20
β
U = r − D = r − r cos β = r (1 − cos β) = 2r sin2
,
2
und folglich ist
RE ≈ 10 lg 2π
2U
λ
.
..
r
(5.121)
Gleichung (5.121) heißt Umweggesetz“, weil es besagt, dass die von Schall”
schutzwänden hervorgerufene Einfügungsdämmung nur vom Verhältnis aus
Umweg und Wellenlänge abhängt.
D
Abb. 5.20. Schallumweg U = Kantenweg r - Direktweg D
Praktisch alle Berechnungen der Wirkung von Schallschutzwänden (siehe
z. B. VDI 2720: Schallschutz durch Abschirmung im Freien) werden auch heute
noch nach Gl. (5.121) oder jedenfalls doch nach einer sehr ähnlichen Näherung
durchgeführt. In dieser Richtlinie (und auch sonst manchmal in der Literatur)
wird der Umweg (etwas unanschaulich) als z-Wert“ bezeichnet. Das Umweg”
prinzip wird auch auf Quellen mit endlichem Wandabstand angewandt. Der
Umweg wird dann aus der weiter unten noch genannten geometrischen Betrachtung berechnet. Die Reflexion am Boden wird vernachlässigt.
Nach Gl. (5.121) sind die folgenden prinzipiellen Tendenzen für Schallschutzwände zu erwarten:
•
•
•
Das Einfügungsdämmmaß ist frequenzabhängig, für tiefe Frequenzen ist
die Wirkung schlechter als für hohe Frequenzen.
Möglichst hohe Schallschutzwände sind für möglichst große Umwege erforderlich.
Tiefliegende Quellen direkt auf Straße oder Schiene sind für die abschattende Wirkung günstiger als hochliegende Schallerzeuger.
Das Reifengeräusch eines LKW wird also besser abgeschattet als ein hochliegendes, offenes Auspuffrohr. Bei Eisenbahnzügen ist die Wandwirkung für
die Lok schlechter als für den angehängten Wagen, weil beim Wagen fast nur
der Rad-Schiene-Kontakt, bei der Lok jedoch auch noch die obenliegenden
Luftschlitze für den Motor zählen.
118
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
Näherung für das Einfügungsdämmmaß
30
(5.123)
und tanh bezeichnet den hyperbolischen Tangens. Gl. (5.122) ist dem Taschenbuch der Technischen Akustik (Springer-Verlag, Berlin 2004, Herausgeber G.
Müller und M. Möser) entnommen.
Die Genauigkeit der von der Näherung Gl. (5.122) gemachten Aussage
lässt sich untersuchen, indem sie mit dem Ergebnis aus der exakten Gleichung (5.101) verglichen wird. Dazu wählt man (bei festem Einfallswinkel
ϕ0 ) am besten U/λ als unabhängige Variable und zeichnet eine Kurvenschar
für das Einfügungsdämmmaß mit dem Beugungswinkel als Parameter. Die für
die nummerische Auswertung mit Hilfe von Gl. (5.101) erforderlichen Größen
ergeben sich dann aus
r
U
1
=
λ
λ 2 sin2 (β/2)
und aus ϕ = ϕ0 + π + β. Die so berechnete Kurvenschar ist in Bild 5.21
wiedergegeben. Wie man sieht, ergeben sich im gezeigten Intervall von Beugungswinkeln Fehler von höchstens 2 dB. Sollen die Ergebnisse noch genauer
sein, dann muss man entweder selbst Gl. (5.101) programmieren oder die in
Bild 5.22 eingetragenen Kurven benutzen (sie sind nach Gl. (5.101) gerechnet).
Wie man in Bild 5.21 erkennen kann, gibt Gl. (5.122) auch für kleine
Beugungswinkel β eine recht genaue Näherung an. An der Schattengrenze N =
0 ist nach Gl. (5.122) RE = 5 dB (wegen tanh(x) = x für kleine x); der vorne
abgeleitete, korrekte Wert von 6 dB wird also nur ganz
√ knapp unterschritten.
Für Fresnel-Zahlen N > 0, 36 gilt 0, 9 < tanh( 2πN ) ≤ 1. Der Rechenfehler beträgt für N > 0, 36 deshalb stets weniger als 1 dB, wenn man den
hyperbolischen Tangens in (5.122) gleich 1 setzt. Mit der in der Akustik üblichen Genauigkeit gilt also für N > 0, 36
RE = 10 lg (2πN ) + 5 dB .
(5.124)
Die Bestimmung der Einfügungsdämmung ist damit auf rein geometrische
Betrachtungen reduziert, deren qualitative und quantitative Bedeutung für
die praktische Anwendung hier noch diskutiert werden sollen. Bild (5.23) zeigt
eine typische Anordnung aus Quelle (Abstand aQ zur Wand), Schallschirm der
Näherung
Einfügungsdämmmaß /dB
Darin ist N die sogenannte Fresnel-Zahl
β = 10°, 20°, 30°, ... ,80°
25
20
exakt
15
10
5
0
1
2
4
8
16
Umweg U/λ
Abb. 5.21. Vergleich der Näherung Gl. (5.122) (durchgezogene Linie) mit der exakten Rechnung (gestrichelt) nach Gl. (5.101), gerechnet für ϕ0 = 45 ◦
25
0
β= 45
20
Einfügungsdämmmaß/dB
Obwohl das Umweggesetz sicher die wesentlichen Grundprinzipien bei der
Abschirmung herausstellt, ist es doch in der Angabe des tatsächlichen Einfügungsdämmmaßes ungenau. Eine noch genauere Näherung für den wahren
Sachverhalt erhält man aus der folgenden Näherungsgleichung:
!
√
2πN
√
+ 5 dB .
(5.122)
RE = 20 lg
tanh( 2πN )
N = 2U/λ
119
200
15
150
0
10
10
50
5
0
1
β= 00
2
4
8
16
r/λ
Abb. 5.22. Einfügungsdämmmaß nach Gl. (5.101) für kleinere Beugungswinkel,
gerechnet für ϕ0 = 45 ◦
Höhe hS (über der Quelle) und Einwirkungsort E, der um hE über der Quelle
liege und den Abstand aE von der Wand besitze. Bei Straße oder Schiene liegen
die Hauptquellen auf dem Fahrweg; die Höhen hS und hE zählen dann relativ
zu diesem. Für den Kantenweg K (=Strahlenweg von Q nach E über die
120
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
Schallschutzwand
E, Empfänger,
Einwirkungsort
hS
hE
Q, Quelle
aE
aQ
Boden
Abb. 5.23. Anordnung aus Quelle Q, Schallschutzwand der Höhe hS und Einwirkungsort E
Schirmspitze) folgt nach zweimaliger Anwendung des Satzes von Pythagoras
q
q
K = h2S + a2Q + (hS − hE )2 + a2E ,
für den Direktweg gilt
D=
q
h2E + (aE + aQ )2 .
Der Umweg U beträgt U = K − D. In der Praxis liegen die schützenswerten
Gebiete fast immer so weit entfernt, dass aE >> hS gilt. Typisch sind gewiss
Entfernungen aE von mindestens 100 Metern oder sogar mehreren hundert
Metern und Schirmhöhen von selten mehr als 5 Metern. Praktisch immer gilt
also aE >> hS . Die Ausdrücke mit (hS − hE )2 bzw. mit h2E sind also sehr viel
kleiner als a2E , solange hE nicht zu sehr über die Schirmhöhe hS hinauswächst.
Betrüge beispielsweise aE = 20(hS − hE ), dann wäre ja (hS − hE )2 = a2E /400
eine vergleichsweise außerordentlich kleine Zahl, die den Wert der betroffenen
Wurzel fast nicht beeinflusst. Die quadratisch kleinen Terme in den Wurzeln
können also vernachlässigt werden. Dafür erhält man
q
K = h2S + a2Q + aE
und
D = aE + aQ .
Für grosse Abstände aE hängt also der Umweg U mit
q
U = K − D = h2S + a2Q − aQ
(5.125)
fast nicht von Messabstand aE und Messpunkthöhe hE ab. Das Einfügungsdämmmaß wird daher ausschließlich durch Quellabstand aQ und Schirmhöhe
hS bestimmt, es ist fast unabhängig von der Wahl des Empfangspunktes E.
Aus dieser Überlegung kann auch die realistische Größenordnung des Einfügungsdämmmaßes abgeschätzt werden. Als Beispiel sei eine (etwa übliche)
5 m Wand an einer breiten, dreispurigen Straße betrachtet. Die Spurbreite
beträgt etwa 3,5 m, hinzu kommen noch einmal 3 m Abstand vom Fahrbahnrand zur Schallschutzwand (z. B. für die Standspur). In etwa kann man die
121
Quelle in der Straßenmitte, also in ungefähr 8 m Entfernung zur Wand annehmen. Damit ergibt sich ein Umweg von 1,43 m. Die Schwerpunktfrequenz für
Verkehrslärm liegt bei etwa 1000 Hz mit λ = 0, 34 m. Die Fresnelzahl beträgt
damit N = 8, 44. Wegen N > 0, 36 kann Gl. (5.124) benutzt werden, und aus
ihr ergibt sich RE = 22, 2 dB.
Bemerkenswert ist noch, dass der Umweg U über dem Abstand aQ zwischen Wand und Quelle monoton abnimmt. Die Wirkung der Schallschutzwand ist also um so größer, je näher Quelle und Wand zusammengebracht
werden können.
5.4.2 Bedeutung der Höhe von Schallschutzwänden
Natürlich fragt sich noch, welche Vorteile eine vergrößerte Bauhöhe der Wand
zu bieten hat. Wenn bei ansonsten unveränderter Situation eine höhere Schallschutzwand h2 gegenüber der bisherigen Höhe h1 vorgesehen wird, dann wird
damit der Vorteil ∆R
U2
(5.126)
∆R = 10 lg
U1
für das Einfügungsdämmmaß erreicht. Dabei bezeichnen U1 und U2 die zu
h1 und h2 gehörenden Umwege. Der gewonnene Vorteil hängt jetzt noch vom
Quellabstand ab. Das Intervall, in dem der Zugewinn ∆R liegen muss, kann
allgemein jedoch einfach eingeschätzt werden. Der minimale Zugewinn ergibt
sich dann, wenn die Wand bereits gut wirkt“; das ist der Fall für einen kleinen
”
Wandabstand zur Quelle. Dann sind nach Gl. (5.125) die Umwege gleich den
Höhen und es gilt
h2
∆Rmin = 10 lg
.
(5.127)
h1
Für weit entfernte Quellen andererseits, deren Abstand a viel größer ist als
die Wandhöhe h, gilt etwa
p
a2 + h2 ≈ a +
h2
,
2a
also beträgt der Umweg U ≈ h2 /2a. Deswegen gilt
h2
∆Rmax = 20 lg
= 2∆Rmin .
h1
(5.128)
(5.129)
Für weit entfernte Quellen wirkt sich also ein Bauhöhenzuwachs in einem
größeren Dämmungsgewinn aus als für nah an der Wand angesiedelte Quellen. Die Verbesserungen sind dabei - jedenfalls unter realistischen Annahmen - nicht allzu hoch. Wird z. B. statt einer Wand von 5 m Höhe eine mit
6 m Höhe gebaut, dann liegt der Zugewinn an Dämmung zwischen 0,8 dB
und 1,6 dB, abhängig von der Lage der Quelle. Selbst die Verdopplung der
Bauhöhe bewirkt nur Verbesserungen zwischen 3 und 6 dB. Hohe erforderliche Einfügungsdämmmaße sind bei Schallschutzwänden recht teuer.
122
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
123
Wie das Beispiel im vorigen Abschnitt zeigt, können Schallschutzwände
grob etwa 20 dB Einfügungsdämmung erzielen. Noch deutlich größere Dämmmaße würden wahre Wand-Giganten erforderlich machen. Schallschutzwände
bilden damit gewiss ein wichtiges Hilfsmittel zur Lärmbekämpfung; ebenso
gewiss stellen sie allerdings auch kein Allheilmittel dar.
5.4.3 Schallschutzwälle
Das einfache Modell eines Hindernisses in Form einer halbunendlichen Wand
hat eine recht übersichtliche Beschreibung des Beugungs- und Reflexionsgeschehens ergeben. Dafür sind doch einige Fragen offen geblieben. Lassen sich
z. B. die Berechnungsvorschriften ohne weiteres auch auf andere Geometrien,
wie zum Beispiel auf Schallschutzwälle an Stelle von Wänden, übertragen?
Z. B. lässt sich auch die Wirkung keilförmiger Schallschutzwände (also von
Schallschutzwällen) theoretisch berechnen (siehe die Bilder 5.24 und 5.25).
Abb. 5.25. Reflexion und Beugung an keilförmigen Schallschutzwällen
25
Zwei numerische Auswertungen davon seien hier noch in den Bildern 5.24
und 5.25 wiedergegeben. Wie man in Bild 5.24 erkennt, spielt der Öffnungswinkel unterhalb von 90 ◦ praktisch keine Rolle, man kann also für γ < 90 ◦
ganz zu recht das Umweggesetz benutzen, oberhalb von 90 ◦ dagegen werden
die Abweichungen vom Umweggesetz rasch signifikant, hier liegen schlechtere
RE vor als sie sich für die gestreckte halbunendliche Schneide ergeben würden.
Öffnungswinkel von mehr als 120 ◦ kommen durchaus bei Hausdächern und
aufgeschütteten Erdwällen vor; wie man sieht muss man mit zum Teil nicht
unerheblichen Einbußen bei der Schalldämmung gegenüber gleich hohen, gestreckten Wänden rechnen.
Einfügungsdämmmaß/dB
20
15
10
Keilöffnungswinkel in Grad =
0, 30, 60, 90, 120
5
0
0
5.4.4 Absorbierende Schallschutzwände
5
1
2
4
r/λ
Abb. 5.24. Einfügungsdämmmaß von keilförmigen Schallschutzwällen, gerechnet
für den Einfallswinkel ϕ0 = 60 ◦ und den Beugungswinkel β = 60 ◦
Die zur Berechnung erforderliche Gleichung ist bereits bekannt (nämlich
Gl. (5.99)), wobei für die Ordnungs-Zahlen ν = nπ/α = nπ/(2π − γ) gilt (γ =
Öffnungswinkel des Keiles innen“). Hier scheint keine andere Ausdrucksform
”
durch einfacher handhabbare Funktionen bekannt zu sein; deshalb wird die
Summation direkt ohne weitere Umformung programmiert, wobei man sich
zunächst (wie weiter oben geschildert) darüber Gedanken machen muss, wo
die Summe abgebrochen werden kann.
Bei großen Geräuscherzeugern wie z. B. Lastkraftwagen oder Eisenbahnzügen
liegen die eigentlichen Quellen zwar tief, sie bestehen nämlich wie gesagt
hauptsächlich aus Reifengeräusch oder Rollgeräusch des Rad-Schiene-Kontaktes. Das Schallfeld wird aber auf einem Zick-Zack-Kurs wie in Bild 5.26
nach oben geführt und trifft dann schließlich unter einem für die Abschirmwirkung recht ungünstigen Winkel auf die Kante. Dieser Effekt bewirkt quasi eine
Verlagerung der Quelle von Schiene oder Straße zu einem viel höher gelegenen Ort. Dadurch sinkt die dämmende Wirkung ganz beträchtlich. Vermieden
werden kann dieser Effekt durch die Benutzung von quellseitig absorbierenden
Schallschutzwänden, nur diese werden heute fast ausschließlich in der Praxis
eingesetzt. Eine robuste, wetterbeständige und feuerfeste Absorptionsschicht
kann zum Beispiel aus einer Mischung aus Beton, Holzfasern und Luft hergestellt werden. Messbeispiele für die Wirkung der absorbierenden Belegung im
Schattengebiet hinter der Wand gibt Bild 5.27.
124
Y
Y
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.4 Abschirmwände und Abschirmwälle
125
In Bild 5.27 sind die Pegelminderungen angegeben, die sich durch die quellseitige Wandabsorption gegenüber einer reflektierenden Wand ergeben. Bei
der Messung wurde dazu die absorbierende Wand-Belegung mit Blechen abgedeckt, die Pegel sind und mit und ohne diese Abdeckung ermittelt worden. Die
so bestimmten Verbesserungen waren beträchtlich, wie Bild 5.27 lehrt. Auch
der qualitative Zusammenhang zwischen Abschirmwirkung und Absorption
ist hier nachgewiesen: Der höchste Absorptionsgrad führt auch zur größten
Pegeldifferenz.
Es zeigt sich allerdings, dass diese großen Verbesserungen sehr rasch mit
dem Abstand zwischen Reflektor (in Bild 5.26: das Fahrzeug) und Schallschutzwand nachlassen. Bei einem Abstand, der gleich der Höhe der Schallschutzwand ist, bleiben nur etwa 3 dB Verbesserung durch die Absorption
übrig. Weil dieser Effekt auch nur für große Fahrzeuge wie Lastkraftwagen
auftritt und bei den kleinen Quellen wie Personenwagen und Motorrädern
nicht vorkommt, spielt die Absorption von Schallschutzwänden an Straßen
hinsichtlich des Immissionspegels nur eine sehr kleine, unbedeutende Rolle.
Wand ohne
Absorption
Straße
Wand mit
Absorption
Straße
Abb. 5.26. Prinzipweg des Schallstrahles von der Quelle zur Schirmkante bei Schallschutzwänden mit oder ohne Absorption auf der Quellseite
20
Absorber Hohlkammer
15
Peheldifferenz/dB
Absorber Pilzform
10
5
5.4.5 Schalldurchgang
Schließlich wäre noch zu erwähnen, dass auch der Schalldurchgang durch die
Wand selbst eine Rolle spielen kann, wenn die Schallschutzwand keine ausreichende Schalldämmung besitzt. Die Schallversorung auf der Wandrückseite
vollzieht sich sowohl durch die oben behandelte Beugung als auch durch die
Wand hindurch. Allgemein sind also zwei Übertragungswege zu berücksichtigen. Sie seien hier durch die Transmissionsgrade τB für den Beugungspfad
und durch τD für den Durchgangspfad bezeichnet. Das zu den Transmissionsgraden gehörende Schalldämmmaß beträgt nach dessen Definition
1
.
(5.130)
R = 10 lg
τ
Weil für beide Wege ein und dieselbe Quelle zählt, gilt für den GesamtTransmissionsgrad
τges = τB + τD .
(5.131)
Faseton Welle
0
Deswegen besteht das Gesamt-Dämmmaß aus
−5
125
250
500
1000
2000
4000
Frequenz/Hz
Abb. 5.27. Terzpegelminderung im örtlichen Mittel (30 Messpositionen) durch
absorbierende Belegung, gemessen hinter einer 3,5 m hohen Wand bei LKWVorbeifahrt (LKW-Höhe ebenfalls 3,5 m) in 1 m Abstand von der Wand für drei unterschiedliche absorbierende Belegungen. Wände der Fa. Rieder, Maishofen, Österreich.
Rges = 10 lg
1
1
1
.
= 10 lg
= 10 lg −R /10
τges
τB + τD
10 B
+ 10−RD /10
(5.132)
Etwas übersichtlicher kann man dafür auch
Rges = 10 lg
10RB /10
= RB − 10 lg(1 + 10(RB −RD )/10 )
1 + 10(RB −RD )/10
(5.133)
schreiben. Demnach bewirkt ein Durchgangsdämmmaß von RD = RB eine
Verschlechterung von 3 dB in der Gesamtwirkung gegenüber einer sehr gut
126
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.5 Abstrahlung und Beugung im dreidimensionalen Raum
dämmenden Wand. Für RD = RB + 6 dB beträgt das Gesamt-Dämmmaß
Rges = RB − 1 dB; für RD = RB + 10 dB gilt schließlich Rges = RB − 0, 4 dB.
Wie oben gezeigt, sind selbst kleinere Zugewinne an Dämmung oft nur mit
nicht unbeträchtlichen Bauhöhenzuwächsen erreichbar. Deshalb sollte wenigstens beim Schalldurchgang keine Dämmung verschenkt“ und etwa RD =
”
RB + 6 dB angestrebt werden.
Es ist naheliegend, die Dämmung von Schallschutzwänden durch aufgesetzte
Zylinder zu beeinflussen: wenn man oben auf der Kante einen schallweichen
Zylinder z = 0 anbringt, dann macht das Schallfeld - wie in Abschnitt 5.3.3
beschrieben - einen Bogen“ um diesen Reflektor, weil es sich an Flächen z = 0
”
nicht anlegen kann. Das müsste doch in einem längerem Umweg bei gleichzeitig nur geringer Bauhöhen-Vergrößerung der Konstruktion resultieren; es
ließen sich also so Schallschutzwände bauen, die akustisch höher“ sind als
”
optisch“. Dieser Gedanke wird in den Arbeiten von M. Möser: Die Wir”
kung von zylindrischen Aufsätzen an Schallschirmen, ACUSTICA 81 (1995),
S. 565-586, näher untersucht.
5.5 Abstrahlung und Beugung im dreidimensionalen
Raum
Es sei angenommen, dass die radial nach außen weisende Schallschnelle v(ϕ, z)
auf einem Zylinder r = a überall bekannt sei. Dieses Problem ist leicht zu
lösen, wenn man alle Feldgrößen hinsichtlich der z-Richtung fouriertransformiert:
V (k, ϕ) =
P (k, r, ϕ) =
v(ϕ, z) e−jkz dz
(5.134)
p(r, ϕ, z) e−jkz dz
(5.135)
−∞
R∞
−∞
Der Vergleich mit Gl. (5.13) zeigt sich: Der ganze Unterschied zu den zweidimensionalen Problemen besteht darin, dass an die Stelle von k02 hier nun
k02 − k 2 tritt. Für Ansätze der Form (der Einfachheit halber ist p(ϕ) = p(−ϕ)
angenommen)
∞
X
P (k, ϕ, r) =
cos(nϕ) fn (r)
(5.138)
n=0
erhält man also diesmal
5.4.6 Beugung an Wänden mit aufgesetzten Zylindern
R∞
127
Wenn P einmal bekannt ist, dann braucht man nur noch die Rücktransformation
Z∞
1
p(r, ϕ, z) =
P (k, r, ϕ) ejkz dk
(5.136)
2π
−∞
auszuführen und erhält den Druck p.
Die Wellengleichung (5.12) wird ebenfalls über z fouriertransformiert und liefert
∂2P
1 ∂P
1 ∂2P
+
+
+ k02 − k 2 P = 0
(5.137)
∂r2
r ∂r
r2 ∂ϕ2
(2)
fn (r) = An · H(1)
n (kr r) + Bn Hn (kr r)
(5.139)
kr2 = k02 − k 2
(5.140)
worin
Weil kr2 größer oder kleiner als Null sein kann, ist kr reell oder imaginär. Es
ist empfehlenswert, das Vorzeichen beim Wurzelziehen jetzt zu definieren:
( p
k02 > k 2
+ k02 − k 2
p
(5.141)
kr =
2
2
−j k − k0 k02 < k 2
Offensichtlich können diesmal - abhängig von k - auch Bessel- und Hankelfunktionen eines imaginären Arguments auftreten. Sie bereiten keinerlei nummerische Schwierigkeiten (MATLAB R z. B. lässt allgemein komplexe Argumente zu). Auch die Gleichungen (5.19) bis (5.30) behalten für komplexe x
ihre Gültigkeit. Gleichung (5.21) liefert folgende anschauliche Zuordnungen:
(2)
Hn (kr r) beschreibt
•
•
(2)
für reelles kr eine in r-Richtung nach außen laufende Welle, Hn ∼ e−jkr r ,
für imaginäres kr = −j|kr | ein nach außen exponentiell abklingendes Feld,
(2)
Hn ∼ e−|kr |r ,
(1)
und Hn (kr r) beschreibt
•
•
für reelles kr eine entgegen der r-Richtung nach innen laufende Welle,
(2)
Hn ∼ ejkr r
und für imaginäres kr = −j|kr | ein nach innen exponentiell abklingendes
(2)
Feld, Hn ∼ e|kr |r .
Für das Abstrahl-Problem macht man daher den Ansatz
P (k, ϕ, r) =
∞
X
n=0
An cos(nϕ) H(2)
n (kr r)
(5.142)
128
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.6 Schallausbreitung in Rohren (Kundtsches Rohr)
Es müssen nun nur noch (auf genau dem gleichen Weg wie in Abschnitt 5.3.2
beschrieben) die Koeffizienten An aus V (k, ϕ) bestimmt werden, und das Problem ist gelöst. Für Aufgabenstellungen, in denen Reflexionen vorkommen
können (Beugung am Zylinder z. B.), muss man natürlich
P (k, ϕ, r) =
∞
X
n
o
(1)
cos(nϕ) An H(2)
n (kr r) + Bn Hn (kr r)
(5.143)
n=0
ansetzen. Punkt-Quellen ließen sich durch
v(a + ε) − v(a − ε) = Q δ(ϕ − ϕ0 ) · δ(z)
(5.144)
modellieren.
5.6 Schallausbreitung in Rohren (Kundtsches Rohr)
In diesem Abschnitt wird die Schallausbreitung in einem mit einem Gas
gefüllten Rohr mit Kreisquerschnitt behandelt (Radius = a, z-Achse = RohrAchse). Die Rohrwandung wird dabei
•
•
entweder als schallhart mit vr (r = a, ϕ) = 0
oder als schallweich mit p(r = a, ϕ) = 0
angenommen. Der schallharte Fall kommt z. B. bei den für die Messung von
Absorptionsgraden verwendeten sogenannten Kundtschen Rohren“ vor; oft
”
handelt es sich dabei um Rohre mit einem sehr steifen und schweren Stahlmantel. Schallweiche Rohre würden z. B. einem luftgefüllten Schlauch aus weichem und leichtem Material in Wasser entsprechen. Eine solche Anordnung
ist praktisch sicher nur sehr selten wirklich auch von Interesse. Andererseits
bedeutet die Mit-Behandlung des schallweichen Zylinders bei der Betrachtung des schallharten Falles nur eine recht geringfügige Mehrarbeit. Überdies
besteht zwischen den Glasfaserkabeln zur Leitung von Licht und gerade dem
schallweichen, gasgefüllten Zylinder eine Analogie, so dass vielleicht schon aus
diesem Grund der zusätzliche Aufwand lohnt.
Zur Bestimmung des Schallfeldes im Inneren des Rohres geht man von
dem naheliegenden Ansatz
p(r, ϕ, z) =
∞
X
Rn (r) cos(nϕ) e−jkz z
(5.145)
n=0
aus. Dabei sind die beiden folgende Annahmen und Überlegungen berücksichtigt worden:
•
Bezüglich der Umfangsrichtung ϕ wurde Symmetrie p(−ϕ) = p(ϕ) vorausgesetzt; falls das nicht der Fall ist, muss die Lösung wie vorne um den
ungeraden Anteil ergänzt werden.
•
129
Hinsichtlich der Rohr-Längsrichtung z ist eine Wellenausbreitung mit den
zunächst noch unbekannten Wellenzahlen kz angenommen worden. Falls
man imaginäre kz erhält, liegen exponentiell abklingende Nahfelder vor.
Zunächst müssen die noch nicht bestimmten Funktionen Rn (r) aus der
Helmholtz-Gleichung 5.12 bestimmt werden. Durch Einsetzen der Summanden des Ansatzes (5.145) erhält man
1 dRn
n2
d2 Rn
2
2
+
(5.146)
+ k0 − kz − 2 Rn = 0 .
dr2
r dr
r
Der Vergleich mit der Differentialgleichung (5.16) mit den Lösungen Jn (k0 r)
und Nn (k0 r) zeigt, dass auch diesmal die Lösungen Rn in Bessel- und
Neumann-Funktionen bestehen
Rn (r) = an Jn (qr) + bn Nn (qr)
nur dass diesmal k0 durch q mit
q 2 = k02 − kz2
(5.147)
ersetzt werden musste. Weil die Neumannfunktionen wieder Pole auf der
Rohrachse r = 0 besitzen, kommen sie hier nicht als Ansatzfunktionen in
Frage. Damit geht der Ansatz Gl. (5.145) über in
p(r, ϕ, z) =
∞
X
an Jn (qr) cos(nϕ) e−jkz z ,
(5.148)
n=0
wobei die Wellenzahlen kz und die Koeffizienten q in den Bessel-Funktionen
noch durch Gl. (5.147) miteinander verknüpft sind. Wie das Folgende zeigt,
folgen die Zahlenwerte von möglichen q direkt aus den Randbedingungen am
Zylinder-Mantel. Man bestimmt nun also alle denkbaren Werte von q und
dann aus Gl. (5.147) die zugehörigen Wellenzahlen für die Ausbreitung entlang der z-Richtung. Dabei müssen natürlich die beiden genannten prinzipiellen Randbedingungen, schallharte Wandung mit vr (r = a, ϕ) = 0 oder
schallweiche Berandung mit p(r = a, ϕ) = 0, getrennt betrachtet werden.
Weil der schallweiche Fall (ein wenig) leichter ist, sei mit ihm begonnen.
Schallweicher Mantel
Ganz offensichtlich müssen die zugelassenen Zahlenwerte von q so beschaffen
sein, dass
Jn (qa) = 0
(5.149)
gilt. Die möglichen qa sind also die Nullstellen der Besselfunktion. Um das
präzise zu formulieren, bezeichnet man die Nullstellen der Besselfunktion
Jn (x) mit xnm . Es gilt also Jn (xnm ) = 0; xnm gibt demnach die m-te Nullstelle der Besselfunktion Jn der Ordnung n an. Die Zahlenwerte von xnm kann
130
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
5.6 Schallausbreitung in Rohren (Kundtsches Rohr)
man im Prinzip dem Bild 5.4 (besser natürlich einer Tabelle) entnehmen; einige Werte sind in der folgenden Tabelle genannt. Dabei sind die Nullstellen
Jn (0) = 0 (n > 0) nicht mit aufgeführt, denn diese Summanden liefern keinen
Beitrag zum Schallfeld und können deshalb einfach weggelassen werden.
Die zugelassenen Werte von q ergeben sich dann aus
q=
xnm
.
a
(5.150)
131
r
Die enthaltenen Lösungs-Bausteine Jn xnm a cos(nϕ) werden als Moden
bezeichnet. Das sind also einfach Ortsfunktionen, die die möglichen DruckQuerverteilungen darstellen. Jedes Schallfeld im Rohr kann nur aus einer
Moden-Summe bestehen. Jede Mode hat dabei eine andere Wellenzahl in Ausbreitungsrichtung z, die sich aus Gl. (5.147) und (5.150) zu
x 2
nm
(5.153)
kz2 = k02 − q 2 = k02 −
a
ergibt. Natürlich kann die rechte Seite positiv oder negativ sein:
Tabelle 5.2. Nullstellen xnm von Jn (x) (es gilt also Jn (xnm ) = 0)
J0 (x):
J1 (x):
J2 (x):
2,405
3,832
5,136
5,520
7,016
8,417
•
Ist kz2 > 0, dann ist die Wurzel kz reell. Es seien nur Wellen betrachtet, die
in z−Richtung laufen (und nicht solche, die sich entgegen der z−Richtung
ausbreiten); dafür wird dann die positive Wurzel kz = |kz | ausgewählt.
Insgesamt erhält man also eine Wellenausbreitung e−jkz z mit der Phasengeschwindigkeit
ω
cz =
(5.154)
kz
•
Für kz2 < 0 ist die Wurzel kz imaginär, d. h. es ist kz = −j|kz |. Es seien nur
Felder betrachtet, die in z−Richtung fallen (und nicht solche, die anwachsen): dafür wird dann, wie gesagt, die Wurzel kz = −j|kz | ausgewählt.
Insgesamt erhält man also exponentielle fallende, sogenannte Nahfelder
der Form e−|kz |z .
8,654
10,17
11,62
Schallharter Mantel
Beim schallharten Mantel besteht der ganze Unterschied darin, dass Gl. (5.149)
durch
J0n (qa) = 0
(5.151)
ersetzt werden muss (wie stets bedeutet das Hochkomma die Ableitung nach
dem Argument). Alles bleibt gleich, nur dass diesmal unter xnm die Nullstellen der Ableitung von Jn (x) zu verstehen sind. Es gilt also J0n (xnm )=0.
Einige Zahlenwerte findet man in der folgenden Tabelle. Wieder sind Nullstellen xnm =0 weggelassen worden, wenn sie keinen Beitrag zum Schallfeld liefern
(das ist für J0 (0) = 0 NICHT der Fall, weswegen das auch mit aufgelistet ist).
Wenn man in wachsenden Frequenzen denkt, dann besteht eine Mode (nm)
zunächst aus einem Nahfeld; erst bei einer gewissen cut-on-Frequenz“ fnm
”
wird sie zur ausbreitungsfähigen Welle. Offensichtlich gilt für die cut-onFrequenz
xnm c
.
(5.155)
ωnm = 2πfnm =
a
Die Phasen-Geschwindigkeiten cz der Moden kann man dann auch durch
cz =
Tabelle 5.3. Nullstellen xnm von J0n (x) (es gilt also J0n (xnm ) = 0)
J00 (x):
J01 (x):
J02 (x):
0
1,841
3,054
3,832
5,331
6,706
0
5,136
8,536
9,969
p(r, ϕ, z) =
n=0 m=1
anm Jn xnm
r
a
−jkz z
cos(nϕ) e
(5.156)
a
ausdrücken. Die Phasen-Geschwindigkeiten sind stets größer als die Geschwindigkeit c der freien Wellen. Die Gruppen-Geschwindigkeiten cG werden aus
In beiden Fällen wird jetzt ein allgemeiner Lösungsansatz formuliert, der
alle Möglichkeiten enthält:
∞ X
∞
X
ω
c
ω
=p
=q
2
kz
xnm 2
2
1
−
( ωnm
k −(
)
ω )
,
(5.152)
Je nach betrachtetem Mantel (weich oder hart) sind nur die entsprechenden
Zahlenwerte Jn (xnm ) = 0 (weich) oder J0n (xnm ) = 0 (hart) zu benutzen.
1
cG = dkz
(5.157)
r
ωnm 2
)
cG = c 1 − (
ω
(5.158)
dω
zu
bestimmt. Die Gruppen-Geschwindigkeiten sind stets kleiner als die Geschwindigkeit c der freien Wellen.
Für den Fall der schallharten Rohrwandung breitet sich zwischen der tiefsten cut-on-Frequenz ω01 =0 und der nächsthöheren cut-on-Frequenz ω11 =
132
5 Randwertprobleme in Zylinderkoordinaten
1, 841 c/a (siehe Tabelle 5.6), also im Frequenzbereich 0 < ω < ω11 , nur die
Mode mit konstanter Querverteilung aus. In ausreichender Entfernung von
der Quelle besteht das Schallfeld also nur noch in
p(r, φ, z) = a01 e−jk0 z .
(5.159)
Oberhalb von ω11 können dann andere ausbreitungsfähige Moden dazu kommen; das Schallfeld im Rohr ist dann nicht mehr eben.
Für den Fall der schallweichen Rohrwandung ist die tiefste vorkommende
cut-on-Frequenz mit ω01 = 2, 405 c/a größer als Null (siehe Tabelle 5.6). Deshalb existieren im Frequenzband ω < ω01 ausschließlich Nahfelder: in diesem Frequenzband findet gar keine Wellenausbreitung statt! Der Wellenleiter
wird erst oberhalb von ω01 sozusagen in Betrieb gesetzt“. Schallweich be”
randete Rohre wären deshalb (im genannten Frequenzbereich) ausgezeichnete
Schalldämpfer. Leider zeigt die Betrachtung der Realisierungsmöglichkeiten,
dass diese nur recht schmalbandig herstellbar sind (siehe Vorlesung Technische
Akustik II ).
Schließlich bliebe noch die Frage offen, wie die bislang noch unbekannt
gebliebenen modalen Amplituden anm berechnet werden können. Natürlich
wird die Größe eines Schallfeldes immer von der Quelle bestimmt, und das
ist auch hier der Fall. Deshalb muss es möglich sein, die modalen Amplituden
aus der Quelle zu berechnen. Am einfachsten nimmt man dazu an, dass die
z-gerichtete Schallschnelle an der beliebig gewählten Stelle z = 0 bekannt sei:
die Schnellevorgabe vz (r, ϕ) bildet damit die Quelle (die beispielsweise durch
die Schwingungen einer gestreckten Membran dann realisiert werden könnte).
Im nächsten Schritt entwickelt man vz (r, ϕ) nun in Moden-Funktionen
vz (r, ϕ) =
r
cos(nϕ) ,
Vnm Jn xnm
a
n=0 m=1
∞ X
∞
X
(5.160)
(wobei die Koeffizienten Vnm durch Integration über
r
vz (r, ϕ)Jn xnm
cos(nϕ)
a
berechnet werden können) und vergleicht das mit der aus dem Ansatz (5.152)
folgenden Schnelle
vz (r, ϕ, z = 0) =
∞ ∞
1 X X kz
r
anm Jn xnm
cos(nϕ) .
%0 c n=0 m=1 k0
a
Dieser Vergleich liefert
anm = %0 cVnm
k0
,
kz
womit die modalen Amplituden berechnet worden sind.
(5.161)
(5.162)
Literaturverzeichnis
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4.
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Academic Press, New York (1980) Gröbner, W.; Hofreiter, N.: Integraltafel,
4. Auflage, Springer, Wien (1965)
6. Heckl, M.: Abstrahlung von ebenen Schallquellen, ACUSTICA 37 (1977), S.
155 – 166
7. Kuttruff, H.; Quadt, H.P.: Elektroakustische Schallquellen mit ungebündelter Schallabstrahlung, ACUSTICA 41 (1978), S. 1 – 10
8. Kuttruff, H.; Quadt, H.P.: Lautsprecherzeilen mit ungebündelter Schallabstrahlung, Fortschritte der Akustik – DAGA’78, Bad Honnef (1978), S. 637 –
640
9. Kuttruff, H.; Sung, K.M.: Piezoelektrische Ultraschallsender mit ungebündelter Schallabstrahlung, ACUSTICA 43 (1979), S. 162 – 166
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DAGA’85, Bad Honnef (1985), S. 63 – 70
11. Möser, M.: Die Wirkung von zylindrischen Aufsätzen an Schallschirmen,
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16. Morse, P.M.; Ingard K.U.: Theoretical Acoustics, McGraw-Hill, New York
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18. Skudrzyk, E.: The Foundations of Acoustics, Springer, Wien (1971)
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