IM ZWIESPALT ZWISCHEN PROFESSIONALITÄT UND ANGEHÖRIGKEIT: ETHISCHE PRINZIPIEN IN KIRCHLICHEN DOLMETSCHSETTINGS Seminararbeit Im Rahhmen des Seminars 520.024 Allgemein: Ethik im Kontext von Dolmetschpraxis und Dolmetschforschung an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Karl-Franzen-Universität Graz Vorgelegt von: Sebastijan Franković 12333276 Eingereicht bei: Ao.Univ.-Prof. Mag. Dr.phil. Nadja Grbić Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft Graz, Januar 2025 Inhaltsverzeichnis Einleitung .............................................................................................................. 1 1 Geschichte des Dolmetschens in religiösen Kontexten ..................................... 2 1.1 Jüdische Traditionen........................................................................................ 2 1.2 Christliche Traditionen .................................................................................... 3 2 Normen der Dolmetscher:innen in religiösen Settings ...................................... 4 2.1 Laiendolmetscher:innen .................................................................................. 4 2.2 Professionelle Konferenzdolmetscher:innen ................................................... 5 2.2.1 Ähnlichkeiten ...................................................................................... 5 2.2.2 Abweichungen .................................................................................... 6 3 Zukünftige Ausblicke ......................................................................................... 8 4 Schlussbemerkungen .......................................................................................... 9 5 Literaturverzeichnis .......................................................................................... 12 Einleitung Obwohl das Phänomen des Dolmetschens in religiösen Kontexten an sich so alt ist, wie die Religionen selbst, ist dieses Themenfeld in Bezug auf die ethischen und moralischen Prinzipien des dolmetscherischen Handelns in diesen Settings bislang wenig erforscht und in der wissenschaftlichen Literatur nur fallweise behandelt worden. Während sich umfangreiche Schriftstücke zur Ethik des Dolmetschen in juristischen, medizinischen oder politischen Kontexten, entweder für Laut- oder Gebärdensprachen finden lassen, was auch grundsätzlich ihre repräsentativen Ehren- und Berufskodizes bildet, bleibt die Untersuchung spezifischer Anforderungen, Dynamiken und Herangehensweisen des Dolmetschens in religiösen Settings vergleichsweise marginalisiert, was auch ihren nicht vorhandenen, niedergeschriebenen Berufs- bzw. Ehrenkodex erklären würde. Im Zuge der vorliegenden Seminararbeit wird versucht drei Forschungsfragen zu beantworten. Am Anfang wird auf Frage eins (1): „In welcher Beziehung stehen die Dolmetscher:innen zu den jeweiligen Gemeinden, in denen sie dolmetschen?“ eingegangen. Es wird erforscht auf welche Art und Weise die Dolmetscher:innen während der Ausübung ihrer Tätigkeit emotional beeinflusst werden und ob historische Hintergründe eine Antwort dabei bieten können. Da es in diesem Zusammenhang gewisse Erwartungen an die Dolmetscher:innen gibt, bezieht sich Frage zwei (2): „Welche ethische Normen kommen in religiösen Settings zum Vorschein, um erfolgreich zwischen Gott und seinen Gläubigern vermitteln zu können?“ auf die praktische Durchsetzung bzw. Agency der Dolmetscher:innen. Aufgrund der abwesenden Verschriftlichung eines Ehrenkodexes für Dolmetscher:innen in religiösen Settings, soll Frage drei (3): „Was sind die gravierendsten Unterschiede beim dolmetscherischen Handeln?“ in Form eines Vergleiches zwischen dem Berufskodex des Verbandes AIIC (International Association of Conference Interpreters) und den aus Frage zwei (2) erforschten Normen dargestellt werden, um Ähnlichkeiten und/oder Diskrepanzen herauszuarbeiten. Da beim Gottesdienst grundsätzlich (aber nicht nur) im simultanen Modus gedolmetscht wird, eignet sich der Berufskodex des Verbandes AIIC als gute Vorlage dafür. 1 1 Geschichte des Dolmetschens in religiösen Kontexten Die heiligen Botschaften Gottes (bzw. der Götter) an die Gläubigen zu vermitteln ist eine der wichtigsten Aufgaben der Religionen. Im Laufe der frühen Jahrtausende unserer Zivilisationen kam es jedoch durch Kriege, Eroberungen und Kolonialisierungen zur Unterjochung verschiedener Völker, was einen direkten soziologischen Einfluss auf die gesprochenen Sprachen hatte, und der Bedarf nach Kommunikation und Verständigung stieg. Des Weiteren werden in diesem Kapitel die jüdischen und christlichen Traditionen des Dolmetschens behandelt, um die Hintergründe dieser Tätigkeit näher erläutern zu können. 1.1 Jüdische Traditionen Biblische Zeugnisse berichten, dass die mündliche Übertragung der jüdischen Liturgie schon zu antiken Zeiten eine wichtige Rolle spielte. Ausschlaggebend für die Förderung der dolmetscherischen Tätigkeit ist nach Salevsky/Müller (2015:8–11) ein besonderes historisches Ereignis gewesen, und zwar der Fall Jerusalems und des Ersten Tempels durch die Eroberung des babylonischen Königs Nebukadnezar im Jahr 587 v. u. Z. und die daraus folgende Verbannung eines Großteiles der Juden aus Judäa ins Exil nach Babylon. Nach knapp fünf Jahrzehnten war es den deportierten Juden wieder erlaubt in ihre Heimat zurückzukehren. Zwei zusammenhängende Faktoren machten dabei die Rolle des ausschließlich männlichen Dolmetschers (des sog. Meturgeman) umso wichtiger. Zum einen hat das Aramäische aufgrund der persischen Oberhand im 6. Jh. v. u. Z. in diesem Gebiet das Hebräische als Lingua franca verdrängt, zum anderen musste man beim Synagogengottesdienst und bei den öffentlichen Vorlesungen den Inhalt der Thora einem Publikum näherbringen, dass nicht mehr Hebräisch beherrschte. Um die Lehre der Schriftperikope weiter verbreiten zu können, mussten die heiligen Texte Menschen mit unterschiedlichen sozialen, kulturellen und sprachlichen Kontexten verständlich gemacht werden (vgl. Salevsky/Müller 2015:11–12). Um dieses Hindernis zu überwinden, wurden die ersten Bausteine des konsekutiven Dolmetschens bei öffentlichen Lesungen und in der Synagoge gelegt. Beim Gottesdienst am Sabbat und an Feiertagen musste der Meturgeman die vorgelesenen Verse aus dem Hebräischen ins Aramäische nachsingen, aus dem Gedächtnis und aus dem Herzen. Um zu vermeiden, dass er dabei falsch dolmetscht, etwas auslässt oder hinzufügt, wurden nur ein bis drei Verse konsekutiv gedolmetscht, wobei ihre beiden Stimmen im Einklang waren. Beim Synagogengottesdienst war der Meturgeman verpflichtet während der Zeremonie so zu dolmetschen, dass er die geflüsterten Worte des Predigers mit muskalischer Intonation 2 wiedergab. Er fungierte wie eine Art Lautsprecher und sprach die Gemeinde mit großer rhetorischer Exzellenz an. Da Dolmetschen und Auswendiglernen der Heiligen Schrift Teil des Curriculums in hebräischen Schulen gewesen waren, konnten auch Laien und Freiwillige diese Tätigkeit ausüben (Kaufmann 2020:220–221). Nichtsdestotrotz blieb die Ausübung und die Agency der Dolmetscher subjektiv bedingt. Piotr Blumczynski (2020:42) betrachtet diese von einem kritischen Standpunkt und deutet darauf hin, dass sich in der Niedergeschriebenen mündlichen Überlieferung der Heiligen Schrift in den aramäischen Zieltexten aus dem 5. Jh. n. u. Z. zahlreiche Kontradiktionen im Vergleich zu den hebräischen Ausgangstexten finden lassen. Dies sei seiner Meinung nach ein Beweis dafür, dass Meturgemanen gewisse Ausdrücke als unorthodox oder unangemessen empfunden haben, was sie zum selbstständigen Agieren zwang um diese Dilemmata, die im Widerspruch zu ihren Überzeugungen standen, zu beseitigen. 1.2 Christliche Traditionen Bevor fast zur selben Zeit auch eine universelle Verschriftlichung der katholischen Bibel ins Latein gefördert worden war, ist zentraler Ausgangspunkt der damaligen Bibelübersetzer die Septuaginta gewesen. Eine schon vorhandene Übersetzung aus dem Hebräischen, welches im 4. Jh. n. u. Z. ausgestorben ist (vgl. Salevsky/Müller 2015:11). Die daraus resultierende Vulgata des Kirchenvaters Hieronymus blieb für mehr als ein Millennium die autoritativste Version des Heiligen Textes. Den Weg zu den griechischen und hebräischen Wurzeln hatten dann erst die Reformatoren im 16. Jh. n. u. Z. eingegangen, da sie sich stark für den Ursprung des „wahren“ Christentums engagierten. Einigen ihrer Übersetzungen ist es einerseits zwar gelungen den Status eines neuen autoritativen Texters zu erlangen, andererseits haben aber auch viele Autoren ein tragisches Ende für ihren Einsatz finden müssen (vgl. Blumczynski 2020:43). Ob eine mündliche interlinguale Übertragung der biblischen Passagen während der heiligen Messe, wie wir sie beim Judentum kennen, auch beim Christentum stattgefunden hat, bleibt noch offen. Obwohl es sich hierbei um eine sehr alte Praxis handelt, ist der Interesse zur wissenschaftlichen Untersuchung des Dolmetschens in religiösen Settings erst seit kurzem gestiegen. Es kann jedoch von der Prämisse ausgegangen werden, dass sich aufgrund des Lateinischen, das seit dem Frühmittelalter bis zur Neuzeit eine die führende Sprachen Europas gewesen war, der Klerus solche Tätigkeiten nicht zulassen würde. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden viele begleitende Paratexte zu den Heiligen Schriften, die die vom Klerus bestimmten Interpretationen der Botschaften beinhalteten. Blumczynski (2020:43) verweist 3 damit auf die Möglichkeit, dass der Gottesdienst bis zur Zeit der Reformation ausschließlich in Latein stattgefunden haben musste. Der römisch-katholische Klerus diente somit als eine Art „gate keeper“ der Paratexte, was sich in der Historiographie mehrmals als Verfolgung der eingenen Interessen erwiesen hatte. Dafür sprechen auch die mörderischen Neigungen zu den Übersetzern, die der Klerus als gefährlich gekennzeichnet hat. Nichtsdestotrotz öffnete die Globalisierung der heutigen Welt neue Perspektiven, und Methoden wie z. B. Autoethnografie, die dieses bislang marginalisierte Setting zum Forschungsfeld vieler Gelehrten machte. Ein Zweig des Katholizismus wird dabei besonders hervorgehoben – Pentekostalismus bzw. die Pfingstbewegung, die des Weiteren noch behandelt wird. 2 Normen der Dolmetscher:innen in religiösen Settings Normen und Regeln bestimmen nach Köberer (2014:21–23) die Moral einer bestimmten Gemeinschaft bzw. Gruppierung von Menschen, in diesem Fall der Dolmetscher:innen, und sind zu differenzieren vom Begriff der Ethik. Dieser dient als Oberbegriff zu Moral und deutet auf die (moral-)philosophische Disziplin, während sich die Moral der betroffenen Gruppe in ihren Wertvorstellungen und in ihrem daraus folgenden Handeln zeigt. Im Folgenden soll darauf eingegangen werden, auf welche Art und Weise dieses Handeln zum Vorschein kommt. 2.1 Laiendolmetscher:innen Den Begriff Laiendolmetscher:innen bzw. Nicht-Professionelle-Dolmetscher:innen wird nach Hokkanen (2017:195) als negativ konnotierte Darstellung eines/einer Dolmetscher:in, der/die sich keinem Training des Dolmetschens unterzog und sich nicht mit der wissenschaftlichen Lehre der Translation auseinandersetzte, was als Folge eine niedrige Qualität des Endprodukts (einer Verdolmetschung) hat. In ihrer Definition nach Brian Harris (2012; 2010; 2009), muss man dennoch vorsichtig bei der Formulierung sein. Es soll zwischen Experten, die sich wissenschaftlich mit diesem Thema auseinandergesetzt und viele Erfahrungen gesammelt haben, und den Nicht-Experten differenziert werden. Der einzige Unterschied zwischen den professionellen und nicht professionellen Dolmetscher:innen sei wesentlich die Tatsache, dass sie für die Ausübung ihrer Tätigkeit nicht in Form eines Entgeltes bezahlt werden. Dass die Dolmetscher:innen jedoch von der Kirche nicht bezahlt werden, sondern es sich hierbei um eine Ehrenamtliche Tätigkeit zur Förderung der Gemeinde handelt, verursacht Widersprüche in Bezug auf die oben angeführten Definitionen. 4 Durch die Forschungsmethode der Autoethnografie, also Selbstreflexion des eigenen sozialen Handelns innerhalb einer Gemeinde, nennt Hokkanen (2017:205) Beispiele aus ihrer Praxis und beschreibt ihre Erfahrungen, die als hilfreiche Quelle zur Erörterung der Forschungsfrage zwei (2) dieser Arbeit dient. Ihren Forschungsergebnissen nach involvieren sich die Dolmetscher:innen sowohl sozial, als auch interaktional und geistlich. Dies ist auch ein Resultat der an die Dolmetscher:innen gestellten Erwartungen, sich Beteiligt and diesen Zeremonien und in der Gesellschaft zu fühlen (vgl. Hokkanen 2017:70). Diese gesellschaftliche Beteiligung verläuft in einem normalerweise sehr engen sozialen Kreis, in dem sich alle gegenseitig kennen. Aus diesem Grund sind emotionale Auseinandersetzungen mit dem Setting und den dazugehörenden Erfahrungen unausweichlich. Da die Dolmetscher:innen auch Teilnehmer:innen der Heiligen Messen sind, versetzen sie sich sowohl in die Rolle des/der Teilnehmer:in, als auch die Rolle des/der Dolmetscher:in. Nicht nur, dass die Rolle des/der Teilnehmer:in die rein neutrale Dolmetschung hindert, sie versetzt die Dolmetscher:innen in einen Zustand, in dem sie die Anwesenheit Gottes verspüren, und sie von der Botschaft, die sie dann auch vermitteln, emotional überwältigend auf sie wirken kann, da die Dolmetscher:innen gefordert werden die heiligen Worte Gottes zu vermitteln. Auch das ist nach Hokkanen (2017:72) normaler Bestandteil des gedolmetschten Gottesdienstes. 2.2 Professionelle Konferenzdolmetscher:innen Wie schon erwähnt, ist zwischen verschiedenen Begriffen zur Professionalität der dolmetscherischen Tätigkeit zu differenzieren. In diesem Unterkapitel wird der Berufskodex des Verbandes AIIC (Interantional Association of Conference Interpreters) herangezogen, um eine kontrastive Analyse zum Vergleich der jeweiligen relevanten Normen zu ermöglichen, die das Dolmetschen im simultanen Modus dieser repräsentativen Gesellschaften auszeichnen. Dabei muss beachtet werden, dass die Konferenzdolmetscher:innen der AIIC durch Training erworbene Fachkompetenzen erlangt haben. 2.2.1 Ähnlichkeiten Bevor in Details eingegangen wird, soll zunächst die Art der Interaktion zwischen den Gesprächsparteien und die angewandte Optimierungsstrategie der Dolmetscher:innen erläutert werden, die diese beiden Settings des Dolmetschens in religiösen Kontexten und des klassischen Konferenzdolmetschens verbindet. Bezüglich der Interaktion, die auf beiden Seiten vorhanden ist, spricht Prunč hierbei von einem monologischen Interaktionstypen. Dieser bezieht sich auf die Voraussetzung, „dass ein mehr oder minder mit Macht ausgestatteter Autor 5 an eine mehr oder minder homogene und rezeptionsbereite Adressatengruppe eine Botschaft übermittelt“ (Prunč 2016:20). Dabei soll beachtet werden, dass die Intentionen des/der Redner:in bzw. des/der Autor:in wiedergegeben werden und dass der Zieltext denselben Effekt auf das Publikum auswirkt. Dies sei seiner Meinung nach dann erreichbar, wenn die Adressat:innen dieselben kognitiven und kulturellen Voraussetzungen wie der/die Autor:in besitzen. In religiösen Settings sind diese Voraussetzungen durchaus erkennbar, da es sich um Angehörige der gleichen Gesellschaft und der gleichen Religion handelt, und sich alle betroffenen Personen mit dem gleichen Ziel beim Gottesdienst versammeln, wobei erwähnt werden soll, dass Gott als dritte Gesprächspartei in diesem Zusammenhang ausgeschlossen ist. Dolmetscher:innen greifen demzufolge nach der Strategie des Neusprechens. Dieses Konzept wird als situationsbedingte Neuformulierung des Ausgangstextes durch den/die Dolmetscher:in verstanden, wobei die Kernaussage beibehalten wird (vgl. ibid.:18). Es sind auch weitere Ähnlichkeiten vorhanden, die die beiden Settings verbinden. Diese sind unter den Arbeitsbedingungen des Verbandes AIIC zu suchen. Dort wird festgelegt, dass sich die Dolmetscher:innen um ihre Arbeitsbedingungen bezüglich der Tonqualität bemühen sollen, und dass eine gute Sicht auf den Konferenzsaal gewährleistet werden soll. Die selbe Situation beschreibt Hokkanen (2017:199), in der die Dolmetscher:innen in religiösen Settings eine Dolmetschkabine mit Blick auf den Altar und einen Teil des Publikums vorhanden ist. Ein unverzichtbarer Teil jedes Simultanauftrags, der direkten Einfluss auf die Dolmetschleistung hat. Dabei sind das Equipment und die verwendete Technik dieselben, was Laien in Verlegenheit bringen kann, wenn sie mit der Technik nicht vertraut sind. 2.2.2 Abweichungen Im Artikel 2 des Ehrenkodexes des Verbandes AIIC wird festgelegt, dass sich die Dolmetscher:innen stets beruflich fortbilden sollen, was zum ersten Widerspruch zu den Dolmetscher:innen in religiösen Settings führt, da die Letzteren diese Tätigkeit nicht beruflich ausüben. Auch Artikel 3(b) bestimmt eine Norm, die im Vergleich zum religiösen Setting nicht angewendet werden kann, und zwar, dass die Dolmetscher:innen keine Aufträge annehmen, für die sie nicht qualifiziert sind. Wie schon beschrieben, handelt es sich beim religiösen Setting um freiwillige Dolmetscher:innen, die durch den bloßen Wunsch getrieben werden, so gut wie möglich für ihre Gemeinde zu dolmetschen. Weitere Normen des Berufskodexes beziehen sich entweder auf die gemeinsame Mitwirkung der Verbandsmitglieder oder auf die Aufrechterhaltung des guten Rufes des Verbands, was auch hier zu einer Differenzierung führt, da es keinen Verband der Dolmetscher:innen in religiösen Settings als solchen gibt. Außerdem 6 verweisen die Richtlinien des Berufskodexes für Konferenzdolmetscher:innen darauf, dass beim Ausüben der Tätigkeit bei Aufträgen nur in die Rolle des/der Dolmetscher:in eingegangen werden soll, um sich selbst als Dolmetscher:in so gut wie möglich zu distanzieren und um die wenigste Verantwortung zu übernehmen. Im Gegensatz zum religiösen Setting, fällt hier das Involvieren in das Geschehen und die Mitgestaltung der Ereignisse komplett aus. Im Artikel 7 wird bestimmt, dass nach Unterlagen gefragt werden soll, um eine gute Vorbereitung zu ermöglichen. Dies fällt bei ebenfalls der Messe aus. Dort müssen die Dolmetscher:innen auf ihre memorisierten Verse zurückgreifen um die Botschaft Gottes erfolgreich zu vermitteln, und zwar durch ständige Auseinandersetzung mit dem biblischen Inhalt (vgl. Hokkanen 2017:201). Die größten Abweichungen sind jedoch dort zu finden, wo sich die meisten Dolmetschsettings der ausgeschulten Dolmetscher:innen am ähnlichsten sind, sowohl für den konsekutiven als auch für den Simultanmodus. Dies bezieht sich auf die Norm der Unparteilichkeit bzw. Neutralität, um sich von Beteiligten nicht beeinflussen zu lassen. Diese These wirft Hokkanen (2017:216) vollkommen ab, indem sie darauf hindeutet, dass Dolmetscher:innen stets eine soziale Rolle einnehmen, und dass sie in Hinblick auf die Berufskodizes nicht nicht anwesend sein können, unabhängig vom Dolmetschsetting. Dieses Engagement wird im Setting der religiösen Kontexten umso mehr deutlich, da sich die Dolmetscher:innen persönlich mit dem Thema und dem gedolmetschten Inhalt identifizieren. Die Einzigartigkeit dieses Settings ist dadurch nicht mit den Konferenzsettings gleich zu setzen. Religiöse Kontexte sind Teil des Kommunaldolmetschens, bei dem am häufigsten der simultane Modus eingesetzt wird. Deswegen kann argumentiert werden, dass die Dolmetscher:innen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Gesellschaft sowohl das Neusprechen als auch das Fürsprechen in einem trialogischen Interaktionstypen einsetzen. Dies kommt dann zustande, wenn Translatoren aktiv und als identifizierbare Partner an der transkulturellen Kommunikation mitwirken und sie verantwortlich mitgestalten. Beim Dolmetschen wird dabei vielleicht zwischen einer „sanfteren“ Form der translatorischen Intervention, die nur die Dialogsteuerung betrifft, und einer direkteren Form von Intervention zu unterscheiden sein, bei der Translatoren diskursiv an der Konstruktion gesellschaftlich vermittelter Wahrheiten und Vorstellungen mitwirken (Prunč 2016:29). Die Dolmetscher:innen sind somit selbst bei der Gestaltung der Kommunikation beteiligt und nehmen durch ihren bewussten und proaktiven Output eine aktive Rolle beim Prozess der 7 Übermittlung heiliger Botschaften ein. Eine viel passendere Erklärung, die die Bereitschaft der Dolmetscher:innen zum agieren fördert, womit auch die idealtypische Neutralität, die in den Berufs- und Ehrenkodizes eingebettet ist, lediglich hinterfragt und die subjektive Selbstverantwortung der in einem ständigen Kontinuum dolmetscherichen Handelns betont wird (ibid.:32). 3 Zukünftige Ausblicke Eine verstärkte Forschung im Bereich des religiösen Dolmetschens würde es ermöglichen, die spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen dieser Praxis des Dolmetschens in religiösen Settings besser zu verstehen. Dies umfasst die Untersuchung der sprachlichen und kulturellen Kompetenzen, die für das Dolmetschen in diesen Settings erforderlich sind, sowie die Entwicklung von Methoden zur Bewältigung emotionaler und ethischer Hindernisse, die diese Seminararbeit hervorhebt. Angesichts der Tatsache, dass eine geringe Menge an Hilfsmaterialien zur Verfügung stehen, könnte die Entwicklung eines eigenen Berufskodexes für Dolmetscher in religiösen Kontexten diesem Zusammenhang dazu beitragen, ethische Standards und professionelle Praktiken zu etablieren. Dieser Kodex sollte dementsprechend Richtlinien für den Umgang mit den spezifischen Anforderungen beinhalten, wie Laien z. B. zurecht zu kommen können, und nicht die Wahrung der Unparteilichkeit beispielsweise berücksichtigen. Der Kodex hat auch Potential sich erweitern zu können und noch die Achtung der kulturellen und religiösen Sensibilitäten der Gemeinschaften, in denen sie arbeiten, enthalten. Durch die Einhaltung eines solchen Kodex wäre es Dolmetscher:innen ermöglicht das Vertrauen der Gemeinschaften noch besser zu gewinnen und die Integrität ihrer Arbeit sicherzustellen. Leider spielt dabei auch die Kirche eine wichtige Rolle als Auftraggeber, weil sie eben diese Praxis nicht finanziell unterstützt. Wissenschaftliche Institutionen sind diejenigen, die dabei das Potential besitzen zusätzliche Hilfe zu leisten. Ausbildungsprogramme und Kooperationen würden auch zur gemeinsamen Gestaltung eines breiten Feldes der Translation noch mehr zu bereichern. Die zunehmende Vielfalt religiöser Gemeinschaften erfordert von Dolmetschern eine hohe interkulturelle Kompetenz. Dies bedeutet, dass Dolmetscher nicht nur sprachliche Fähigkeiten, sondern auch ein tiefes Verständnis der kulturellen und religiösen Hintergründe der Gemeinschaften, in denen sie arbeiten, entwickeln müssen. Durch interkulturelle Schulungen 8 und Fortbildungen können Dolmetscher:innen ihre Fähigkeiten in diesem Bereich weiter ausbauen und so eine bessere Vermittlung religiöser Botschaften gewährleisten. Die fortschreitende Technologie bietet ebenfalls vielversprechende Möglichkeiten für das Dolmetschen in religiösen Kontexten. Beispielsweise können Spracherkennungssoftwares und Programme wie z. B. Dragon, das beim ÖRF verwendet wird, Dolmetscher:innen dabei helfen, schneller und präziser zu arbeiten, was jedoch zusätzliche Ausbildungen der Dolmetscher:innen und eine Erweiterung ihrer Kompetenzen verlangen würde. Die wissenschaftliche Literatur spricht, im Gegensatz zu den Laien für gedolmetschte Lautsprachen in religiösen Settings, von professionellen Dolmetscher:innen für Gebärdensprachen in diesen Settings schon seit der Antike, die ihre Leistungen in diesem Zusammenhang für Entgelt erbringen. Deswegen werden sie nur in den seltensten Fällen auch in religiösen Settings gefunden. Ein Respeaking-Programm kann es der gehörgeschädigten Community, die lesen kann, bzw. deren Muttersprache nicht eine Gebärdensprache ist, ermöglichen, die Messen trotz allen Aufwänden leichter zu verfolgen und so unsere barrierefreie Gesellschaft zu erweitern, auch wenn so ein Projekt eine Leinwand mitten in der Kirche verlangen würde. Darüber hinaus können virtuelle und erweiterte Realitäten neue Wege eröffnen, um religiöse Rituale und Zeremonien zu dolmetschen und zugänglicher zu machen. Die Zusammenarbeit und der Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen Expert:innen und Laien können ebenfalls zur Weiterentwicklung dieses Zweigs beitragen. Durch die Schaffung von Netzwerken, Plattformen und Foren für den Austausch von Best Practices und Forschungsergebnissen können Dolmetscher:innen voneinander lernen und ihre Fähigkeiten kontinuierlich verbessern. Solche Netzwerke können auch dazu beitragen, die Sichtbarkeit und Anerkennung des Dolmetschens nicht in religiösen Kontexten, sondern auch allgemein zu erhöhen und die Bedeutung dieser Praxis in der globalisierten Welt zu unterstreichen. Natürlicherweise basieren all diese Möglichkeiten auf einer rein theoretischen Konstellation noch nicht realisierter Lösungen, die das Ziel verfolgen Dolmetschen in religiösen Settings zu verbessern und zu entwickeln. 4 Schlussbemerkungen Die Wurzeln des Dolmetschens lassen sich durch Millennia hinweg verfolgen. Die Tatsache, dass das wissenschaftliche Interesse erst im 21. Jh. gestiegen ist, scheint deswegen umso mehr verblüffend. Die geschichtlichen Hintergründe zeigen, dass das Dolmetschen eine uralte 9 Tradition ist, die von einer sehr sonderbaren Gruppe von bi- oder multilingual Individuen bis zum heutigen Tag geprägt wird. Jüdische Traditionen (im Gegensatz zu den christlichen) entwickelten eine sehr stark ausgeprägte mündliche Überlieferung aufgrund unterschiedlicher Faktoren, um ein kollektives Gefühl der Zugehörigkeit mittels Dolmetschen zu verbreiten. Dies verursacht natürlicher Weise bei sozialen Lebewesen eine emotionale Verbindung, die das Eigene vom Fremden unterscheidet. Um dabei das Eigene durch das Fremde (wie hier z. B. einer Fremdsprache) zu vermitteln und es damit auch integrieren, bedarf schon rein an sich ein großes Ausmaß an Engagement, was die gewidmeten Meturgemanen auch deutlich gezeigt haben. Das dieselben Perspektiven auch von heutigen Dolmetscher:innen in religiösen Kontexten vertreten sind, ist eindeutiger Beweis dafür, dass dieselben Grundnormen und Prinzipien durch Jahrtausenden hinweg geltend geblieben sind. Um dabei auf Frage (1) einzugehen, kann von der Prämisse ausgegangen werden, dass die Dolmetscher:innen in einer engen Beziehung zu den Gemeinden, in denen sie dolmetschen stehen. Sie sind oft emotional beeinflusst durch ihre Tätigkeit und die historischen Hintergründe, die ihre Arbeit prägen, untermauern diese These. Diese Beziehung ist geprägt von den Erwartungen der Gemeinde an die Dolmetscher:innen und deren Engagement in der Gemeinschaft. Die Dolmetscher:innen sind nicht nur Vermittler:innen von Sprache, sondern auch von Kultur und Religion. Sie tragen dazu bei, dass die Gemeinde die heiligen Botschaften Gottes versteht und sie sich in den religiösen Zeremonien beteiligen kann. Diese emotionale Bindung kann sowohl eine Herausforderung als auch eine Bereicherung für den/die Dolmetscher:innen sein, da sie sich oft in einem Spannungsfeld zwischen ihrer eigenen religiösen Überzeugung und der Natur des Dolmetschens als selbstbewusstes handeln befinden. Zu Frage zwei (2) kann gesagt werden, dass in religiösen Settings spezifische ethische Normen zum Vorschein kommen, die die Dolmetscher:innen bei ihrer Arbeit leiten. Diese Normen betreffen die praktische Durchsetzung und Agency der Dolmetscher:innen, die oft ohne einen schriftlich festgelegten Ehrenkodex arbeiten. Die Dolmetscher:innen müssen sich dabei sowohl sozial als auch geistlich in die Gemeinde einbringen um die heiligen Worte Gottes vermitteln zu können. Diese ethischen Normen umfassen die Verpflichtung zur Genauigkeit und Treue gegenüber den heiligen Texten, die Wahrung der Vertraulichkeit und die Achtung der religiösen Sensibilitäten der Gemeinden, wie es schon bei den jüdischen Traditionen vorgekommen ist. Die Dolmetscher:innen müssen auch in der Lage sein, mit den emotionalen und spirituellen Herausforderungen umzugehen, die mit ihrer Tätigkeit verbunden 10 sind. Dies erfordert ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, sich in die Perspektive des/der Gläubigen zu versetzen, weswegen es für sie umso wichtiger ist Teil der Gemeinde zu sein. Probleme können jedoch auftreten, wenn man zwischen den Rollen des/der Zuhörer:in beim Gottesdienst und des/der Dolmetscher:in beim Gottesdienst nicht wechseln kann, was eine kognitive Belastung verursacht. Aus diesem Grund können Dolmetscher:innen auf diese Rollen entweder verzichten, oder sie zu einer einzigartigen Rolle verbinden, wie wir es bei den klassischen Konferenzdolmetscher niemals erleben würden. Die gravierendsten Unterschiede beim dolmetscherischen Handeln in religiösen Settings im Vergleich zu anderen Kontexten liegen in der fehlenden Professionalisierung und dir offensichtlichen emotionalen Beteiligung der Dolmetscher:innen. Während professionelle Konferenzdolmetscher:innen nach einem strikten Berufskodex arbeiten und sich auf ihre Fachkompetenzen stützen, sind die Dolmetscher:innen in religiösen Settings oft Laien, die aus persönlichem Engagement und Glauben handeln. Darauf basierend kann auch argumentiert werden, dass die Dolmetscher:innen sogar durch ihren eigenen Glauben motiviert werden können. Zudem gibt es Unterschiede in der Vorbereitung und der Rolle der Dolmetscher:innen während der Zeremonien. In religiösen Settings müssen die Dolmetscher:innen oft spontan und ohne vorherige Vorbereitung dolmetschen, was eine besondere Herausforderung darstellt. Sie müssen auch in der Lage sein, die emotionale und spirituelle Bedeutung der heiligen Texte zu vermitteln, was eine tiefere Kenntnis der religiösen Lehren und der Praktiken erfordert. Diese Unterschiede machen die dolmetscherische Agency in religiösen Settings zu einer einzigartigen und anspruchsvollen Aufgabe. 11 5 Literaturverzeichnis AIIC (2019) Berufsethik der AIIC. The International Association of Conference Interpreters. Erhältlich unter: https://aiic.de/berufsethik/ [17.01.2025]. Blumczynski, Piotr (2020) „Bible, Jewish and Christian“, in: Baker, Mona/Saldanha, Gabriela (eds.) Routledge Encyclopedia of Translation Studies. Third Edition. London/New York: Routledge, 40–46. Hokkanen, Sari (2017) „Simultaneous Interpreting and Religious Experience: Volunteer Interpreting in a Finnish Pentecostal Church“, in: Antonini, Rachela/Cirillo, Letizia/Rossato, Linda/Torresi, Ira (eds.) Non-professional Interpreting and Translation. State of the Art and Future of an Emerging Field of Research. Amsterdam: John Benjamins, 195–212. Hokkanen, Sari (2017) „Experiencing the Interpreter’s Role. Emotions of Involvement and Detachment in Simultaneous Church Interpreting“, in: Translation Space (Volume 6, Band 1). John Benjamin Publishing Company, 62–78. Kaufmann, Francine (2020) „Jewish Tradition“, in: Pöchhacker, Franz (ed.) Routledge Encyclopedia of Interpreting Studies. London/New York: Routledge, 220–222. Köberer, Nina (2014) Advertorials in Jugendprintmedien. Ein medientechnischer Zugang. Wiesbaden: Springer VS. Prunč, Erich (2016) „Nachsprechen – Neusprechen – Fürsprechen – Widersprechen. Ethische Parameter Julia/Zwischenberger, dolmetscherischen Cornelia (eds.) Handelns“, in: Richter, (Neu-)Kompositionen. Aspekte transkultureller Translationswissenschaft. Berlin: Frank & Timme, 17–37. Salevsky, Heidemari/Müller, Ina (2015) Beiträge zu einer Geschichte der Translation. Vom Wirken bedeutender Dolmetscher und Übersetzer. Main/Wien/NewYork/Oxford/Bern/ Berlin: Peter Lang, 1–15. 12 Frankfurt am
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