Projekt 1710 „Makrele“ (NATO Code „Beluga“)
Andreas Jungmann
Nach dem ersten atomar angetriebenen U-Boot versuchten die Ingeneure die taktischen und technischen Eigenschaften
im Bereich Geschwindigkeit, Manövrier-Eigenschaft, Sonarleistung und Geräuschpegel zu verbessern. Priorität war die
Geschwindigkeit, diese wollte man durch Beeinflussung der Grenzschicht mit Polymer-Lösung kontrollieren.
1960 schlugen die Marinearchitekten B.F. Dronov und I.M. Brodenkov vor, ein bestehendes U-Boot als Labor zu
verwenden. Alle notwendigen Daten beim Verwenden unterschiedlicher Antriebsvariationen und verschiedene
Möglichkeiten der Senkung des Reibungswiderstandes wären damit messbar. 1962 wurde das Projekt genehmigt und die
wissenschaftlichen Akademien und Instituten unterstützte die Entwicklung.
Vor dem eigentlichen Bau des U-Boots wurde ein großer schwimmender Versuchsträger, der Tunfisch, gebaut. Mit ihm
sollten verschiedene Mittel untersucht werden die Strömungsgrenzschicht zu beeinflussen. Untersucht wurde die
Verwendung des Sogs um laminaren Fluss aufrecht zu erhalten, Vergasung und Ausstoß von hochmolekularem Kunststoff
Lösungen (Polymeren). Die Grenzschichtsteuertechnik 1710 sollte auf den Resultaten dieser Experimente basieren.
Das Modell, das eine stabilisierte Geschwindigkeit von ungefähr 60 Knoten hatte, wurde bei Skb-143 entworfen und 1970
in der Versuchsanlage der Sibirischen Abteilung der UDSSR Akademie der Wissenschaft gebaut. Die Versuche wurden
von 1971 bis 1974 in einer speziellen Versuchsanlage des UDSSR Akustischen Instituts in der Gegend von Sukhumi
durchgeführt. Maßstäbliche Versuche einiger Varianten des Modells (geometrisch ähnlich der Form der Beluga) zeigten,
dass es möglich ist die Grenzschicht mittels Polymeren zu kontrollieren. Der Tunfisch wurde in 300m freigelassen und
begann seinen Aufstieg. Die Polymervariante des Modells zeigte eine Abnahme des Gesamtwiderstandes von 30% - 40%,
und gleichzeitig eine Zunahme der Aufstiegsgeschwindigkeit von 12% - 18%.
Im Forschungsinstitut-Schiffsbautechnik Krylov wurden spezielle Tests mit dem 40m langen vorbildlichen Modell Igla
(Nadel) im Schleppkanal durchgeführt. Jene Tests zeigten eine beständige Reibungsverringerung durch PolymerEinspritzung mit hohen Reynolds Werten. Diese Organisation stellte die Vorbedingungen für eine systematische
Annäherung her, und setzte die Grundlage für einen wissenschaftlich-technischen Entwicklungsprozess: Labor und
Designforschung, dann großräumige Modelle, dann das Labor-U-Boot (Beluga) und zum Schluss das Kampfunterseeboot.
Das technische Design von Projekt 1710 wurde 1975 entwickelt. Obgleich Projekt 1710 ein experimentelles Unterseeboot
ist, waren die Form und die Hauptmaßverhältnisse die, die für die Entwicklung der Unterseeboote Projekt 696 und Projekt
705 verwendet wurden. Das Projekt 705, NATO Code Alfa, war eins der schnellsten Hochgeschwindigkeits-Unterseeboote.
Die Leningrad Admiralty Werft fing 1985 mit dem Aufbau von Projekt 1710 an. Nach zwei Jahren wurde das fertige
Unterseeboot an die wissenschaftliche Forschungsbasis in Sevastopol überstellt.
Die Vorstellung von der Rumpfform war revolutionär, kein paralleles Mittelteil und mit einem Verhältnis Länge zu Breite
von ungefähr 1:7. Solch eine Rumpfform sicherte den Erfolg der optimalen Antriebseigenschaften bei minimalem
Formwiderstand. Ein doppelter Rumpf wurde gewählt damit die äußeren Linien optimiert werden konnten. Der eigentliche
Druckkörper wurde als einfacher Zylinder ausgelegt, groß genug um die speziellen Systeme im Innenraum zu platzieren
und um positiver Auftrieb sicherzustellen. Die doppelte Rumpfkonfiguration ermöglichte auch die Positionsänderung des
Propellers und der Polymer-Ring-Schlitzejektoren. Auch die Veränderung der Form und das Material der Sonarverkleidung
waren somit möglich. Die Ausgangsplazierung der wissenschaftlichen Forschungsausrüstung, die auf Berechnungen
basiert hatte, wurde später geändert.
Das Boot wurde mit einem geräuscharmen Siebenblatt-Propeller ausgerüstet, mit dem eine Hoechstgeschwindigkeit von
25 Knoten zu erreichen war. Die Unterwassergeschwindigkeit und die hohen Steuer- und Manövriereigenschaften der
Beluga wurden während der Testfahrten bestätigt.
Das experimentelle U-Boot Projekt 1710 ist ein einzigartiges wissenschaftliches Schiff. Vergleichbar wäre nur die USS
Albacore (AGSS-569) der U.S. Navy die 1953 zur hydrodynamischen Forschung gebaut wurde. Versuche mit PolymerLösungen an Bord der Albacore führten nicht zum Gebrauch in der Flotte.
Die Beluga erlaubte Forschung im hydrodynamischen und akustischem Bereich auf einem neuen qualitativ hohem Niveau,
und brachte den Erfolg und Wissen, das nicht vorhanden war als die Albacore noch in Betrieb war. Gleichzeitig deutet es
auf das extrem große Potenzial von Projekt 1710 hin, wenn man bedenkt dass man mit der Albacore nahezu 20 Jahre
(bis 1973) Forschung auf diesem Gebiet betrieben hat.
Die besonderen Eigenschaften sind das System für die Anlieferung der Polymer-Lösung zur Grenzschicht und die große
Anzahl der wissenschaftlichen Forschungsausrüstung an Bord. Das System überwacht die Wirksamkeit der PolymerLösung auf die Reduzierung des Unterwasserwiderstandes und den Geräuschpegel der Strömung mit der
hydroakustischen Anlage unter normalen Bedingungen. Wird das System aktiviert, fließt Meerwasser und Polymer-Paste
zum Mischer. Die gemischte Polymer-Lösung wird dann in einen Zwischentank gespeichert, von dem aus sie über ein
Rohrsystem zu den Auslässen an Rumpf, Turm, Stabilisatoren und Propeller geleitet wird.
1987, nachdem die Versuche durchgeführt waren, wurde Projekt 1710 an die Marine geliefert, und man begann mit Tests
auf der Balaklava Strecke im Schwarzen Meer. Das Programm wurde erfolgreich weitergeführt bis die Soviet Union
zusammenbrach. Die systematischen Tests der neuen akustischen Systeme und der Technologie an Bord eines Labor-UBoots in Originalgröße hat eine starke Reduzierung der Versuche an Bord der Kampf-U-Boote ermöglicht. Sie brachten
sogar eine Erweiterung der Leistung und verringerten den Gesamtaufwand für die Wartung der U-Boot-Flotte.
Im Frühjahr 2002 besichtigten zwei Herren dieses Boot. Es sollte nach Deutschland verbracht und zum Museums-U-Boot
umgebaut werden. Das Boot war aber in einem sehr schlechten Zustand, Teile der Ausrüstung waren schon entfernt
worden. So ließ man von diesem Vorhaben ab. Mittlerweile wurde das Boot komplett abgewrackt.
Bildunterschriften:
Beluga_01.jpg
Die Silhouette und der kleine Turm deuten auf eine hohe Unterwassergeschwindigkeit hin.
Beluga_02.jpg
Die Beluga im Hafen von Sevastopol
Beluga_03.jpg
Der „Wal“ von hinten. Der Propeller, der aus dem Wasser ragt, ist gut zu erkennen.
Beluga_04.jpg
Einer der vielen Sensoren. Diese „Star Wars Gun“ war nur auf einer Seite neben dem Turm montiert.
Beluga_05.jpg
Der Sensor auf dem Turm.