Forschungsbericht Rainer Pöppinghege Nabelschau hinter Stacheldraht? Zum Quellenwert von Kriegsgefangenenzeitschriften Die Beschäftigung mit Kriegsgefangenen steckt noch in den Kinderschuhen. Dies gilt für Altertum, Mittelalter und Frühe Neuzeit ebenso wie für das 19. Jahrhundert'. Doch selbst für das 20. Jahrhundert kann man konstatieren: Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Massenphänomen Kriegsgefangenschaft haben sich bisher nur wenige Historiker zur Aufgabe gemacht^. Dies mag zum einen daran liegen, daß sozialgeschichtlich inspirierte Ansätze erst allmählich den Blick auf die relativ kleine Gruppe der Kriegsgefangenen richten. Andererseits schienen die zur weitgehenden Passivität verurteilten Kriegsgefangenen offensichtlich nicht so interessant wie die aktiven Kombattanten, denen sich inzwischen eine Fülle von Literatur widmet'. Auch bei den Forschungstrends der letzten Jahre - vom Kriegserlebnis zur Kriegserfahrung - kommt das Thema eher unterbelichtet daher. Während sich emsige Forscher zu Hunderten an die Auswertung von Millionen von Feldpostbriefen der Frontsoldaten machen, scheint es so, als hätten Kriegsgefangene kaum eine Zeile geschrieben''. I. Forschungsdefizite zum Thema Kriegsgefangene Dabei bietet sich beim Thema Kriegsgefangene eine Fülle an sozialpsychologischen Eigenheiten, die von denen der Frontsoldaten abweichen. Die prägende Erfahrung der Kriegsgefangenschaft unterscheidet sich fundamental von der der Kombattanten. Vielfach wurden die Kriegsgefangenen - auch auf Grund der Quellenlage - als Objekte behandelt. Die in den Archiven vorhandenen Quellen sind Akten von Kommandobehörden oder zivilen (Hilfs-)Organisationen, die allenfalls einen Blick auf die Lagerorganisation, die Verwendung der Gefangenen als Arbeitskräfte oder die Zensurbestimmungen der Gefangenenpost vermitteln. Der Blick »von oben« ist in letzter Zeit durch den »von unten« aus der Sicht der Siehe In der Hand des Feindes. Kriegsgefangenschaft von der Antike bis zum Zweiten Weltkrieg, hrsg. von Rüdiger Overmans, Köln, Weimar, Wien 1999. Vgl. den Tagungsbericht von Rüdiger Overmans, Kriegsgefangenengeschichte: Ansätze der Forschung und Probleme der Durchführung, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 46 (1998), S. 158-162. Kriegserfahrungen. Studien zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs, hrsg. von Gerhard Hirschfeld [u.a.], Essen 1997. Es erübrigt sich aus Platzgründen, die bereits von Rüdiger Overmans (In der Hand des Feindes - wie Anm. 1 - , S. 483-506) konstatierten Forschungsdefizite zu wiederholen. Milibärgeschichtliche Zeitschrift 59 (2000), S. 183-193 © Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam 184 MGZ59(2000) Rainer Pöppinghege Soldaten ergänzt worden^ Hier zog man konsequenterweise andere Quellenarten heran, um Antworten im Sinne mentalitäts- oder sozialgeschichtlicher Fragestellungen zu erhalten. Was bei den Frontsoldaten durch Tagebücher' oder Briefe eine unüberschaubare Masse ergibt, ist für die Kriegsgefangenen aber bei weitem nicht so gut erschlossen^. Von großem mentalitäts- und sozialgeschichtlichen Interesse - vor allem für die Zeit des Ersten Weltkriegs - ist in diesem Zusammenhang eine publizistische Gattung, die z w a r nicht völlig unbekannt, in den vergangenen Jahrzehnten aber vernachlässigt worden ist: die sogenannten Kriegsgefangenenzeitungen", die wegen ihrer Erscheinungsweise und Aufmachung besser als Zeitschriften bezeichnet werden'. Welche Gründe sind es, die die Geschichtswissenschaft bisher einen großen Bogen um diese publizistische Gattung machen ließ? Z u m einen mag es schlicht Unkenntnis über deren hohen Verbreitungsgrad gewesen sein. Andererseits standen die Zeitschriften möglicherweise unter dem Stigma strenger Zensur - zu Unrecht, wie sich zeigen wird. Schließlich war es der wenig flexible Blick »von oben«, der verhinderte, daß überhaupt andere als offizielle Quellen ins Blickfeld traten. II. Entstehungs- und Funktionskontext Der Quellenwert der Gefangenenzeitschriften läßt sich zunächst anhand der Kriterien bemessen, die für das Medium »Zeitung« allgemein gelten'". Danach bedarf es der exakten historischen Analyse des Inhalts beispielsweise vor der Folie Siehe dazu Klaus Latzel, Vom Kriegserlebnis zur Kriegserfahrung. Theoretische und methodische Überlegungen zur erfahrungsgeschichtlichen Untersuchung von Feldpostbriefen, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen, 56 (1997), S. 1-30. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs siehe Barbara Marx, Stimmen aus dem Stalag XVII B. Das Wartime Log als Bewältigungsversuch einer Extremsituation, in: Krieg und Literatur/War and Literature 1/1995, S. 41-60. Bernd Ulrich, Feldpostbriefe des Ersten Weltkriegs. Möglichkeiten und Grenzen einer alltagsgeschichtlichen Quelle, in: Militärgeschichtliche Mitteilungen, 53 (1994), S. 73-83. Dazu zählt der Autor im engeren Sinne nur die Publikationen, die die Gefangenen selbst redaktionell betreuten, also nicht die zu Propagandazwecken herausgegebenen Gefangenenzeitschriften der jeweiligen kriegführenden Mächte. Im folgenden stehen die Zeitschriften aus dem Ersten Weltkrieg im Mittelpunkt der Betrachtungen, was allein der quantitativen Verteilung geschuldet ist. Dazu gibt es zwei ältere Arbeiten: Rudolf Häußler, Das Nachrichten- und Pressewesen der feindlichen Kriegsgefangenen in Deutschland 1914-1918, Berlin 1940; sowie Hans Bayer, Das Presse- und Nachrichtenwesen der im Weltkrieg kriegsgefangenen Deutschen, Berlin 1939. Ein zeitgenössischer bibliographischer Überblick über die Lagerzeitschriften findet sich in Die Zeitung im deutschen Gefangenen- und Internierungslager. Eine Bibliographie, hrsg. von Stefan Wangart und Richard Hellmann, Bühl 1920. Aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs existieren deutlich weniger Zeitschriften, was auf deutscher Seite auf die Konzeption des Vernichtungskriegs zurückgeführt werden kann, die generell zu einer schlechteren Behandlung der Angehörigen der Feindstaaten führte. Siehe dazu Gregor Ackermann, Literatur und Kriegsgefangene, in: Juni. Magazin für Kultur & Politik, 4(1990), S. 53-61. Siehe die Einleitung in Deutsche Zeitungen des 17. bis 20. Jahrhunderts, hrsg. von HeinzDietrich Fischer, Pullach 1972, bes. S. 20-23. Nabelschau hinter Stacheldraht? 185 des Entstehungsumfeldes, des historischen Kontexts und - wenn möglich - der biographischen Annäherung an den bzw. die Urheber. Gerade der letzte Punkt bereitet Schwierigkeiten, waren viele Artikel trotz anderslautender Vorgaben der jeweiligen Lagerleitung lediglich mit Initialen oder Pseudonym versehen. Dabei kann die Gattung der Kriegsgefangenen- oder Lagerzeitschrift als etwas durchaus Einzigartiges gelten. Zwar gab es schon länger für die an der Front kämpfenden Soldaten sogenannte Schützengraben- oder Armeezeitungen, die Lager-Zeitungen des Ersten Weltkriegs waren jedoch neu - abgesehen von einem zaghaften Versuch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Sie waren Ausdruck institutionalisierter Kommunikationswege innerhalb der Lagerorganisation. Denn die anfänglichen Provisorien waren schnell zu regelrechten Lagerstädten mit Straßen, Plätzen, eigener Bank, Versicherung, Währung und vor allem mehr oder minder festgefügten sozialen Gruppenbezügen geworden. Kurzum: Zur sich ausbildenden Infrastruktur gehörten publizistische Organe. Allerdings waren Kriegsgefangene in ihren Möglichkeiten, sich publizistisch zu äußern - also schriftliche Quellen »zu schaffen« - stets eingeschränkt. Daher besitzen gerade Kriegsgefangenen-Zeitschriften einen hohen Wert als authentische Quelle, die neue Perspektiven der mentalitäts- und sozialgeschichtlichen Forschung ermöglicht". Insbesondere zur subjektiven (Selbst-)Wahrnehmung der Kriegsgefangenen geben sie neue Aufschlüsse. Doch auch die interne Lagerorganisation läßt sich oft nur über die Informationen aus den Zeitschriften fassen. Der Quellenwert dieser Zeitschriften wird noch deutlicher, wirft man einen Blick auf Quellenmaterial, das Ahnliches bieten könnte: Vergleichbare authentische Quellen von Kriegsgefangenen wie Briefe oder im Lager geführte Tagebücher sind bisher nur in Ansätzen zugänglich. Aber auch eine noch so »authentische« Quelle kann Brüche aufweisen: innere wie äußere Zensur, Rücksichtnahme auf potentielle Leser oder unter Umständen Distanzverlust. Authentizität ist also kein Wert an sich, sondern gewinnt erst unter Berücksichtigung der die Quellenart beeinflussenden Faktoren an Bedeutung'^. Wie authentisch sind Kriegsgefangenen-Zeitschriften dann noch, wenn die Berichte nach einem bewußten Reflexionsprozeß vom Autor verfaßt, vom Redakteur ggf. redigiert und die Zensur durchlaufen haben? Die Einschränkungen ebenso wie die Vorzüge, die für die Gattung der Feldpostbriefe gelten", müssen auch bei den Kriegsgefangenen-Zeitschriften ernstgenommen werden. Da Gefangenenbriefe nur spärlich vorhanden sind, bilden die Zeitschriften jedoch die einzige sozialgeschichtliche Erkenntnisquelle über das Leben im Lager. Demgegenüber findet sich eine Flut von Literatur, die im Nachhinein und rückblickend entstand - also bereits durch das Erlebnis von Flucht oder Freilassung Hierzu wird der Autor demnächst eine umfassende Arbeit vorlegen. Einstweilen dazu mit regionalgeschichtlichem Ansatz Rainer Pöppinghege, Leben im Lager. Die Kriegsgefangenen-Zeitschrift »L'Echo du Camp de Rennbahn« als sozialgeschichtliche Que le, in: Westfälische Zeitschrift, 149 (1999), S. 185-197. Zur Authentizität von Feldpostbriefen siehe Bernd Ulrich, »Militärgeschichte von unten«. Anmerkungen zu ihren Ursprüngen, Quellen und Perspektiven im 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft, 22 (1996) bes. S. 501-503. Ebd., S. 480. Vgl. auch S. 492: »Gerade die temporäre Unmittelbarkeit der brieflichen Aufzeichnungen und die Nähe der Autoren zu den Ereignissen sowie ihre Verstrickung in ein noch nicht abgeschlossenes historisches Geschehen, dessen Ende offen ist, könnten in diesem Kontext den Wert des Feldpostbriefes ausmachen.« 186 MGZ59(2000) Rainer Pöppinghege gefiltert sind. Zudem kommen derartige Publikationen vom Stigma der Propaganda nicht los, wenn sie noch zu Kriegszeiten veröffenthcht wurden'". Ebenfalls gefiltert und mit dem Anspruch, die eigenen Taten und Strapazen während der Kriegsjahre zu heroisieren, erschien nach d e m jeweiligen Kriegsende die »ErinnerungsLiteratur«'^. Die individuellen Motive für eine nachträgliche Darstellung des Erlebten - oft Selbststilisierung oder Abrechnung mit den ehemaligen Feindstaaten - sind im einzelnen nicht immer nachzuvollziehen. Doch dürfte die durch die jeweiligen aktuellen politischen Ereignisse aufgeheizte nationale Stimmung für eine gewisse Konjunktur gesorgt haben' Die Existenz der Lagerzeitungen hing im Ersten Weltkrieg sowohl von den jeweiligen Vorgaben des zuständigen Ministeriums ab als auch von den Lagerkommandanturen vor Ort. Allerdings: Noch bevor es Erlasse dieser Behörden gab, waren wenige Wochen nach Kriegsbeginn im Herbst 1914 in verschiedenen Lagern die ersten Zeitschriften für Gefangene entstanden. Dabei gingen die Publikationen meistens auf deren Eigeninitiative zurück. Die Gefangenen wollten mit ihrem Blatt in erster Linie die Langeweile und depressive Stimmung bekämpfen. Insgesamt handelt es sich um mehr als 100 Titel, die in den verschiedenen Lagern in Deutschland zwischen 1914 und 1918 erschienen. Eine ähnliche Zahl konnte für die Zeitschriften der deutschen Gefangenen in aller Welt ermittelt werden'^. Zu unterscheiden wäre in Zeitschriften aus reinen Kriegsgefangenen- und solchen aus Zivilisten-Lagern". Während Kriegsgefangene des Heeres vorwiegend in den Lagern auf dem Kontinent - Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn, Rußland - untergebracht waren, existierten in Ubersee (USA, Kanada, Japan) und Großbritannien Lager, die für deutsche Zivilisten, Flotten- oder Schutztruppenangehörige eingerichtet worden waren". Nur ein Beispiel aus der Masse ist Bruno Schmidt-Reder, In England kriegsgefangen. Meine Erlebnisse in dem Gefangenenlager Dorchester, Berlin 1915. In sämtlichen kriegführenden Staaten erschienen derartige Druckerzeugnisse. Beispielsweise: Escapers all. Being the personal narratives of 15 escapers from wartime prison camps 1914-1918, London 1932. Eine - allerdings nicht repräsentative - bibliographische Auswertung des Autors deutet auf einen interessanten Befund hin: Demnach erschienen die meisten Rückblicke auf die Zeit der Gefangenschaft in England in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg (ca. 66 %), in Deutschland dagegen erst in der zweiten Hälfte der Zwanziger bzw. bis 1933 (ca. 39 %). Dies kann allerdings auch mit drucktechnischen oder finanziellen Schwierigkeiten der deutschen Autoren während der Nachkriegsjahre zu tun haben. Größere Bestände befinden sich beispielsweise im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg, in der British Library in London und in der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz. Die erste im amerikanischen Lager Fort Douglas (Utah) entstandene Ausgabe von »Der Fort-Douglas SCHEINWERFER. Organ der Zivilgefangenen in Fort Douglas, U. 1919« kann eingesehen werden unter: http://www.staff.uiuc.edu/-rcunning/sch2.gif bzw. */sch3.gif und */sch4.gif, <16. November 1999>. Mit dem Gattungsbegriff »foiegsgefangenen-Zeitschriften« bezieht sich der Autor auf beide Gruppen. Im österreichischen Lager Reichenberg interpretierte man den Begriff »Lagerzeitschrift« einzigartig und brachte ein Organ für die Wachmannschaften heraus. Bekanntestes Beispiel im Deutschen Reich war das englische Zivilistenlager Ruhleben bei Berlin, wo mehrere Tausend Briten - Kaufleute, Studenten etc. - untergebracht waren. Die sich über die Jahre formierende soziale Ordnung unter den Internierten brachte auch hier regelmäßig erscheinende Lagerpublikationen hervor: J. Davidson Ketchum, Ruhleben. A Prison Camp Society, Toronto 1965. Nabelschau hinter Stacheldraht? 187 Viele dieser Zeitschriften mußten schon nach wenigen Ausgaben eingestellt werden. Die Gründe konnten finanzieller Natur sein, in Papiermangel bestehen oder darin, daß Redakteure in ein anderes Lager verlegt wurden. Mitunter bereitete auch die Zensur den ambitionierten Projekten ein Ende, denn zensiert wurden die Zeitschriften - zumindest im Deutschen Reich - fast alle. Dies galt insbesondere für das Frühjahr 1917, als das Preußische Kriegsministerium die Lagerzeitschriften für kurze Zeit generell verbot, weil angeblich die Behandlung der deutschen Gefangenen in Frankreich zu wünschen übrig ließ^°. Nur wenige Zeitschriften konnten nach diesem Verbot überhaupt wieder erscheinen. Für die meisten dieser Publikationen bedeuteten das Kriegsende und die Auflösung des Lagers unweigerlich, daß die Zeitschrift ihr Erscheinen einstellen mußte. Allerdings verzögerte sich die Rückkehr der Kriegsgefangenen nach Deutschland um Monate, teilweise um Jahre^'. Und so machten auch die Redakteure - mit der Aussicht auf baldige Situationsänderung - weiter. III. Das Beispiel Münster-Rennbahn Beispielhaft für eine Kriegsgefangenenzeitschrift soll nun das »L'Echo du Camp de Rennbahn« aus Münster vorgestellt werden. Mit über 60 Ausgaben und einer durchschnittlichen Auflage von 7500 bis 7800 Exemplaren zählte es zwischen 1916 und 1918 zu den langlebigsten und auflagenstärksten Lagerzeitschriften im Deutschen Reich. Es wandte sich sowohl in französischer als auch in englischer Sprache an die Insassen der drei münsterischen Lager und die Gefangenen, die in der Umgegend arbeiteten. Indem die Redaktion in der ersten Ausgabe ihre Ziele erläuterte, wies sie auch darauf hin, daß das Leben im Lager den Arbeitseinsätzen vorgezogen wurde. Sie beabsichtigte: »to amuse, to instruct, and to form a link between us and those of our comrades, who are working away from the Camp, and who, consequently, do not enjoy the advantages which fall to the lot of the fortunate minority here^.« Darüber hinaus sahen die Redakteure in ihrer Arbeit etwas Sinnvolles, um das eigene Selbstbewußtsein zu stärken: »We wish everyone to feel that our life here is not altogether wasted, but that we are still capable of carrying on useful work [...]« Der französische Chefredakteur Alran stellte den Selbstverwaltungscharakter des Blattes heraus, betonte jedoch die Oberaufsicht der Lagerverwaltung in Fragen des Inhalts und der Finanzierung^^. Bemerkenswert ist im übrigen, daß das »Echo« erst 1916 ins Leben gerufen wurde, als sich das Lager in der Phase der »Institutionalisierung« befand. Es 20 21 22 23 Aus jener Zeit sind die Akten des Preußischen Kriegsministeriums, das die Zensurbefugnisse an sich gezogen hatte, allerdings weitgehend vernichtet. Gerhard Rose, Krieg nach dem Kriege. Der Kampf des deutschen Volkes um die Heimkehr seiner Kriegsgefangenen, Dortmund 1920. Echo Nr. 1 vom 10.6.1916, S. 3. Ebd., S. 1: »Les services de gestion, de redaction et d'exploitation sont confies ä nos camarades, sous reserve de a censure et du contröle financier de 1'Administration du Camp.« 188 MGZ59(2000) Rainer Pöppinghege existierten bereits eine Schule, verschiedene Freizeiteinrichtungen und soziale Dienste - alles Formen eines ausgeprägten Gemeinwesens. Die Lagerexistenz wurde nicht mehr als Provisorium angesehen, sondern wurde als Dauerzustand hingenommen. Eine regelmäßig erscheinende Zeitschrift untermauerte diesen Eindruck für die Gefangenen. In dem Maße, in dem die Gefangenen sich mit dem Lagerleben identifizierten, wandten sie sich von der äußeren Welt ab - oftmals natürlich notgedrungen. Es entfaltete sich ein unter den gegebenen Bedingungen vergleichsweise reges kulturelles Leben. So gab es nicht nur regelmäßige musikalische Darbietungen durch das lagereigene Orchester, sondern auch Theateraufführungen und Kunstausstellungen. All dies ist ausgiebiges Thema der Lagerzeitschrift. Das » Echo« berichtete in mehreren Beiträgen über Themen aus Naturwissenschaft^^, Geschichte oder Geographie, wobei sich offensichtlich die jeweiligen »Spezialisten« unter den Gefangenen - Lehrer oder Akademiker - als Autoren der Lagerzeitung hervortaten. Nur selten setzte sich das »Echo« mit der näheren Umgebung oder gar den Deutschen auseinander. Jenseits des Lagerzaunes interessierten die Themen Westfalen und Münster nur vereinzelt. Offenbar hatte man keine übermäßig große Lust, sich auf die erzwungene neue Heimat einzulassen - auch dies ein Indiz dafür, daß sich der Blick der Gefangenen nach innen richtete. Eine wöchentliche Kolumne befaßte sich mit den Ereignissen an den verschiedenen Fronten. Das »Echo« nannte in seinen Artikeln bewußt die jeweiligen offiziellen Quellen und relativierte damit deren Informationsgehalt von vornherein. War die deutsche Oberste Heeresleitung die Quelle, so dürften die »Echo«-Leser die Neuigkeiten mit Vorbehalt aufgenommen haben. Eine wichtige Funktion im Sinne der Schaffung eines »Wir-Gefühls« bildeten die in fast jeder Ausgabe veröffentlichten Karikaturen aus dem Lageralltag. Mit spitzer Feder nahmen verschiedene Zeichner beispielsweise das stundenlange Warten auf Pakete aufs Korn. Es handelte sich dabei häufig um Anspielungen, die für jeden Lagerinsassen auf den ersten Blick verständlich waren. Ebenfalls sehr pointiert charakterisierte eine häufig wiederkehrende humoristische Glosse - auch in anderen Lagerzeitschriften - die verschiedenen »Typen« von Gefangenen. Der »Leichtgläubige« oder der Typ »Wichtigtuer« war wohl jedem Gefangenen schon einmal begegnet. Der Wiedererkennungseffekt konnte in einem solchen Fall zur Selbstvergewisserung darüber werden, daß man sich als »Insider« mit der Gruppe identifizieren konnte. Regelmäßig klang im »Echo« die im Lager herrschende Langeweile und depressive Stimmung an. Dies geschah entweder direkt - »Life is monotonous«^' oder aber verklausuliert in Form von Klagen über das »münsterische« Wetter. Der Autor, der sich über »the concentrated climatic horrors of a June day here« ausließ, war beileibe kein EinzelfalP^. Eine andere Ausdrucksform für resignative Stimmungen waren selbstverfaßte Gedichte wie das »UAlphabet de la Resignation« von Paul Lacombe, das im November erschien, also zu einer Jahreszeit, die ohnehin schon trist genug war^^. 21 25 2' 27 Echo Nr. 49 vom 10.11.1917, S. 1 f.: »L'Evolution de la Chimie«. Echo Nr. 12 vom 12.8.1916,5. 3. Echo Nr. 2 vom 17.6.1916, S. 3, »Rain in Rennbahn«. Echo Nr. 50 vom 24.11.1917,5.5. Nabelschau hinter Stacheldraht? 189 IV. Statushierarchie: Lager ohne »echte« Männer? Bei der Quelleninterpretation sind die Ziele zu beachten, die die Herausgeber damit verfolgten. Für die Zeitschriften der Kriegsgefangenen kristallisieren sich drei Motive heraus: 1. Die Dokumentation der eigenen Tätigkeit für die Angehörigen in der Heimat und als Erinnerung für die Zeit nach Kriegsende. Eng verbunden damit war 2. die psychische Stabilisierung, indem man die ansonsten untätig verbrachte Zeit durch die Herausgabe einer Zeitung kompensierte. Und erst zuletzt 3. die Informationsvermittlung an die Mitinsassen und an Gefangene in auswärtigen Kommandos. Der vermeintliche Zwang, sich gegenüber den Frontsoldaten oder auch der »Heimatfront« als wertvolle Individuen zu präsentieren, durchzieht dabei die Zeitschriften aller Jahrgänge. Bezeichnend ist, daß der Akt der Gefangennahme nirgends thematisiert wird. Offenbar empfand man Scham über dieses Ereignis, das die ehemaligen Frontsoldaten zu Soldaten »zweiter Klasse« machte. George L. Mosse hat für die Opfer des sogenannten »Shell-Shock« zusammengefaßt, daß der Krieg als Charakterprüfung empfunden wurde^'. Die Shell-Shock-Opfer - aber auch die Kriegsgefangenen - wichen von der gesellschaftlichen Norm des »echten Mannes« prinzipiell ab. Für letztere kam es daher ganz besonders darauf an, in Zeiten der Untätigkeit an sich zu arbeiten. Man wollte dem Gegner die eigene moralische und charakterliche Überlegenheit beweisen. Auch wenn man nicht aktiv kämpfen konnte, so sollte es dennoch gelten, auch im Lager der Idealvorstellung zu entsprechen. Lagerpfarrer Hartmann aus dem britischen Knockaloe beschäftigte sich in einer undatierten Predigt von ca. 1917/18 mit dieser Denkweise; »Durften wir Feste feiern? Wir, die wir nichts geleistet; Wir feierten Feste! Wir taten das mit aus dem Gedanken heraus, unsere Müdigkeit zu überwinden und Beispiele zu geben, dass wir auch in unserer Mitte etwas geleistet und geschafft haben, dass auch trotz des Drahtzauns und der Gefangenschaft für uns Aufgaben zu leisten waren und seien es auch nur kleine und unbedeutende. Es war eben die Aufgabe, uns frisch zu erhalten, damit wir ungebrochen zurückkehrten und nicht das erreicht war, worauf die Engländer doch vielleicht aus waren, uns alle mürbe zu machen und klein zu kriegen durch die lange Haft, in der wir gehalten waren [...] Und so komme ich zum Schluss nun noch einmal auf das Heimatfest, das uns alle erinnern sollte, an das, was die Heimat geleistet hat in all den Jahren und dass es so unsere eigene Aufgabe sein sollte, auch treu zur Heimat zu stehen, dass auch wir ihr dienten an unserem bescheidenen Teil! Dadurch dienten, dass wir unsere Kräfte wach und frisch erhielten, das war das Heimatgut, für das wir einzustehen, das war das Heimatgut, für das wir zu arbeiten hatten [...] Und wir wissen, dass auch wir wieder mit arbeiten dürfen, wenn der Frieden gekommen, an einer großen Zukunft unseres heiligen deutschen Vaterlandes^'.« 2» 29 George L. Mosse, Shell-shock as a Social Disease, in: Journal of Contemporary History, 35 (2000), S. 101-108. Bundesarchiv Koblenz, R 1414. 190 MGZ 59 (2000) Rainer Pöppinghege Im Editorial der ersten Ausgabe der Kampspiegel-Monatshefte aus dem australischen Liverpool hieß es über die anspruchsvolle Aufmachung der Zeitschrift auf Kunstdruckpapier: »In kurzen Worten, wir haben den Ehrgeiz, trotz unserer Isolierung und sonstiger Schwierigkeiten, in den Monatsheften in Bezug auf künstlerische Ausstattung und Inhalt ein Lager-Erzeugnis zu schaffen, mit dem wir alle später Ehre einlegen können'".« V. Zensur Die Redaktionen bestanden in der Regel ausschließlich aus Kriegsgefangenen, die bis zur Drucklegung allein für den Inhalt und oft auch für die technische Realisierung der Publikationen verantwortlich waren. Im allgemeinen unterlagen die Zeitschriften der direkten Zensur der Lagerkommandantur. Da diese nicht immer einheitlich gehandhabt wurde, konnte es zu nationalen oder sogar lokalen Unterschieden kommen. Beispielsweise war es den ehemaligen Angehörigen der deutschen Schutztruppe von Tsingtao im japanischen Lager Bando möglich, sich politisch zu äußern - in den Lagern der europäischen Kriegsgegner nahezu undenkbar. Im Deutschen Reich galten die Zensurbestimmungen des Kriegspresseamtes''. Für die Kriegsgefangenenlager erließen die jeweiligen Kommandanturen eigene Verordnungen, die durch Aushang bekannt gemacht wurden. Für eine geplante Zeitschrift russischer Offiziere im Lager Halle bestimmte der Kommandant die Voraussetzungen zur Veröffentlichung'^: - beliebige Erscheinungsweise - sämtlich Kosten werden durch Kriegsgefangene aufgebracht - Benennung eines verantwortlichen Redakteurs im Sinne des Presserechts - keine anonymen Artikel - Zensur durch Postprüfungsstelle vor Drucklegung - eigene Vervielfältigung unter deutscher Aufsicht - Druckmaschine unter Verschluß der Lagerleitung Kampspiegel-Monatshefte Nr. 1 vom 24.8.1918. Dieses gab während des Krieges Richtlinien für Redakteure von Zeitungen heraus, u.a. Nachschlagebuch für die Pressezensur, hrsg. von der Oberzensurstelle des Kriegspresseamtes, 3. Aufl., Berlin 1917, S. 131: »In Deutschland erfolgt die Zensur im allgemeinen bei den Zensurstellen der stellvertretenden Generalkommandos, des Oberkommandos in den Marken, Festungsgouvernements und Kommandanturen, für Schriften und Artikel maritimen Inhalts unter Beteiligung der Presseabteilung des Admiralstabs, für solche politischen Inhalts unter Beteiligung der Zensurstelle des Auswärtigen Amts, für Kolonialfragen unter Mitwirkung des Reichs-Kolonialamts. Die gemeinsame Leitung erfolgt durch die Oberzensurstelle in dem der Obersten Heeresleitung unterstellten Kriegspresseamt. Diese beseitigt allgemeine Unsicherheit im Zensurwesen, bezeichnet allgemeine Richtlinien, gibt Anregungen und Gutachten für die Tätigkeit der Zensurstellen bei den Generalkommandos usw.« Kriegssammlung der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz: Angeschlagene Lagerbefehle und Bekanntmachungen Kriegsgefangenenlager Halle 1917/18. Nabelschau hinter Stacheldraht? 191 - »Politische, militärische, soziale, persönliche Anspielungen, welcher Art auch immer, deren Spitze gegen die kriegsführenden Mittelmächte oder einen Zugehörigen derselben gerichtet zu sein scheint, hat die sofortige Aufhebung dieser Erlaubnis durch die Lagerkommandantur zur Folge.« Eine kritische Haltung gegenüber der Lagerleitung fehlte den Lager-Zeitschriften zumindest auf den ersten Blick - das »Lesen zwischen den Zeilen« und die Sensibilität für versteckte Anspielungen blieben den Gefangenen vorbehalten. Damit stößt der Historiker an die Grenzen dieser Quelle: Da sich viele der Artikel in Andeutungen ergingen und Einzelheiten des Lagerlebens direkt zum Thema hatten, besitzen die darin enthaltenen Informationen eine relativ kurze »Halbwertzeit«. Für heutige Historiker und ebenso für Zeitgenossen außerhalb des Lagers ist bzw. war der benutzte »Code« kaum zu knacken. Anders bei allgemeineren Themen: Hier kann man mit einer quellenkritischen Herangehensweise sehr wohl Rückschlüsse auf die psychische Situation und die soziale Gruppenbildung in einem Kriegsgefangenenlager ziehen. Insgesamt ist festzuhalten, daß die publizistischen Möglichkeiten der Gefangenen äußerst eingeschränkt waren. Plakativ gesagt: VVar schon das Lesen von Zeitungen schwierig, so war es das Schreiben erst recht. Allerdings handelt es sich bei den Lagerzeitschriften um Medien, die trotz aller Zensur - im Gegensatz zu den betrieblichen Mitarbeiter- oder den Schützengrabenzeitungen - kaum »von oben« redaktionell instrumentalisiert wurden. So gab es nur in Ausnahmefällen Bestrebungen, in denen die Kommandantur die Insassen direkt über deren Zeitung beeinflussen wollte. Die Motive der Lagerleitungen, den Gefangenen die Redaktion und Drucklegung zu überlassen, lagen wohl in der Absicht, Ruhe und Zufriedenheit im Lager zu sichern - was natürlich auch als Instrumentalisierung aufgefaßt werden kann. Soweit bekannt, gab es aber keine Vereinnahmungsversuche über das »normale« Maß der Zensur hinaus. Ein Medium, das die Handschrift der Kommandobehörden getragen hätte, wäre von den kritischen Lesern kaum angenommen worden". VL Fragen an eine Quellengattung Die verschiedenen Zeitschriften erscheinen als mehrdimensionale Quelle. Dies bezieht sich zum einen auf die äußere Gestalt der Publikationen mit Artikeln, Gedichten, Zeichnungen und Fotos, zum anderen auf die inhaltliche Ebene. Mit allein quantitativen Mitteln der Inhaltsanalyse - zum Beispiel Themengewichtung - sind die Aussagen nur schwer zu fassen. Sie müßten um qualitative Fragen wie die nach der in den Artikeln artikulierten Stimmungslage der Kriegsgefangenen ergänzt werden. Einige generalisierende Aussagen zu den Zeitschriften des Ersten Weltkriegs können aber bei aller Vorsicht getroffen werden. In der Tat gab es solche Versuche, die aber nie aus den Lagern selbst, sondern immer von außen kamen. In Wesel beispielsweise gab eine dort ansässige Französin eine deutschfreundliche Zeitschrift für die französischen Gefangenen in der Festung Wesel heraus. 192 MGZ 59 (2000) Rainer Pöppinghege Eindeutiger thematischer Schwerpunkt waren - wie bereits am Beispiel des »L'Echo du Camp de Rennbahn« aus Münster gesehen - Artikel über das Lagerleben, über den Unterrichtsbetrieb, über Kultur- und Sportveranstaltungen. Dieser Anteil der »Innenansicht« variierte: Kampspiegel Monatshefte (Liverpool, Australien) 76,3 Prozent; Le Canard (Nürnberg) 47,2 Prozent; Quosque tandem (Knockaloe, UK) 59,0 Prozent; Petit Franqais (Gärden/Halle) 30,0 Prozent. Ebenso auffällig wie verständlich ist, daß die redaktionellen Beiträge über die Existenz der Lagerzeitung im Jahr des ersten Erscheinens am höchsten waren - es gab noch Erklärungs- oder Rechtfertigungsbedarf. Danach stand Grundsätzliches zum Selbstverständnis kaum noch auf der Tagesordnung. Der »Canard« aus Nürnberg verzeichnet im Gründungsjahr 1916 beispielsweise 9,2 Prozent an Artikeln über die Zeitschrift selbst, im Folgejahr liegt kein einziger mehr vor. Ähnlich die deutsche Knockaloe-Lager-Zeitung von der Isle of Man: Ab dem Gründungsjahr 1916 sinkt der entsprechende Wert von 8,3 über 7,0 (1917) auf 3,7 Prozent im Jahr 1918. Das eigentliche Kriegsgeschehen taucht nur in den ersten Monaten 1914 und 1915 auf. Entweder verbanden die Kriegsgefangenen die Information darüber anfangs noch mit der Hoffnung, bald freigelassen zu werden. Mit fortschreitender Dauer schien sich diese - und damit das Informationsbedürfnis - zu verflüchtigen. Wahrscheinlich ist aber auch, daß die Zensurüberwachung in den kriegführenden Staaten mit der Zeit besser funktionierte. Demgegenüber gewann das Thema Austauschverhandlungen naturgemäß in den letzten Kriegsmonaten an Bedeutung. Eine Frage, die an jede Quelle gestellt werden muß, ist die nach der Repräsentativität, nach den Möglichkeiten, gewonnene Aussagen zu generaUsieren. Wie bereits erwähnt, existierten im Ersten Weltkrieg allein in Deutschland an die 100 Kriegsgefangenen-Zeitschriften. Die Auflagenhöhe konnte bis zu 8000 Exemplare erreichen. Als Beispiel kann das Lager Münster Rennbahn dienen, zu dem einschließlich der Kommandos 90 000 Gefangene gehörten. Die Zeitschrift »L'Echo du Camp de Rennbahn« erschien mit einer Auflage von maximal 7800 Exemplaren. Der Leser-pro-Ausgabe-Wert dürfte dabei jedoch um ein Vielfaches höher gelegen haben, so daß man von einer flächendeckenden Verbreitung bei der Mehrheit der Gefangenen ausgehen kann. Die Redaktionen beschränkten sich dagegen auf eine überschaubare Zahl. Repräsentativ waren die relativ gebildeten Autoren daher wohl nicht. Die Redakteure waren im Zivilberuf häufig Journalisten, Lehrer oder Schriftsteller und dürften damit zur Bildungselite zu rechnen sein. Was ergibt sich nun für die Frage von öffentlicher und veröffentlichter Meinung im Lager? Die subjektive Wahrnehmung stand bekanntlich im Mittelpunkt der meisten Artikel. Genau diese Wahrnehmung aber teilten die Gefangenen, denn hinsichtlich ihres prägenden Erfahrungshorizonts in der Gefangenschaft waren sie eine homogene Gruppe. Die psychische Ausgangssituation war für alle gleich, es gab wenig Impulse von außen, die durch eine Zeitschrift zu kommunizieren gewesen wären. Unterschiede ergaben sich aufgrund unterschiedlicher Sozialisierungsprozesse. Wer über eine starke Persönlichkeit verfügte oder eine sinnvolle Aufgabe - beispielsweise als Lehrer in der Lagerschule oder Redakteur der Zeitschrift - gefunden hatte, der konnte mit der Situation der Gefangenschaft anders umgehen. Doch allen gemein war die Klage über die Ereignislosigkeit und die Ungewißheit über das weitere Schicksal. Daher dürfte die geäußerte Wahrnehmung tatsächhch dem entsprochen haben, was die Mehrheit fühlte. So wie die Forschung zu den Kriegsgefangenen im Zeitalter des Massenkriegs noch am Anfang steht, so muß sich die Arbeit mit der Gattung der Kriegs- Nabelschau hinter Stacheldraht? 193 gefangenen-Zeitschriften entwickeln. Eine verstärkte Heranziehung erscheint angesichts des Quellenwerts und des Mangels an vergleichbaren Quellen unumgänglich. Wer sich als Lokalhistoriker oder aufgrund mentalitäts- und sozialgeschichtlicher Fragen mit dem Thema Kriegsgefangene beschäftigt, sollte die zu gewinnenden Erkenntnisse dieser Quellenart nutzen - insbesondere für die am besten dokumentierte Zeit des Ersten Weltkriegs. Denn: Kriegsgefangenenzeitschriften unterlagen einer weit weniger strengen Zensur als bisher angenommen und verfügen über einen relativ hohen Grad an Authentizität, den ansonsten nur Briefe bieten. Weiterführende Fragen an diese Gattung könnten sich auf den Ebenen des internationalen Vergleichs, der quantitativen wie qualitativen Inhaltsanalyse, der literatur- und kommunikationswissenschaftlichen und psychologisch-mentalitätsgeschichtlichen Ebene bewegen. Zum Beispiel: 1. Wie unterschieden sich die einzelnen Titel in den verschiedenen Ländern: Gibt es in Deutschland, Frankreich, England oder Japan einen unterschiedlichen Grad an politischen Äußerungen, die trotz Zensur möglich waren? 2. Womit beschäftigen sich die Artikel vorwiegend? Was erfährt man über das tägliche Leben im Lager? In den meisten Lagerzeitschriften geht es vorwiegend um solche gemeinschaftsfördernden Innenansichten, die tatsächlich neue sozialhistorische Erkenntnisse über die enge Verzahnung von Alltag und Freizeit - wenn man in diesen Kategorien überhaupt sprechen kann - bringen. 3. Welche (stilistischen) Unterschiede bestehen in der Verwendung von literarischen Formen und grafischen Elementen. Hier müssen die technischen Mittel angesprochen werden, die in den einzelnen Lagern zur Verfügung standen und die für unterschiedliche Druckqualitäten verantwortlich zeichneten. Oft handelte es sich lediglich um hektographierte Blätter, die vervielfältigt wurden, teils existierten professionelle Titel mit Fotos. 4. Von mentalitätsgeschichtlichem Interesse: Sind in den einzelnen Ausgaben Entwicklungen in der Psyche der Gefangenen erkennbar? Wie schlug sich beispielsweise die ungewisse Aufenthaltsdauer, der starre Frontverlauf oder einfach die Jahreszeit mit zunehmender Dauer in den Artikeln nieder? Und auch die Frage: Wie unterscheiden sich die Publikationen des Jahres 1914 von denen des Jahres 1918 oder gar des Jahres 1944? Gab es eine mentale Prägung der Gefangenen, und resultierte daraus eine »gefangenenspezifische« politische Einstellung in der Nachkriegszeit? 5. Welche Bilder von Realität werden über die Zeitschriften transportiert? Handelt es sich um eine speziell »konstruierte« Realität, die sich so nur unter den Bedingungen der Lagerhaft entfalten konnte? www.oldenbourg-verlag.de Lehrbücher Geschichte OLDENBOURG GRUNDRISS DER GESCHICHTE Band 30: Klaus Kreiser Der Osmanlsche Staat 1300-1922 zum Inhalt Klaus Kreiser legt in seiner Darstellung des Osmanenstaats besonderen Wert auf eine gleichmäßige Berücksichtigung von »innerer« und »äußerer« Geschichte. Band 31: Manfred Hildermeier Die Sowjetunion 1917-1991 zum Inhalt Manfred Hildermeiers Darstellung gibt eine Übersicht über die wichtigsten Entwicklungsphasen, Weichenstellungen und Zäsuren der sowjetischen Geschichte. Band 32: Peter Wende Großbritannien 1500-2000 zum I n h a l t Peter Wende verzichtet auf einen kompakten komprimierenden Abriss der britischen Geschichte zu Gunsten parallel angeordneter historischer Längsschnitte zu inhaltlichen T h e m e n . Jeder Band kostet D M 68,- (Ln.) bzw. D M 39,80 (Br.) Ihre Bestellung richten Sie bitte an Ihren Fachbuchhändler oder direkt an: verkauf-f@verlag.oldenbourg.de 2001. 252 Seiten Ln. ISBN 3-486-53721-0 Br. ISBN 3-486-53711-3 2001. Ca. 250 Seiten Ln. ISBN 3-486-56497-8 Br. ISBN 3 486-56179-0 2001. 234 Seiten Ln. ISBN 3-486-56511-7 Br. ISBN 3-486-56180-4,
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